Amtsblatt der Stadt Steyr 1970/5

1970 AMTSBLATT DER STADT STEYR 9 GEDANKEN ZUM EUROPATAG 1970 D urch Satzung vom 5.Mai 1949 wurde die Organi- sation des Europarates ins Leben gerufen. Die be- deutendsten Staaten Europas haben inzwischen ihren Beitritt zu dieser Organisation, deren Zweck ein stärkerer Zusammenschluß ihrer Mitglieder "zum Schutze und zur Förderung der Ideale und Prinzipien, die ihr gemeinsames Erbe bilden und zum Besten ihres wirtschaftlichen und sozialen Fortschrittes" ist, beschlossen. Nach langen Vor- arbeiten durch amtliche Stellen und Privatorganisationen hat der Europarat im Jahre 1964 den Vorschlag zur Ein- führung eines jährlichen Europatages angenommen, der ein Symbol der gemeinsamen Ideale und Hoffnungen un- serer Völker sein soll. Am 5. Mai 1965 - 16 Jahre nach der Unterzeichnung des Statutes des Europarates in Lon- don - wehte zum erstenMal die europäische Flagge (Kreis aus 12 goldenen Sternen auf blauem Grund) zur feier- lichen Begehung des Europatages. Dem Europagedanken liegt die platonische Defi- nition für die beste Staatsform zugrunde: Jener Staat, der dem Bürger Schutz bietet vor Angriffen von außen und im Innern den höchsten Grad der Ordnung verbin- det mit dem höchstmöglichen Ausmaß an persönlicher Freiheit. Dieses Ziel ist in unserer Demokratie weitge- hend verwirklicht. Auf die große Bedeutung des Europa- rates ist vor allem wegen seiner Funktion als Initiator für die Schaffung weiträumiger wirtschaftlicher Zusam- menschlüsse, für die Erlassung der Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten und schließlich die Schaffung des Europäischen Gerichtshofes für Men- schenrechte hinzuweisen. Erst durch die zuletzt genannte internationale Einrichtung wurde dem Einzelmenschen über die UNO und die Deklaration der Menschenrechte hinaus die Möglichkeit eingeräumt, die Wahrung der Menschenrechte im Einzelfall vor einer internationalen Kontrollstelle geltend zu machen. Die Probleme, welche die der Organisation ange- hörigen Staaten - auch Österreich - zu bewältigen haben, sind nicht zuletzt auch für die Gemeinden von großer Be- deutung. Als Behördenstufe steht die Gemeinde dem ein- zelnenMenschen am nächsten; daher ist es ihre vornehm- liche Pflicht, dem einzelnen zu dienen und seine Indi- vidualität, seine Menschenwürde und damit die Verschie- denheit,die sich aus diesen Individualitäten ergibt,zu hüten und zu fördern.Die Menschen haben z.B. sehr spät erkannt, daß Luft,Erde und Wasser keine in unbegrenztenMengen zur Verfügung stehende Naturquellen sind, die man mit na- hezu strafbarem Leichtsinn behandeln kann. Es ist daher auch eine wichtige kommunale Aufgabe, in den Kampf gegen Luft- und Wasserverunreinigung rechtzeitig ein- zutreten, die zum Problem gewordene Abfallvernichtung zeitgemäß zu erneuern~ den Naturschutz zu fördern und die Bevölkerung durch Schaffung und Förderung von kul- turellen und sportlichen Einrichtungen bei einer sinnvol- len, d. h. erholungspendenden Freizeitgestaltung zu un- terstützen. Es ist unsere Aufgabe, unsere Umwelt, die zutref- fend als die "Summe aller natürlichen Gegebenheiten des Ortes oder des Gebietes, in dem organisches Leben einschließlich des Menschen vorhanden ist, wozu die Erde, die Luft, die Strahlung und alle Lebewesen, Pflan- zen und Tiere, die sich diesen Raum teilen, gehören, " definiert wurde, in jeder Hinsicht positiv zu beeinflus- sen und dadurch das Leben erst lebenswert zu machen. Die enorme Bevölkerungsvermehrung - die menschliche Bevölkerung erreichte in 200 000 Jahren 1 Milliarde, die 2. Milliarde hingegen in nur 100 Jahren - bringt große Probleme mit sich. Verschiedene internationale Gesprä- che und Kongresse haben sich im Rahmen des Europara- tes hiemit schon beschäftigt. Europa bedeckt 4o/o der Landfläche der Welt und ist der dichtest besiedelte Kon- tinent mit 89 Einwohnern je km2 gegenüber 63 in Asien und 10 in Afrika und Amerika. Daß die vor allem durch die Industrialisierung be- dingte Luftverunreinigung nicht nur eine Belästigung dar- stellt, sondern vielmehr starke Gesundheitsschäden bei Mensch und Tier hervorrufen kann, ist inzwischen zu ei-• ner unbestrittenen Tatsache geworden. In den USA werden z.B. unmittelbare Schäden durch Luftverschmutzung auf jährlich 11 Milliarden Dollar geschätzt. Vielleicht noch lebenswichtiger erscheint die Fra- ge der Reinhaltung des Wassers.Ein besonders augenschein- lich negatives Beispiel bildet der Rhein. Der Fluß, lange ein Symbol der Schönheit und Vielfalt der europäischen Landschaft, ist auf eine Strecke von 850 km, vom Boden- see bis nach Holland, zu einer riesigen Kloake geworden. Der Züricher See ist heute biologisch tot. Die angeführten Probleme sind natürlich nur de- monstrativ herausgegriffen. Ihre Vielfalt bedingt aber, daß sie einen bedeutenden Raum im Programm von Or- ganisationen der internationalen Zusammenarbeit, wie dem Europarat, einnehmen. Kein Land hat heute ein Wis- sensmonopol und wir können und müssen von den Ent- deckungen, Forschungen, aber auch von den Fehlern un- serer Nachbarn lernen. Es hätte wenig Sinn, viel Zeit und Geld aufparallele Forschung und Entwicklung zu ver- schwenden, die schon in einem Nachbarland zu brauch- baren Ergebnissen geführt haben. Die Stadt Steyr ruft hiermit für die feierliche Be- gehung des Europatages am 5. Mai 1970zur allgemeinen Beflaggung auf. Dadurch soll symbolhaft zum Ausdruck kommen, daß sich auch unsere Gemeinde, obwohl ein relativ kleines Gemeinwesen, der Bedeutung des Europa- gedankens wohl bewußt ist. 77

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