100 Jahre Höhere Technische Bundeslehranstalt

DIE ANFERTIGUNG VON SCHMIEDEGESENKEN IM DREIDIMENSIONALEN GRAVIERVERFAHREN Die fachlichen Ziele der Ausbildung an einer Fachschule sind kurz gefaßt folgende: Das Kennenlernen der wichtigsten modernen Herstellungs-, Bearbeitungs-. Meß- und Prüfverfahren, der entsprechenden Maschinen, Werkzeuge, Meßund Prüfgeräte sowie der Werkstoffe und die Erlernung einer ausreichenden Fertigkeit, weiters Selbständigkeit bei der Durchführung der wesentlichen Arbeitsverfahren der Fachrichtung mit Rücksicht auf die spätere Verwendung des Absolventen als hochqualifizierter Facharbeiter, der nach einem Jahr Praxis die Meisterprüfung ablegen kann. Ein Arbeitsbeispiel möge veranschaulichen, wie wir einige Kriterien dieser Zielsetzung zu erreichen trachten. Wir bekommen von der Werkstättenleitung den Auftrag, Schmiedegesenke zur Herstellung von Spannzwingen-Klemmbakken anzufertigen. Dies ist angesichts unserer schulischen Möglichkeiten eine respektable Aufgabe, handelt es sich doch um ein Werkstück aus bestem Warmarbeitsstahl im Ausmaß 240 x 150 x 120 mm und mit einem Stückgewicht von ca. 35 kg. Die Klemmbacken der Spannzwinge haben die Ausmaße 156 x 30 x 30 mm. Entsprechend dieser verlangten Größe lassen wir uns in der schuleigenen Tischlerei ein Holzmodell im Maßstab 2:1 anfertigen. Von diesem Holzmodell ausgehend, beginnt unsere Tätigkeit mit der Herstellung eines abtiisthiiren Gießharzmodells, ohne das man heute eine einwandfreie Modellwiedergabe mit möglichst kleinem Maßschwund nicht mehr erreichen würde. Das Holzmodell wird mit Wänden umrahmt, das entsprechende Volumen errechnet und dann auf die erforderlichen 48 Gewichtsanteile mittels einer genauen Waage ausgewogen. Wir benötigen 100 Gewichtsanteile Gießharz 180 Gewichtsanteile Füller 20 Gewichtsanteile Härter Diese angeführten Komponenten werden gut miteinander verrührt und vorsichtig über das Holzmodell gegossen, vorsichtig deshalb, damit keine Luftbläschen vom fließenden Harz eingeschlossen werden. Nach der Aushärtung bei Zimmertemperatur werden die Modelle getrennt, und nun haben wir das eigentliche abtastbare Gießharzmodell, mit dem wir die Arbeit an der Graviermaschine durchführen können. Das Werkstück wird nunmehr auf dem Arbeitstisch, das Modell auf dem Modelltisch der Graviermaschine aufgespannt, der Pantograph der Maschine wird auf das Verhältnis 1:2 eingestellt, Arbeits- und Modelltisch werden gegeneinander ausgerichtet und in das günstigste Bestreichungsfeld gebracht. Jetzt kommt eine sehr wichtige Tätigkeit für den Schüler, die für das Gelingen der Arbeit von ausschlaggebender Bedeutung ist, nämlich das Anschleifen der notwendigen Fräser-Profilform, eine Tätigkeit, die jeder Schüler bereits früher an Übungsstücken erlernen konnte. Jetzt aber steht er vor der Aufgabe, eine kegelig-abgerundete Profilform mit mittigem Radius auszuschleifen (es steht ihm natürlich eine Spezial-Schleifmaschine zur Verfügung). Der Fräser muß, dem eingestellten Verhältnis entsprechend, die halben Werte des verwendeten Taststiftes aufweisen. Wir haben nun den Fräser „rundgeschliffen", anschließend mit dem günstigsten Hinterschliff eine Phase geringster Breite erzielt und können folglieh Taststift und Fräser mit Hilfe eines Einstell-Lineals auf gleiche Ebene bringen, eine unbedingt notwendige