Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1988

Ich ärgerte mich ein wenig, daß ich bei dieser Frage errötete. ,,Der bin ich!" Er lächelte geheimnisvoll . ,,Du wirst die Reduktion übernehmen. Aber offiziell wirst du es erst vom Padre Superior erfahren! " Eine seltsame Verwandlung ging in diesem Augenblick in meiner Seele vor: Endlich wußte ich, wohin mich meine Bestimmung geleitet hatte. Mit einem langen Blick umfaßte ich das Dorf „Heilige Drei Könige" - dann fühlte ich mich darin zu Hause. Allmählich gewannen auch die Gesichter der Dorfbewohner für mich ein Aussehen. Ich sah untersetzte, gutmütige Männer ohne Bärte, Kinder mit staunend fragenden Blicken, nur wenige Frauen. Vielleicht war der Empfang des neuen Paters nur Männersache und die Frauen mußten zu Hause bleiben? Jetzt aber sammelte ich meine Gedanken wieder für das wichtigste in dieser Stunde, für den gemeinsamen Einzug der Patres und der Indianer in das große, schachbrettartig angelegte Dorf! Ich sah eine gelbe, prächtig und farbig bestickte Fahne vor uns flattern . Sie wurde uns Missionä ren vorangetragen. Wir paßten uns dem Gleichschritt an. Hinter uns bogen die Indianer mit den Musketen in die Reihen. Dahinter konnte ich die Ordnung in dem nachrückenden Gedränge nicht mehr erkennen. Ich hatten in Spanien gehört daß die Dorfschaftennach einer strengen militärischen Ordnung aufgebaut waren. Die meiste Freude hatten die Guaranis selber daran. Alle fügten sich in den frohen und lauten Einzugsmarsch. Breit öffnete sich die mächtige Dorfstraße, fast genauso angelegt wie in Buenos Aires. Nach den Strohhütten kamen wir an Lehmhäusern vorbei - es waren die großen Vorratsspeicher für die Feldfrüchte der Reduktion. Auf dem großen Platz erhob sich zur einen Seite das niedr ige Lehmhaus des ,;vaters" und daneben die Kirche ebenfalls aus getrocknetem Lehm und Steinen gebaut , mit einem Holzturm, der mir vom Fluß her schon aufgefallen war. Jetzt stand die kunstvoll ge44 schnitzte Kirchentür weit offen - wir traten zu dem gemeinsamen Dank an den Herrn, der unsere lange Reise so gnädig beschützt hatte, in die Kirche ein. Nun merkte ich auch, wo die Indianerfrauen geblieben waren - sie hatten die eine Hälfte der Kirche bis zum letzten Plätzchen gefüllt . Sie verhielten sich ganz still vor schaudernder Ehrfurcht. Wir zwölf Pater knieten um den geschnitzten Tabernakel, ein indianisches Kunstwerk, das meine Augen anzog. Pater Isidor hob eine zart zieselierte silberne Monstranz heraus und zeigte sie dem indianischen Volk , das lautlos in die Knie fiel. Als sich die Kirche bis in den letzten Winkel gefüllt hatte, sang Pater Isidor das „Tedeum laudamus", und a lle Guarani-Indianer sangen es lateinisch mit. Nun hatte ich alle Furcht verloren ,;vater" zu sein - eine Ehre erschien es mir jetzt, nicht eine fast untragbare Bürde. Dieser heutige Tag schenkte mir mehr als die viele Monate lange Reise. Wie gut wurden hier arme, einfältige Indianer mit geringem Verstand zu wahren, glücklichen Menschen erzogen! Nach unserem Lied kamen hinter dem Altar zwölf Meßbuben hervor, rot bemantelt und mit weißen Spitzenkrausen wie daheim in unseren Kirchen. Pater Isidor hob die Hand, und sie sa ngen klingend hell: ,,Laudate Dominus, omnes gentes - lobet den Herrn, alle Völker!" Nach dem vollendeten Laudate drängte das Volk wieder auf den weiten Platz hinaus. Der Corregidor, der vornehmste Indianer, trat vor und sprach eine kurze Danksagungsrede. Ich hörte gespannt hin, und verstand sogar den größten Teil der Rede. Aber dann wunderte ich mich nochmehr, daß auch eine Indianerin sprach. Als sie wieder in ihre Reihe zurücktrat, sollte einer von uns elf Missionären antworten . Ich stieß denAdamBöhmausBayern an, der doch sonst nicht auf den Mund gefallen war. Er aber zwinkerte mir zu : ,,Antonius, du bist der größte von uns - sei auch der Gescheiteste!" So blieb mir nichts anderes übrig, als vorzutreten. Meine Guaranisprache vermischte sich mit Spanis ch, und es

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