Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1988

Der Schuß in der Heiligen Nach# ____ Eine Erzählung von K~rl Springenschmiq ____ Der rauhe Wind vomBrenner her hat denSchneeinsLandgebrachtundBerg und Wald vergraben. Im Antholzertal gehen schon Lawinen nieder, nicht die argen, die groben, bloß die ersten Staublawinen - viel Lärm, viel Luft, aber wenig Kraft, so lang der Schnee noch jungist. Wielenbachaber, das alte Dorf, rückt Dach umDach um den spitzigen Kirchturm zusammen und richtet sich auf den langen Winter ein. Der alte Pfarrer Rungaldier hustet sich durch den Advent. ,,Friede den Menschen auf Erden!" sagt er. Sagt er - aber nur Unfriede ist im Land und auch imDorf, seit der Korporal Carlotti, stolz, wie nur ein Carabiniere stolz sein kann, stolz und ehrgeizig, das Postenkommando führt. Aus dem hintersten Calabrien ist er in diese einsame Berggemeinde versetzt worden und will nicht gelten lassen, daß die Leute im Dorf Tirole.r sind, auch wenn sie die grün-weiß-rote Fahne aushängen müssen. Triumph! Endlich ist es dem Carlotti gelungen, nachzuweisen, daß auch in Wielenbach Rebellen stecken. In einem halb verfallenen Heustadel hat er ein Gewehr gefunden, ein altes Mannlichergewehr, aber scharf geladen. Das genügt. Der Peter Kröll, Dorfschmied und Bürgermeister, ahnt wohl, daß dieser Kugelstutzen einem gehören wird, der heimlich hinter Hirsch und Gams in das Gwänd steigt. Doch wer wird ihm das glauben? niemand! also weiß er genau, was folgen wird: Erhebungen, Verhöre, Hausdurchsuchungen, Verhaftungen, und das jetzt zu Weihnachten! Doch die Weiber - man weiß ja, wie die Weiber sind! ,,Wenn er auch anders ist als wir, der Carlotti," meint die Agath, sein Weib, ,,er gehört doch zu uns ins Dorf, schon gar heut am Heiligen Abend." Der Kröll aber schüttelt bloß düster den Kopf und tritt zum Stubenfenster hin, haucht ein Loch in die Eisblumen und schaut über die Gasse hinüber. 40 Dort drüben in der Wachstube ist noch Licht. Hinter dem erleuchteten Fenster sieht man einen Schatten auf und ab gehen. Der Carlotti. „Weihnacht gilt für alle," sagt die Agath hartnäckig, nimmt den Korb vom Gesimse, packt Lebzelten, Nüsse, Kletzenbrot ein und legt eine Flasche Wein dazu. Wenn sich die Weiber etwas in den Kopf setzen! Gut, also wird er, der Bürgermeister, der das g_anze Jahr über mit dem CarlottinurArger undVerdruß gehabt hat, zur Wachstube hinübergehen und dem Carlotti „FroheWeihnacht" wünschen, nein, ,,Buon Natale !" wir er sagen und wird den Korb hinstellen, ,,das schickt meine Frau!" Und der Carlotti ! Oh, er kennt ihn ganz genau: ,,Niente !" wird er sagen, nichts mit diesem Zeug, nichts mit Weihnachten! Wenn er, der Bürgermeister, etwas vorzubringen hat, soll er dienstlich kommen. Aber was hilft's? Sogar einen kleinen Tannenbaum hat die Agath dazu gelegt. Also macht er sich in Gottesnamen auf den Weg, zwanzig Schritt nur über die Gasse hinüber, und doch so weit, als müßte er von einer Welt in die andre gehen. ,,Buon Natale!" sagt der Kröll vorsichtig und hält die Türschnalle noch in der Hand, ,,und das schickt meine Frau!" Der Carlotti schaut nicht auf den Korb, nicht auf die kleine Tanne hin, schaut nur verwundert den Kröll an. Dann streckt er ihm die Hand entgegen. ,,Gute Weihnacht!" sagt er, der Carlotti. Oh, er sagt es sogar auf deutsch. Noch niemals hat man ein deutsches Wort von ihm gehört . Anscheinend ist „Weihnacht" das erste Wort, daß erinDeutschgelernthatund dabei gibt es wahrhaftig für einen Italiener kein Wort, das schwieriger auszusprechen wäre als dieses: ,,Weihnacht".

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