Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1956

96 der berümte Freudenlechner das Lied: „Johannes schilt die pharisäer otterngezücht in Doctor hainrich Frauenlobs Kuppferweis“*) und widmete ihm am 21. Juni 1600 ein Meisterlied“ Besonders verdientmachtesich der Bortenschlager als Veranstalter von Sing¬ schulen. Innerhalb vonvierzehn Jahren holte er sich siebenmal beim Rate hiezu die Bewilligung, am 4.Juni 1601, 1. April 1602, 30. März 1606, 28. März 1608, 30. Dezember 1609, 1612 und am 26. März 16142) Juni 15. Die Stadtobrigkeit genehmigte zwar jede Veranstal¬ tung, doch war sie sehr darauf bedacht, daß „Verdrie߬ liches oder Unglimpfliches, darauf die Deputierten fleißig Sie ver¬ Acht geben sollen, nicht eingemenget werde“ss) langte vom Supplikanten, daß er sich „vnerborlicher gsäng nit gebrauche"*), daß er „gebuerend bschaidenhait“ zeige's) und schickte 1612 Hans Mischer als Beobachter in die Singschule Lindtwurms=é) Ahnliche Weisungen erteilte der Rat auch den ande¬ ren Meistersingern, die in der Zeit von 1599 bis 1624 Singschulen durchführten*?). Sie dichteten ja nicht allein nur geistliche, sondern auch weltliche Lieder, in denensie gelegentlich die Schwächen und Fehler ihrer Zeitgenossen in humorvoller Weise aufzeigten. Auch von Lindtwurm sind uns solche Gesänge erhalten geblieben. So ergötzt er sich in dem Lied „Das gerechte Urteil“ oder „Das Pferd mit dem Ehrtrunk“ in der „gulden Mundlippenweiß Con¬ rat lipps“ über einen Steyrer Apotheker, dem das Roß Haus Pfarrgasse 7 eines Grazer Kaufmannes den zum Auskühlen in den Hof gestellten Arzneitrankausleckte. Nach dem Urteil des Richters konnte der Apo¬ theker vom Handelsmannkeinen Schadenersatz fordern, weil das Pferd nicht sitzend, sondern stehend, wie bei einem „Ehrtrunk“ üblich, die Arznei ausgetrunken hatte. Als Beispiel für diedamalige Ausdrucksweise möge hier Lindtwurms Dich¬ tung im Wortlaut folgen: Jedoch darneben 1. An Julip nie gedacht ond Ir auf solche weiss „Nun höret feine 7 Allein liess küllen abe Eine geschicht Sichzu truge Kein Achtung er drauf gabe Alhie in diser state ond gleich die Zeite begeben hate Zu Reisen vil Kauffleute ein Appodecker macht von graicz') daselbst herause ein Julip's) an mit fleiss In ein schaff Reine In ein Gasthause ein kehrten Irer acht ond seczt den Selben kluge in Seinen hoff gar Eben begerten dranck ond speiss 20) F. Mayer, a. a. O., S. 16, 20. 21) und Literatur des Meistergesanges in Oberöster¬ H. Widmann, Zur Geschichte reich. Mit Benützung unedierter Handschriften. 15. Jahresbericht der k. k. Staats¬ Oberrealschule in S. 11. Steyr (1885), 22) — St., Rp. 1601, 1602, f. 167; 106; 1606, 44; — 1608, 58; — 1609, 179; 1612, 162; 79. 1614, 23) St., Rp. 1601 67. 24) St., Rp. 1608, 58. 25) St., Rp. 1609, 179. 26) St., Rp. 1612, 162. 27) Von 1599 bis 624wurden in Steyr 35 Singschulen durchgeführt. J. Ofner, Zur Geschichte des Meistergesanges in Steyr. OO. Heimatblätter (1948), Ig. 2, Heft 2, S. 166 f.

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