Voraussetzung beim dreidimensionalen Gravierverfahren. Anschließend wird mit Hilfe eines sehr modernen Zusatzgerätes, einer sogenannten Vorfräseinrichtung, der Taststift zeilenweise über das Modell geführt, wobei zwangsläufig der Fräser die gleichen Bewegungen auf dem Werkstück in der eingestellten Verkleinerung durchführt. Die Graviermaschine, die, wie schon erwähnt, im dreidimensionalen Verfahren arbeitet, hat zum Unterschied von einer zweidimensionalen Arbeitsweise das Konstruktionsmerkmal, daß das Pantographensystem auf einer Waagrechtsschwenkachse gelagert ist, wodurch eben die Möglichkeit eines räumlichen Abtastens gegeben ist. Die Arbeit, die der Schüler nun durchführt, nennen wir das Schruppen (Zeilenfräsen), worauf die Arbeitsgänge des Vorund Fertigschlichtens folgen, die natürlich jedesmal wieder einen anderen Taststift und Fräseranschliff notwendig machen, für den Schüler ausreichend Gelegenheit, diese Fertigkeiten gründlich zu erlernen. Ist nach eifrigem Bemühen die Fräsarbeit beendet, wird die gefräste Form noch geriffelt und geglättet, weiters mit der Werkstoffbezeichnung und dem HTL-Zeichen unserer Schule versehen. In diesem Zustand ist das Gesenk fertig für die Härterei. Nach dem Härten ist das Gesenk gebrauchsfertig für die Produktion. Unter einem mächtigen Brettfallhammer in der Schmiede werden nun die künftigen Klemmbacken als rotglühende Stahlstücke in das Gesenk eingelegt, und mit imponierenden Schlägen aus ca. 4 Meter Höhe saust der „Bär" herab und zwängt das glühende Stahlstück in seine ihm zugedachte Form. Später werden andere Schüler aus deren Fachrichtungen die Weiterbearbeitung der aus diesem Gesenk geschlagenen Formen übernehmen. Somit wäre ein Stück des Weges der am Anfang erwähnten Zielsetzung zurückgelegt. Er ist mühsam, aber hoffentlich erfolgreich. Karl Breyer SEHEN LERNEN Sehen. verstanden im gewöhnlichen Sinne der Bedeutung, genügt für das alltägliche Erkennen des Sichtbaren. Dem im Kunstberuf schöpferisch Tätigen genügt es nicht. Er will im Schaubaren mehr als das Sichtbare sehen. Das hinter der Erscheinung stehende Wesentliche will er erfahren und ihm Gestalt und Form geben. Dazu bedarf es der Begabung geschulter Augen und geübter Hände. Im Rahmen der Ausbildung an der Abteilung für Metallkunstgewerbe trägt der Unterricht in allen Gegenständen seinen Teil zur Übung der Beobachtungsgabe und Genauigkeit bei, fordert das visuelle Gedächtnis und stellt zunehmende Ansprüche an die Vorstellungskraft. Eine führende Stellung kommt aber doch dem Unterricht in den Kunstgegenständen und den praktischen handwerklich-künstlerischen Übungen zu. Unter ihnen bieten Zeichnen-Malen und Modellieren die größte Freiheit, sehen zu lernen, und sie vermitteln auch vertraute Techniken für die Darstellung des Erschauten und Erlebten. Darum können relativ früh gewonnene Vorstellungen bildnerisch verwirklicht werden. Mit zunehmender Fähigkeit des Erkennen-Könnens wächst aus dem Streben nach entsprechender Wiedergabe das Bedürfnis nach besserem handwerklichen Können. So geht mit der Bildung der Fähigkeit, mehr zu sehen. die Steigerung der technischen Fertigkeit Hand in Hand. Erste Gestaltungsversuche im Zeichnen zeigen, daß die Darstellungen häufig nach dem Wissen über das Objekt erfolgen und nicht nach der Erfahrung durch Schauen und Beobachten während des Arbeitens