9. Jahresbericht der k. k. Realschule in Steyr, 1879

18 mit dem Schema aab aab bec geschrieben ist. Abweichend sind ferner einige Geleite gebildet, nämlich das des Compleynt of Venus, eine zehnzeilige Strophe mit den Reimen aab aab ba a b, das Geleite des Compleynt of Chaucer to his Purse (XIV), eine fünfzeilige Strophe mit den Reimen a a bb b, und das der Ballade de Visage sauns Peynture (XIII), eine sechs¬ zeilige Strophe mit den Reimen ab ab ab. Die Form macht sich der Dichter mitunter recht schwer; so sind VI, XI, XII, XIII und XIV im Metrum der Ballade geschrieben, nach welchem je drei Strophen nicht nur dieselben Reime, sondern auch denselben Kehrreim oder Refrain haben. Letzteren fin¬ den wir nur in den lyrischen Gedichten Chaucer’s. Der Reim ist bei Chaucer überhaupt genau, besonders in den lyrischen Gedichten. Wir können nur eine Ungenauigkeit hier anmerken; v. 64 und 66 der Oratio lauten nämlich: Wele aughten we the worschip and honour Seing that upon the was laid the cure. Honour und cure sind ungenaue Reime, da in Chaucer’s Zeit honour mit dem U-Laut, cure aber auf französische Weise ausgesprochen wurde.*) Dasselbe gilt von aventure honoure, im Compl. of Mars and Venus, v. 320—21. Eine Eigenthümlichkeit der Chaucer’schen Sprache, die sich an zal¬ reichen Beispielen der Hauptwerke nachweisen lässt, finden wir in den lyrischen Gedichten wieder, nämlich die Verbindung eines romanischen und eines germanischen Wortes am Versende, um denselben Begriff auszudrücken. Wir führen die betreffenden Stellen au : honde and alliance (II, 42), wepe and pleyne (II, 18), wepe and crien (IV, 112), visage and lokynge (IV, 327). Wir haben noch die Frage um den Wert der lyrischen Gedichte Chaucer’s zu beantworten. Derselbe ist zunächst ein biographischer. Wir denken dabei nicht blos an jene Stellen, die auf die äusseren Lebensumstände des Dichters Bezug nehmen. Es soll damit mehr gesagt sein. Wäbrend Chaucer’s übrige Werke, vor allem die Canterbury Tales durchaus den Stempel eines objectiven Realismus und Humors tragen, tritt in den lyrischen Gedichten seine eigene Individualität mehr hervor. Der scharfe Beobachter und schalkhafte Zeichner seiner Zeitgenossen lässt uns bier einen allerdings mehr ahnenden Blick in sein innerstes Selbst tun. Wir merken, dass die ruhig heiteren Züge mit den träumerischen Augen und dem leisen Lächeln um den Mund, wie uns aus Occleve's Bild2 und der Beschreibung des Wirtes in den Canterbury Tales heute noch, nach fast 500 Jahren, Chaucer’s Portrait in alter Frische anblickt, oft genug der Gedanke an harte Kämpfe und bittere Leiden umwölkt und verdüstert haben mochte; und wol muss es uns seltsam anrühren, wenn wir uns vor¬ ’) S. Ellis. On Early Engl. Pronounciation, p. 251 ff. 2) Vgl. Life of Chaucer by Sir Harris Nicolas, bei Morr. I, 83.

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