Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1966

Vom kurzsichtigen Mädchen Von Gotthilf Heinrich Schubert Ein reicher Bauer hatte eine einzige Tochter. Das Mädchen war sonst nicht übel, nur war sie ein wenig blödsichtig. Das heißt, bei hellem Sonnenschein, in den Mittags¬ stunden, konnte sie es allerdings wohl auf drei Schritte weit unterscheiden, ob ein Gegenstand, der auf sie zukam, ein Mensch oder ein anderes Säugetier war, weiter aber und bei trübem Wetter gar nicht. Wenn man deshalb ein wenig aufmerksam war, konnte man es wohl merken, daß das Mädchen kein sonderlich scharfes Gesicht hatte. Nun war auch in der Nähe ein reicher Pächterssohn, der hatte Lust, das Mädchen zu heiraten. Weil ihm aber die Leute sagten, das Mädchen sei gar kurzsichtig, er werde sie kaum in der Wirtschaft brauchen können, nahm er sich vor, das nächstemal recht aufzumerken, ob das wahr sei. Dieser Vorsatz ihres Bräutigams wurde aber dem Bauernmädchen verraten, das sich’s nun vornahm, seinem Schatz auf eine recht auffallende Art zu beweisen, daß sie gar nicht so kurzsichtig sei, wie die Leute sagen. Sie ließ deshalb eine Nähnadel hinein ins Scheunentor stecken. Da sie nun ihren Geliebten beim Abschied hinaus vor die Tür begleitete, sagte sie auf einmal ganz wirtschaftlich: „Ei, wer hat denn die schöne Nähnadel da drüben am Scheunentor stecken gelassen?“ Über diese große Scharfsichtigkeit wunderte und freute sich der Bräutigam im ersten Augenblick recht sehr. Im zweiten freilich nicht mehr. Denn da das wirtschaftliche Mädchen hinüberlaufen wollte nach dem Scheunentor, um die schöne Nähnadel zu holen, fiel sie über ihres Vaters großen Zugochsen, den sie nicht gesehen und bemerkt hatte, weil er ganz ruhig vor dem Heuwagen eingespannt dastund. Und sei es auch der Austieg nur durchs gotisch spitze Tor, der dich hinan den steilen Schloßberg führt, du bist auf Schritt und Tritt von einem neuen Bild berührt. Zur rechten auf der Höhe, Berggasse welch ein Einblick durch das südliche Portal des Schlosses in den Hof. — in Steyr zur linken, welch ein Ausblick über stolzer Mauerzinnen Kron — und buntes Dachgewirr kinab zur Stadt! Und immer neue Stiegen münden in den Steg und immer neue Gärten begleiten deinen Weg. Bis in der Ferne über dieser Gasse enger Häuserflucht urplötzlick und in überwältigender Majestät des gotischen Domes himmelstürmendes Hosianna stekt. Siegfried Torggler 64

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