Amtsblatt 1886/23 der Bezirkshauptmannschaft Steyr vom 20. August 1886

3 Z. 6622. All sämilMike Oememcke Aorstelllmgm. Um ein dein gegenwärtigen Stande der wissenschaft ­ lichen Forschung entsprechenderes und gleichartiges Vorgehen bei Bekämpfung und Abwehr der Cholera zu sichern, hat das hohe k. k. Ministerium des Innern den obersten Sanitäts ­ rath veranlaßt, die mit dem Ministerial-Erlafse vom 30. August 1848 Z. 1029 hinausgegebene Jnstruction über das Wesen der Cholera und das dieser Epidemie gegenüber zu beob ­ achtende Verfahren mit Rücksicht auf die neueren Er ­ fahrungen und die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung einer Revision zu unterziehen und eine neue zeitgemäße Cholera-Jnstruction zu verfassen. Aus dieser mit h. Statthalterei-Erlasse vom 12. d. M. Zahl 1055 1/V anher gelangten Jnstruction gebe ich nachstehend die Hauptpunkte im Auszuge zu dem Zwecke bekannt, den dortigen Aerzten hievon die Mittheilung zu machen und hinsichtlich des eigenen Verhaltens sowol schon jetzt, als auch bei einer Annäherung der Seuche oder im Falle eines thatsächlichen Vorkommens derselben in dem Gemeindegebiete das Ent ­ sprechende zur eigenen Benehmung zu entnehmen und behufs der sorgsamsten Darnachachtung zu verlautbaren. Nachdem die rohe oder reine Carbolsäure, Carbolkalk, sowol in Apotheken als auch bei Materialisten vorräthig sind, ist es angezeigt, einen entsprechenden Vorrath ehethun- lichst anzuschaffen, weil erfahrungsgemäß bei dem wirklichen Ausbruch der Krankheit die Vorräthe theurer anzuschaffen, schnell erschöpft und dann lange Zeit hindurch nichts mehr zu erlangen ist. Steyr, am 15. August 1886. Die Cholera ist eine verschleppbare Krankheit, deren Verbreitung durch einen mittels persönlichen oder sachlichen Verkehres mittheilbaren Jnfectionsstoff — Cholerakeim — bedingt wird. Eine spontane Entwicklung dieses Keimes auf euro ­ päischem Boden findet nicht statt. Alle bisher in Europa aufgetretenen Cholera-Epidemien sind nachweislich einge ­ schleppt worden. Es ist auch eine ausnahmslos festgestellte Thatsache, daß das Fortschreiten der Cholera von einem Orte in einen anderen nie rascher erfolgt, als es möglich ist, durch Com- municationsmittel dahin zu gelangen und es liegt auch keine Erfahrung vor, daß die Cholera durch die Luft in die Ferne getragen wurde. Alle Wahrnehmungen weisen darans hin, daß die Auf ­ nahme des Cholerakeimes in den menschlichen Organismus, wenn nicht ausschließlich, doch vorwiegend durch die Ver ­ dauungsorgane erfolgt, und daß im Dünndärme die Weiter ­ entwicklung und Vermehrung des Cholerakeimes stattfindet. Der von der Cholera ergriffene Mensch ist also der Träger des Krankheitsstoffes und da dieser vorwiegend an den Entleerungen und insbesondere an jenen des Darmes der an Cholera- und Choleradiarrhöe Erkrankten hastet, so wird er durch diese Substanzen weiter verschleppt. Weder in der Ausathmungslust, noch in der Haut ­ ausdünstung und dem Schweiße findet sich der Cholerakeim ; nur an Stellen und Gegenständen, die von Entleerungen, insbesondere von jenen des Darmes beschmutzt sind, wird er angetroffen. Man kann also ungefährdet mit Cholera ­ kranken verkehren, dieselben pflegen, wenn man darauf Bedacht nimmt, jede Beschmutzung mit Choleradejecten zu meiden und falls sie dennoch erfolgte, dieselbe durch Be ­ handeln mit Desinfectionsmitteln und nachheriges Waschen unschädlich zu machen, mit derart verunreinigten Gegen ­ ständen oder beschmutzten Händen Genußmittel oder gar den Mund zu berühren. Es ist daher die Gefahr der unmittelbaren Uebertragung der Cholera von Menschen auf Menschen geringer als bei vielen anderen Infektionskrankheiten: Scharlach, Masern, Diphteritis, Flecktyphus rc., bei denen der Krankheitskeim in der Ausathmungslust, im Mund- oder Nasen- und Rachenschleime, in den Epidermisschuppen u. s. w. enthalten ist. Die vorzüglichsten Träger des Cholerakeimes im nähe ­ ren Verkehre sind nebst den Cholerakranken deren mit Ent ­ leerungen besudelte Wäsche, Kleider und andere Gebrauchs- Gegenstände, Aborte, in welche Choleradejecte entleert und damit beschmutzt werden, das Wasser von den Bächen, Flüssen, Teichen, in welchen verunreinigte Effecten der Cho ­ lerakranken gewaschen werden, oder welche unreine Zuflüsse aufnehmen, Wasser aus unmittelbar oder in der Nähe von Abtritts- und Düngergruben gelegenen Brunnen, besonders wenn es genügende Mengen von zur Entwicklung und Ver ­ mehrung des Cholerakeimes geeigneter Nährsubstanz enthält. Der Cholerakeim wird nämlich nicht blos im mensch ­ lichen Organismus vermehrt und reproducirt, sondern auch im feuchten, fäulnißfähige Substanzen enthaltenden Boden, in mit organischen Stoffen verunreinigtem Wasser auf Speisen, auf verunreinigter feuchter Wäsche. Hiedurch wird es erklärlich, daß die Verbreitung der Cholera nicht bloß durch directe Uebertragung von Mensch zu Mensch, sondern auch durch den im Boden iin Wasser u. s. w. reproducirten und von da aus wieder in den menschlichen Körper zurückgelangten Keim erfolgen kann. Durch diese Umstände wird vorzugsweise das gleichzeitige Auftreten der Cholera bei unter gleichen Verhältnissen befindlichen Personen und die Bildung von Epidemieherden bedingt. Man nimmt im Allgemeinen an, daß Orte oder Orts ­ theile, welche auf compactem, vom Wasser und organischen Abfällen nicht durchdringbaren Gestein oder auf trockenem, sandigen Boden stehen, der das eingedrungene Wasser und die damit zugeführten organischen Substanzen nicht zurück- zuhalten vermag, ein größeres Umsichgreifen der Cholera nicht zulassen; wogegen zumeist der Alluvialboden für die epidemische Ausbreitung sehr günstig ist. Die Empfänglichkeit zum Erkranken — individuelle Disposition — wird durch Alles begünstiget, was die Ge ­ sundheit überhaupt und die Widerstandsfähigkeit gegen un ­ günstige Einflüsse schwächt: schlechte Luft, schlechte oder un ­ genügende Nahrung, unzweckmäßige Bekleidung, vernachlässigte körperliche Reinigung, ungeregelte Lebensweise, Unmäßigkeit und Ausschweifungen jeder Art. Eine besondere Prädisposition zum Erkranken an der Cholera wird durch mit Diarrhöen einhergehende Verdauungs ­ störungen hervorgerufen. Aus den vorstehenden Bemerkungen ergeben sich die leitenden Grundsätze, nach welchen bei der Bekämpfung der Cholera vorzugehen ist, sowie die Vorkehmngen, welche zu treffen sind, um einerseits die Einschleppung des Cholera ­ keimes und dessen Weiterverbreitung durch den Verkehr möglichst zu hindern und um anderseits dem eingeschleppten

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