Manfred Brandl - Der Kanonist Joseph Valentin Eybel 1741-1805

Fall bestimmen, ob eine Schrift in direkter Auseinandersetzung mit Eybel steht oder sich unabhängig von ihm mit dem Tagesthema Nr. 1 jener Zeit, Papst und Primat, beschäftigt. Wir möchten auch gleich ein so hochgestochenes Wort wie "Auseinandersetzung" zurücknehmen. Vieles dieser literarischen Produktion ist nicht "Auseinandersetzung", sondern plattester Journalismus, gleichgültig, ob Roms Ansprüche verteidigt oder bekämpft werden sollten. Eybels Schrift darf als die berühmteste und typischste aller im josephinischen Jahrzehnt erschienenen Kleinschriften des deutschen Sprachraums betrachtet werden. Bei gründlicher Durchsicht62 der meisten in den Jahrzehnten von ca. 1770 - 1820 erschienenen katholischen periodischen Zeitschriften und Besprechungsorganen im katholischen Deutschland ist uns nirgends aufgefallen, daß eine einzige Schrift unseres Sprachraumes nur annähernd so viele Stimmen wachgerufen hätte. Friede! bemerkt hierzu63 : „Zum Erstaunen wars, was alles über die Ankunft des heiligen Vaters geschrieben ward. Eibel, sobald es bestimmt ward, daß Pius wirklich kommen werde, schrieb seine Brochüre : was ist der Pabst. Sie machte Lerm, wurde von den Vernünftigen mit allgemeinem Beyfall aufgenommen, von den Bigotten verketzert; von dummen Kontroversisten beschimpft; - man nannte Eibel einen Ketzer, und kreuzigte sich vor ihm, wie vor dem Beelzebub. - Wahr ist es, Eibel sagte nichts Neues; seine Sätze lagen in den bessern Kanonisten als erwiesen da; der Aufgeklärte wußte ohnehin, was Eibel hier sagte. Aber wußte auch der ungeheure Schwarm von Pöbel in allen Ständen, was er von Papst und Papstesmacht glauben sollte? ... Eibel hat also sehr viel Verdienst, daß er mit dieser Frage eben zu dieser Zeit erschien: ihm hat man es zu danken, daß nun 20.000 Wiener mehr - zur Fahne der geläuterten Vernunft in diesem Punkte schwuren. Verdienst genug für Eibeln!" Man muß Eybel konzedieren: er hatte treffsicher genau das geschrieben, was in der Luft lag. Der „Erfolg" des Papstschriftchens beweist es. Alle anderen Schriften für und über den Papstbesuch in Wien riefen bei den Gebildeten nur geringschätziges Lächeln hervor64. 62 Verfasser erstellte im Zuge der Neubearbeitung des Hurter' schen Nomenclators allein für die deutsche Umbruchszeit von ca. 1770 bis ca. 1820 einen Katalog von annähernd 2500 Kirchenschriftstellern , ihren Werken, deren Besprechungen, und mehreren tausend anonymen Schriften dieser Zeit zu kirchlichen Themen. 63 Friede!, Briefe aus Wien {1. Teil) , 81784, S. 202 f. 64 Zum Papstbesuch erschienen : A. F . Bauer , AM/iihrliche Geschichte des Papstes Pius VI . (Braschi) v on Rom nach Wien und der Rückreise von Wien nach Rom . .. 1. Th. Wien: Tomicy 1782, Vorrede + 110 S. (Wertlose Spekulation). Weitere Schriftenhinweise - Anmerkungen auf der nächsten Seite (oben). 185

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