Zum 100. Geburtstag von Enrica Handel-Mazzetti

spiegelt gleichsam den Boden wider, aus dem es hervorgewachsen ist. Bald ruhig und behaglich gleitet der Strom der Erzählung dahin, bald braust und tost er zwischen starren, beengenden Klippen, bald breiten blumige Wiesen, fruchtbare Gefilde, mit Weinreben bewachsene Gelände sich an seinen Ufern ... Von den ,schimmernden Schleiern der Sage umweht, vom Geiste der Geschichte überstrahlt und durchleuchtet." Und die „Neue Freie Presse" 51 ließ sich vernehmen: ,, ... mit breitem Pinsel, in männlich energischen Konturen und satten Farben malt E. v. Handel-Mazzetti ihr großartiges Historiengemälde ... Daß die Autorin von katholischer wie protestanti- scher Seite der Gegnerschaft geziehen wurde, beweist gerade ihre Objektivität, die sich streng an die Überlieferung nach Aktenmaterial hielt. Und mitten in allem Derben, Gewalttätigen und Furchtbaren der Reformationskämpfe sprießt hinwiederum manch liebliches Blümlein echt weiblichen Empfindens, und kleine reizende Genrebilder aus dem Gemütsleben der einfachen Menschen erquicken ,die Augen nach all den erlebten Greuelszenen." Doch Handel-Mazzetti wurde in den Modernismusstreit hineingezogen. Eben das, was anderseits gerühmt wurde, ihre unparteiische Da11stellung, wurde ihr zum Vorwurf gemacht, man bezichtigte sie einer unkatholischen Haltung, die Sache nahm Weiterun- gen, die junge katholische Zeitschrift 11 Hochland", in der der Roman zue11st erschien, war in Gefahr, in Schwierigkeiten zu geraten, wenn sie nochmals einen Roman dieser Dichterin brächte, man stritt über ein katholisches Kulturprogramm und die Dichterin veröffentlichte ihren nächsten Roman in einer liberalen Zeitschrift, der 11 Deutschen Rundschau" in Ber>lin. Der katholische Kulturstreit aber ging weiter 52 . Inzwischen war die Dichterin in die alte Eisenstadt Steyr in Oberösterreich über- siedelt, wo sie bei ihrem Onkel lebte. Diese Stadt, die ihr altertümliches Gepräge be- wahrt hatte und begann, es bewußt zu pflegen, sollte nun den Hinter>grund für mehrere neue Dichtungen Handel-Mazzettis abgeben. Das erste, von Steyr angeregte Werk war eine balladeske Dichtung, ,die mit ihrer Lyrik zusammengefaßt wurde in dem Band „Deutsches Recht und andere Gedichte" 53 • Der balladeske Stil, der dann besonders in ·der „Armen Margaret" zu spüren 1st, wird nun der sprachliche Untergrund für einige Dichtungen dieser Art. Die Dichterin fügt sich damit in eine Welle der Zeit, die eine Wiederbelebung und Erneuerung der deutschen Ballade versuchte: Börries Frhr. v. Münchhausen, Lulu von Strauß-Torney und Agnes Miegel. Die Ballade ist ein erzählendes Gedicht, das etwas Seltsames, Besonderes berichtet, wobei häufig ein wunderbarer Zusammenhang zu spüren ist, ohne ein Wunder zu sein. Handel-Mazzettis 11 Deutsches Recht" hat ,solche Züge, wenn .auch das eigentlich Wunderbare ausgeschlossen ist. Die reiche Patrizierstochter weist ihre Freier ab und stirbt dann plötzlich an einem Schlangenbiß. Ein Räuber erbricht nachts für Grab und will der Toten einen kostbaren Ring vorn Enger ziehen. Darüber erwacht die Scheintote. Der Räuber trägt das Mädchen ins Vaterhaus zurück, wird aber ,dann wegen Grabschändung zum Tode verurteilt. Doch das Mädchen hta!gehrt ihn nach altern deutschem Recht zur Ehe und errettet ihn so vor dem Galgen. Nur die Namen sind der Steyrer Geschichte entnommen, alles andere ist Sagengut. Da:s Gedicht, mit altertümlichem Sprachklang in Strophen verfaßt, wurde viel gelesen und rezitiert, auch szenisch dargestellt. Die ähere Fassung von Gesang II und IV wurde als Widmung des Landes Oberösterreich zum 80. Geburtstag der Dichterin von F. Berger, Linz 1951, herausgegeben, sie steht aber auch in den früheren Ausgaben. Die Rettung eines Verbrechers nach deut·schern Recht wird -spät,er von Handel- Mazzetti nochmals in 11 Frau Maria" und in 11 Graf Reichard" als Handlungsmoment ver- wendet. Unterlage für diesen „Volkssang aus dem alten Steyr" war ein altes tschechi- sches Lied, das die langjährige Kammerfrau der Familie Handel der Dichterin in ihrer Kindheit oft vorsang (Christine Lucan, t 1936), das Lied vom Sterben der Tochter des reichen Mannes, deren Leichnam Räuber des Schmuckes Z'1.1 berauben suchen. Als sie den goldenen Ring nicht von ihrer Hand bringen, schneiden sie den Finger ab, worüber das Mädchen wieder zum Leben erwacht. - Auch die ähnliche Kölner Sage der Richmodrs von der Anducht war der Dichterin bekannt (Rheinland- Sagen, Jena 1924, 1. Bd.). Das Motiv vom Deutschen Recht hatte schon Ernist v. Wil- denbruch in seiner „Rabensteinerin" verwendet, ebenso Sienkiewicz in •den 11 Kreuz- rittern", etwas gewandelt Gottfr. Keller im „Dietegen". Ihre Lyrik ist hauptsächlich religiös gestimmt, schließt sich an das ältere Kirchenlied a:n, kleine Reimerzählungen und manches Rollengedicht wurde aus ,den Romanen in 24

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