Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1955

Dr. Hermann Vetters, Wien: Zaurtakum — Worth Bei der Aufgabe, eine römische Stadt, also eine große Siedlung, zu er¬ forschen, ist stets von den geographischen Grundlagen auszugehen. Sind doch die mannigfachsten Gründe für die Anlage einer solchen maßgebend. Gerade ein Großstaat wie Rom, der vom Militär geschaffen und von einem großen Kaufmannsstande erhalten wurde, hat stets auf diese Faktoren besondere Rück¬ sicht genommen, und kein Geringerer als Vitruv, der Baumeister des Augu¬ tus, hat in seinem Werk „Ueber Architektur“ diesen Fragen ein eigenes Ka¬ pitel gewidmet!). Uebrigens baute auch hier der römische Großstaat auf Lei¬ stungen weiter, die bereits die Griechen in der Zeit ihrer stürmischen Kolonisa¬ tion und vor allem im Zeitalter des Helenismus beachteten und sie auch schriftlich niederlegten?). Der Ort, der uns hier beschäftigen soll, hat eine nicht ungünstige Verkehrslage. Er liegt an der uralten WestOstVerbindung, die Rheinland und Donaugebiet miteinander verknüpft. Entlang dieser Straße, die dem Lauf der Donau folgt, sind bereits im 4. und 3. Jahrhundert v. Chr. Kelten aus dem süddeutschen Raum eingewandert; sie haben auch das älteste Lauriacum, vielleicht auf dem Georgenberg gelegen, gegründet. Diesen Han¬ delsweg hat Rom, nachdem es im Jahre 16 /15 v. Chr. das keltische Noriker¬ reich ohne besondere Waffengewalt besetzt hatte, ausgebaut. Als große Heer¬ straße bis Konstantinopel und bis an die Donaumündung spielte er stets eine bedeutende Rolle. Ursprünglich war nicht vorgesehen, diese Hauptverkehrsader o nahe der Grenze zu führen. Sie sollte vielmehr im gesicherten Hinterland laufen. Das norische Gebiet war zunächst, und zwar in einem Zuge, nur bis zur Donau besetzt worden, seine nördlich davon liegenden Teile wollte man in einem zweiten Unternehmen zusammen mit Böhmen bis zum Nordrand der Sudeten und dem angrenzenden Karpathenbogen erobern. Das Gebiet war erst kurz vorher von neu eingewanderten Swebenstämmen, den Marko¬ 7 mannen und Quaden, besiedelt worden. Herr Böhmens war der mit römischer Kriegführung vertraute Marbod. Von drei Seiten konzentrierte der Stiefsohn des Augustus, Tiberius, seine Armeekorps, vom Rhein längs des Maintales zog eine Marscharmee, vom Wiener Becken aus die Hauptmacht unter Tibe¬ rius und nördlich der Donau im bayrisch =oberösterreichischen Raum operierte eine dritte Armeegruppe. Die Truppen, die schon knapp vor der Vereini¬ ging standen, mußten aber zurückgerufen werden, da im Rücken der Heere sich die zwar seit rund vierzig Jahren unterworfenen, aber nie ganz ruhigen Pannonier erhoben hatten. Das geschah 6 n. Chr. Als Tiberius endlich der gefährlichen Insurrektion Herr geworden war, kam die Nachricht vom Debakel im Teutoburger Wald (9 n. Chr.). Der alte Kaiser hatte nicht mehr die Spann¬ kraft, die Eroberung von neuem zu beginnen. So wurde die Donau die Grenze. War der Strom schon im ersten Anhieb erreicht worden, so wurde er erst jetzt zur befestigten Grenze, in deren Schutz knapp am Strom die WestOstStraße ihren Lauf nahm. Aber nicht nur an dieser großen Transversale liegt unser Ort, sondern er besitzt auch gute Nord= Süd =Verbindungen. Nach Süden führen Enns und Traun, die eine zum Eisen nach Steiermark, die andere zum Salz von Hall¬ statt. Nach Norden aber öffnet sich das sonst so sehr dem Verkehr aufge¬ chlossene Mühlviertel mit der tiefen Talsohle der ist und ermöglicht so eine 121

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQ4MjI2