Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1910

94 lungen und das Schicksal der Verfassung schien wieder einmal, ans eine Weile wenigstens, be ­ siegelt. Dein Drucke Rußlands und Englands nachgebcnd nnd über Drängen dcs Botschafters der Türkei — die inzwischen einige persische Ortschaften besetzt hatte — zog dann aber am 24. November 1908 der Schah die Proklamation, worin er auf Grund der obcrwähnten Erklärung der Bürgerschaft knndgemacht hatte, daß er kein Parlament mehr einberufcn wolle, doch wieder zurück. Anfangs Dezember wurde das Statut für einen neuen Staatsrat bekannt, der ans 32 No ­ tablen und 18 Kaufleuten — sämtlich vom Schah ernannt — bestehen, gesetzgeberische Gewalt nnd die Kontrolle über die Verwaltung haben sollte, dessen Entscheidungen aber der Genehmigung dcs Schah unterliegen sollten. Am 3. Mai 1909 wurde dann, dem stetigen, verstärkten Druck Englands und Rußlands entsprechend, und an ­ gesichts dcs, wie eingangs erwähnt, Ende April erfolgten Einmarsches der russischen Truppen in Täbris die Verfassung wieder hergcstcllt, das Parlament wieder einberufcn und vom Staats ­ rat das Inkrafttreten der Konstitution unter gleichzeitiger Forderung dcs Rückzuges der in Täbris cingcrücktcn russischen Trnppcn verkündet. Nach der die Wiederherstellung der Verfassung betreffenden Proklamation des Schahs sollten die Wahlen ans Grund eines neu auSzuarbeitendcn — vom Schah dann am 24. Juni 1909 auch unterzeichneten — Wahlgesetzes bis 19. Juli 1909 vollzogen werden, an welchem Tage das Parlament znsammentreten sollte. Die Sachen waren aber schon zu weit ge ­ diehen und das Vertrauen des Volkes in die Versprechungen des Schah dahin. Die nationa ­ listische Bewegung wuchs immer mächtiger an und von allen Seiten drangen die Truppen der Nationalisten unter Si p a h d a r, denen sich dann auch der Stamm der Bachtiarc n, der Bergvölker im Osten von Jspahan unter Füh ­ rung von Sardar Assad anschlvß, gegen Teheran vor. Der Widerstand der dem Schah treugebliebcnen persischen Kosaken unter Liakhow vermochte nicht mehr das Ver ­ hängnis vom wortbrüchigen Herrscher abzulcnken. Am 13. Jnli 1909 rückten dann um 5 Uhr morgens die Nationalisten durch drei Tore in Teheran ein, wo sich bald ein letzter heftiger Kampf mit den Kosaken dcs Schah entspann, der aber ebensowenig, wie ein von dem Schah anbcfohlencs Bombardement Teherans eine Wendnng zugunsten des in Snltanabad weilenden Schah herbeiführen konnte. Am lö. Juli 1909 endlich ließ Liakhow in der Stadt das Feuer cinstellen. Nachdem auch die in der Nacht vom lö. auf den 16. Juli unweit Baghschah statt ­ gefundenen heftigen Kämpfe zwischen den Nationalisten und den Truppen des Schah mit der Niederlage der letzteren, die sich auf Sultanabad zurückzichcn mußten, endete, entschloß sich der Schah, mit seiner ersten Frau, dein Kronprinzen und einem zweiten Sohne den Schutz der russischen Gesandtschaft anzurufcn. Von 200 berittenen Kosaken eskortiert, trafen der Schah und seine Familienmitglieder am 16. Juli um V-9 Uhr inorgens in Zergcndch, der Sommerresidenz des russischen Gesandten, ein, woselbst man sie bereits erwartete. Der asylsuchendc Monarch wurde hier mit allen ihm gebührenden Ehren empfangen und sofort in die Gemächer dcs russischen Gesandten geleitet, welche ihm und den Seinen vorläufig als Woh ­ nung dienen sollte, lieber dem Tore der durch Kosaken in Verteidigungszustand gesetzten Gesandtschaftsvilla wurden dann nebeneinander die russische und die englische Flagge gehißt, zum Zeichen, daß beide Mächte sich vereint haben, dem Schah nnd den Seinen die persönliche Sicherheit zn garantieren. Noch am selben Tag erfolgte dann die Abdankung Muhamcd Ali Mirzas, und durch eine Nationalversammlung, bestehend aus den hervorragendsten Mitgliedern des Parlaments, zahlreichen Notabcln, den Füh ­ rern der Nationalisten und des Militärs, in Gegenwart einer großen Volksmenge beim Par ­ lamentsgebäude zu Teheran wurde der Kron ­ prinz Achmed Mirza zum Schah, Aged cl Mulk zum provisorischen Regen ­ ten und Sipahdar zum Kriegsminister und Gouverneur von Teheran ausgerufcn. In später Nacht wnrde dann vom Nationalrat die formelle Thronabsctzung Muhamcd Ali Mirzas ausgesprochen und Achmed Mirza einstim ­ mig zu seinem Nachfolger proklamiert. Der neue Schah ist der elfjährige Sohn Muhamed Ali MirzaS und der Prinzessin Maucke Tiahem Sultan«, einer Tochter dcs Oheims Muhamed Ali Mirzas, Naib es Su l t a n a h. Ein älterer 16jähriger Sohn dcs abgesetztcn Schahs ist von der Thronfolge aus ­ geschlossen, da er nicht der Sohn einer Prin ­ zessin ist. China. Am 14. November 1908 verschied zu

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