entstehen. Oft wird nur der Typ des Objektes dargestellt und das darüber hinausgehende Individuelle nicht beachtet. Ursache ist die oberflächliche, flüchtige Beobachtung. Der Sinn für die feinere Besonderheit ist noch nicht erworben. Flüchtigkeit und Seichtheit in der Beziehung zur Umwelt, nicht nur im visuellen Kontakt, sind eine Zeiterscheinung. Als sehr wirksames Erziehungsmittel zu genauerer und aufmerksamerer Beobachtung erweist sich die wichtige Übung des Schriftenschreibens. Das Achten auf die Formengleichheit gleicher Buchstaben, auf ihre harmonische Verteilung im Wortverband, auf die Wertigkeit ihrer Binnenformen usw. stellen an das kontrollierende Auge hohe Anforderungen. Das Strukturbild der Schrift festigt auch die unserem Auge immanenten vertikalen und horizontalen Strukturen. Diese werden beim Sehen zu einer wichtigen Orientierungshilfe, da von Senkrechten und Waagrechten abweichende Linien in der Beziehung zu diesen betrachtet werden können. Das geschulte Auge findet dabei viele Beziehungspunkte und schätzbare Winkel, die eine formale Wiedergabe erleichtern. Dank solcher Möglichkeiten und nach der Überwindung technischer Schwierigkeiten wird der Blick freier für eine Betrachtungsweise, die nach wesentlichem Aussagegehalt im Objekt der Betrachtung forscht. Das Zeichnen vor der Natur gibt dazu Gelegenheit. Das Abbilden eines räumlich wahrnehmbaren Gegenstandes auf der zweidimensionalen Fläche des Zeichenblattes verlangt ein Übersetzen des Geschauten in die Sprache der Bildmittel, unter Berücksichtigung der gewähltenTechnik. Dabei wird bereits mehr als eine rein reproduktive Darstellungsweise erreicht, und die Vorstellungskraft, die Erlebnisfähigkeit und die Phantasie werden beansprucht. Die inneren Bilder fließen in die Darstellung ein. Selbst in realistischen Sachzeichnungen sind sie noch zu erkennen. Sie führen zu einer von der Wiedergabe äußerer Ähnlichkeit abweichenden Darstellung, mit der aber eine wesentliche Aussage versucht wird. Diese glückliche Beteiligung des inneren Erlebens ist bei der Beurteilung als wertvoll zu erkennen und nicht mit dem Hinweis auf „unrichtige" Wiedergabe zu verdrängen. Daß bei der erwähnten Art des Naturstudiums neben der Schärfung des Blikkes für die Aufnahme von Eindrücken und ihre bildnerische Darstellung auch ein Sinn für ordnende Beobachtung erworben wird, ist von Bedeutung. Das Sehen der großen zusammenhänge ist wichtig, um den Details den richtigen Wert geben zu können. Ebenso wird ein Gefühl für den Zusammenhang von Form und Funktion entwickelt, das für die Gestaltung von Schmuck und kunsthandwerkl. Gebrauchsgegenständen erforderlich ist. Hierbei handelt es sich im Unterschied zum Zeichnen stets um dreidimensionales Arbeiten in greifbarer Anschaulichkeit. Erste direkte Erfahrungen plastischen Gestaltens werden beim Modellieren gesammelt. Diese bringen ein Feingefühl für formträchtige Oberflächen und entwickeln das Verständnis für die Formensprache, die überwiegend durch den Gesichtssinn verstanden wird. Beim Atelier-Unterricht kommt es zu einer Beschäftigung mit den verschiedensten Materialien. Sie regen zur schöpferischen Arbeit an, ihre Schönheit und ihre besonderen Eigenschaften verführen zu Gestaltungsversuchen nach eigener Vorstellung. Und wieder 49

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