Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1918

172 Gatten zu bitten, auf dem Dache ihrer schönen modernen Villa ein Storchennest zu bauen. Als sie einst ihrem Gatten gegenüber diesen Wunsch äußerte, lachte er nur dazu, streichelte ihr zärtlich die Wangen und meinte: „Aber — Schatzl, an so was glaubt man eben nur noch auf dem Lande. In der Stadt gibt's das nicht. Auch würde ein solches Storchennest auf unser Haus nicht passen, es würde den architektoni¬ schen Gesamteindruck störend beeinträch¬ tigen. Lassen wir das lieber!“ Die junge Frau fügte sich. Freilich, heimlich dachte sie immer und wieder daran, und eines Tages war sie zu der Ueberzeugung gelangt, daß auch der große Wunsch ihres Lebens, nämlich ein Kind zu haben, niemals in Erfüllung gehen würde, wenn ihr dieser kleine Wunsch, ein harmloses Storchennest auf den Dachfirst ihres Hauses zu bekommen, unerfüllt bliebe. Gerade am Weihnachts¬ abend hatte sie immer und immer wieder an diese beide Wünsche denken müssen, und obgleich sie auch in diesem Jahre von ihrem Manne wieder so unendlich reich beschenkt worden war — jene beiden Wünsche hatte er ihr doch nicht erfüllt. Ueber die leichte Schneedecke glitt lautlos das elegante Fuhrwerk, in welchem Malwida Brentano am Silve¬ sternachmittag in die Stadt fuhr, um noch einige geringfügige Besorgungen zu machen. Plötzlich ließ sie halten, als sie in dem hell erleuchteten Schaufenster eines großen Porzellangeschäftes auf einer Glasplatte drei weiße Störche stehen sah von denen der erste groß, der zweite mittel und der dritte klein war. Welch ein merkwürdiger Zufall! Frau Malwida hätte lachen mögen, so sehr freute sie sich darüber. Gleich ging sie in den Laden und fragte nach dem Preis. Die Verkäuferin, ein junges, frisches Mäd¬ chen, zeigte ihr drei gleiche Exemplare von Störchen, von welchen obendrein der größte ein Täfelchen um den Hals hängen hatte, auf welchem man das Verschen las „Horch, horch — der Storch! Kaufst Du ihn zu Silvester, Baut er im Frühling Rester!“ „Wie niedlich!“ rief die junge Frau aus und zeigte lachend auf die drollige Gruppe von Langbeinen. „Hat das hübsche Verschen,“ fuhr sie fort, „wirk¬ lich seine Bedeutung, Fräulein?“ Die Verkäuferin wurde rot, dann sagte sie lächelnd: „Man sagt es wenigstens, gnädige Frau. Es ist ein alter Volksglaube, daß der, welcher heute sich solch einen Storch wie diesen hier kauft, im Frühling einen wirklichen Storch zu Besuch bekommt, wenn er ihm ein Nest auf seinem Haus¬ dach baut. Irgend jemand hat diesen Volksaberglauben spekulativ auszubeuten verstanden. Wir machen jetzt mit diesen Silvesterstörchen gute Geschäfte.“ In Malwida Brentanos Köpfchen war bereits ein Plan fertig, sie ließ sich sogleich das Storchentrio einpacken und fuhr überglücklich in ihrem Wagen wieder heim. „Ist das nicht entzückend, Schatzel, wenn wir zwei so ganz allein Silvester feiern wie heute? Nicht dieser blöde Gesellschaftstrubel um uns herum, nur wir zwei ganz allein in Deinem trau¬ lichen Schmoll= und Kosewinkel?“ Herr Brentano beugte sich nieder und küßte seine Frau wiederholt zärtlich auf die Stirn. „Willst Du noch ein Glas Punsch, Malwa?“ „Nein, Liebling, jetzt nicht mehr, aber dann gern — wenn es zwölf geschlagen hat. Du — sonst werde ich beschwipst und kann Dir meine Ueberraschung nicht zeigen!“ „Eine Ueberraschung hast Du für mich? Ist das etwa noch ein nachträg¬ liches Weihnachtsgeschenk, das Du mir machen willst?“ „Kann sein — kann sein, Schatzl. Aber weißt Du, ich werde doch gleich

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