Zum 100. Geburtstag von Enrica Handel-Mazzetti

den Gedichtband übernommen, ,der in weiteren Auflagen immer vermehrt wurde und schließlich auch die fünf Kaiserlieder, die zunächst unter dem Titel „Imperatori" zum Jubiläum 1908 (Kempten und München 1910) erschienen waren, in sich aufnahm. Lyrische Selbstaussprache hat Handel-Mazzetti kaum gesucht, balladeske Dichtungen erinnern an Fontane (Mary Poyntz) oder die Droste, die zahlreichen lyrischen Einlagen in ihren Romanen ·sind vielfach echte alte Lieder, manche aber s tammen von der Dichterin selbst, die zu „Frau Maria" sogar einige selbstverfaßte französische Ge- dichtchen beisteuerte 54 • Trotz mancher Perlen zeigt sich aber doch deutlich, daß Handel- Mazzetti im Grunde keine Lyrikerin war. Das Volkslied, das Schnaderhüpfl (Gstanzl) gibt manches Vorbild ab, echte Strophen von J. Chr. Günther werden in „Frau Maria" (III, 217 ff.) leicht variiert übernommen und der Situation angepaßt, wie auch ober- österreichische Mundartdichtung des 18. Jahrhunderts von P. Maurus Lindemayr ver- wertet wird. Ein Satz in „Jesise und Maria" enthält .den Keim zur „Armen Margaret" 55 : ,,Marias reine Seele leidet wie ein frommes Kind, dem ein Wüstling Gewalt antut." Dazu kctm der Reiz der alten Stadt Steyr. Die Handel-Mazzetti beschäfügte sich eingehend mit der Geschichte der Stadt, las F. X. Pritz, Beschreibung und Geschichte der Stadt Steyr, Linz 1837, die Chronik von Jakob Zettl 1612 bis 1635 56 , die Annales Styrienses von Valentin Prevenhuber, Nürnberg 1740, die Annalen von Wolfgang Lindner, dem katholischen Schulmeister 57 , und eine Reihe kleinerer Schriften, aus denen oft Einzel- züge entnommen werden. über die Quellen zur „Armen Margaret" schrieb sie selbst in einem Brief an Kurt Vancsa 57 a: ,,In der Geschichte der Stadt Steyr, von F. X. Pritz (Linz 1837) finden Sie S. 272 die Keimzelle, aus der die äußere, mit dem Bauernkrieg zusammenhängende Handlung Margarets entsprossen ist, nämlich die Erzählung vom überfall von 100 Pappenheimern auf den Markt Losenstein (3. Jänner 1627). Diese Erzählung und das in der Geschichte immer wiederkehrende Motiv von der Sühnung einer Missetat an weiblicher Reinheit durch Waffengewalt bildete die Synthese meiner Romanfabel. Die Gestalt der Margaret Mayrin ist frei erfunden. Herliberg ist ein Name aus dem Bauernkriege; ·es gab einen bayrischen Obersten dieses Namens, den Stieve in seiner Geschichte des Oberösterreichischen Ba.ruernkriegs nennt. - Aber die Margaret-Herliberg-Episode hat historische Deckung in zahlreichen geschichtlichen Vorkommnissen. Sie erinnern skh an ,den biblischen Bericht vom Leviten Ephraim, dessen Weib den Gabaoniten zum Opfer fiel und der alle Stämme Israels zum Kriege gegen die Unholde aufrief. (Das 1688 von der Veltenschen Truppe in Hamburg gespielte Stück „Die Rache der Gibeoniter" ist wohl •eine Bearbeitung des Dramas „Die Brüder oder Gabaoniter" von dem Niederländer Joost van den Vondel.) Die Episode, die Kleist in der Hermannschlacht (IV/4-6) einflicht, die Tat der Waffen- schmiedstochter Hally und der Racheschwur gegen ihre Verderber, i>st ebenfalls jenem Bericht der Bibel vom Weib des Leviten nachgebildet, aber gewiß mit Geist und Ver- ständnis; denn in der Tat halten die Germanen die Reinheit ihrer Weiber und Töchter sehr hoch. Wie .die Kränkung oder gar Entehrung einer keuschen Frau ein sittlich unverderbtes Volk zu blutiger Ver.geltung heraufruft, zeigt uns auch die Sizilianische Vesper; die Frechheit eines französischen Ritters ge,gen eine junge Palermitanerin ließ den Aufruhr losbrechen, von dem schon Dante in der Divina commedia spricht (Paradiso VIII, 73- 76). Margarets Charakterzeichnung wurde, vielleicht, ohne daß ich es genau wußte und bestimmt wollte, von zwei klassischen Sagengestalten beeinflußt, nämlich von Griseldis (die wortlose Demut gegenüber ihrem Bedränger, der in Boccaccios Erzählung freilich viel niederträchtiger als Herliberg da- steht, da er ja der Gatte des mißhandelten Weibes i•st), ferner von Gudrun. Für eine der besten Gestalten meiner Margaretdichtung hielt man ,immer den Jakob Zettl. Er ist historisch. Seine Chronik, die in gewissem Sinn die Fortführung der Preuen- huberschen Annalen bildet, hat mir viele Einzelheiten über .den Bauernkrieg 1626 und die Folgezeit gegeben ..." Der Roman wurde in einem Zug geschvieiben, erschien 1909 zuerst in der „Deutschen Rundschau" von Julius Rodenberg, dann 1910 in leicht ändernder Überarbeitung in Buchform. J. Rodenberg hat später seinen Briefwechsel mit Handel-Mazzetti und die ursprüngliche Fa9sung des Schlußkapitels herausgegeben (1910). Eine verworfene Szene zwischen Margaret und einem greisen Bewohner des Steyrer Bruderhauses hat 25 K. Vancsa in der „Kleinen Festgabe für F. Berger" , Linz 1949, abgedruckt.

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