Amtsblatt der Stadt Steyr 1970/5

4 AMTSBLATT DER STADT STEYR 1970 teiles Münichholz war im Jahre 1938 dem damaligen Reichsgau Oberdonau angegliedert worden. Nach den Buch- staben des Gesetzes wäre Münichholz 1945 an Niederösterreich gefallen, weil die ursprünglichen Landesgrenzen her- gestellt wurden. Nach langwierigen Verhandlungen hat aber die Vernunft ge- siegt und mit Bundesverfassungsgesetz vom 16.12.1958 ist die Grenzziehung zwischen Niederösterreich und Ober- österreich, rückwirkend mit 1. 5. 1945, den tatsächlichen Gegebenheiten Rech- nung tragend, so erfolgt, daß Münich- holz endgültig dem Stadtgebiet einver- leibt wurde. Der gesamte Staat befand sich in einer äußerst labilen Lage. In dieser schwierigen Ausnahmesituation ist es durch das tatkräftige Eingreifen von Dr. Karl Renner zunächst zu den 3 Staatsakten vom 27. April 1945 gekom- men, nämlich a) der Unabhängigkeits- erklärung. Darin wurde unter Berufung auf die Moskauer Deklaration der durch Deutschland durchgeführte Anschluß für null und nichtig erklärt sowie die Wie- derherstellung der Republik Österreich als unabhängiger Staat verkündet,b) der Kundmachung des Staatskanzlers, mit der die Zusammensetzung der proviso- rischen Staatsregierung bekanntgege- b e n wurde und schließlich c) der Re- g ierungse:t1klärung, die in Form eines Programmes die von der Regierung einzunehmende Grundhaltung darlegte. Durch das vorläufige Gemeindegesetz vom 10.7.1945 wurden die Vorschrif- t e n des deutschen Gemeinderec htes be - seitigt und das österreichische Ge- meinderecht samt den Städtestatuten wieder in Kraft gesetzt. Damit war auch die Wiedereinführung der demokrati- schen Verwaltung auf Gemeindeebene erreicht. Der Nationalrat als gesetz- gebendes Organ des Bundes ist im Par- lamentsgebäude noch 1945 zu seiner ersten Sitzung zusammengetreten. Wenn man bedenkt, daß seit den umfangreichen Verheerungen des 2. 72 Weltkrieges nur eine relativ kurze Zeit- spanne von 25 Jahren verstrichen ist, so versetzt das bisher im gesamten Staatsgebiet,auch in unserer Gemeinde, auf allen Gebieten e rfolgte Aufbauwerk in Staunen. Die Jüngeren unter uns, die etwa gleichzeitig mit der 2. Republik ihren Geburtstag begehen, können dies im vollen Umfang gar nicht ermessen. Ihr Erinnerungsvermögen reicht viel- fach nur auf Begleitumstände, wie z.B. die Besatzung durch ausländische Mächte, zurück. Darin liegt wohl auch der Grund, weshalb der Jungend manch- mal nicht ganz zu Unrecht der Vorwurf der politischen Inaktivität gemacht wird. Die Älteren gönnen der Jugend die Auswirkungen des heute auch schon bei uns bestehenden höheren Lebens- standards vorbehaltslos, meinen je- doch, daß der Jugend klargemacht wer- den muß, daß diese positive Entwick- lung nicht kampflos und nicht ohne Mühe und Schweiß möglich war. Frei- lich, ein volles Verständnis für den Wandel in unserer Gesellschaft, der in allen Lebensbereichen in den vergange- nen 25 Jahren erfolgt ist, vermögen naturgemäß nur jene aufzubringen, die auch die früheren Verhältnisse gekannt haben und Not und Elend vielfach am eigenen Leib verspüren mußten. Der grandiose Wiederaufbau in Österreich, der auch im europäischen und außereuropäischen Ausland schon mehrfach die volle Anerkennung ge- funden hat, war nur möglich, weil sich im Jahre 1945undinderFolgebeherzte Männer aus den verschiedenen politi- schen Lagern mit ihrer ganzen Kraft für die Wiedererrichtung unserer Re- publik im Geiste der Bundesverfassung aus dem Jahre 1920 eingesetzt haben. Immer wieder wurde trotz verschiede- ner Grundeinstellungen und Lebensan- schauungen in beispielhafter Weise To- leranz geübt, das Verbindende betont und das Trennende abgeschwächt. Die- se Feststellung wird vor allem durch das Wirken von Männern wie Dr. Karl

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