Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1910

2l glitt das Seil durch die Hände der Knechte und langsam und allmählich versank die Gestalt desMatthias, wel ­ chem zwei Augenpaare, die des Försters und des Großknechtes, mit ängstlicher Spannung folgten. Bald sahen sie nur noch den matten Schein des Lichtes heraufschimmern, dann verschwand auch dies. Bange, lange Minuten vergingen, doch immer glitt das Seil durch die und er sah, daß die Kluft an ihrem Grunde weniger Raum bot, als an der -Öffnung — sie mußte trichterförmig von oben nach unten verlaufen. Kaum zwanzig Schritte konnte er zwischen den engen Wänden machen. Er ging diese vorsichtig. Da — vor ihm lag ein dunkler Haufen — sein Herz pochte laut — war es die Leiche seines Bruders? Nein! Nur dessen Äserwaren es — drei Rehe und ein Hirsch — mehr Hände der bleich und stumm aufhor ­ chenden Knechte. Hat denn der Abgrund keinen Boden?! Nur wenige Ellen noch und das Seil hatte ein Ende! Da — ein Ruck, das Seil lag locker auf dem Steine — Matthias war am Ziele. Eine dicke, schwere Luft umgab ihn — er mußte tief aufatmen. Sein Licht flackerte unruhig und warf nur gerin ­ gen Schein umher. Matthias tastete an denWänden umher — siewaren feucht und schlüpfrig. Endlich hatten seine Augen sich an das Halbdunkel gewöhnt oder minder verwest. Darunter konnte Jakob nicht liegen, da er es doch war welcher das Wild hinabgeworfen. Mat ­ thias schritt über dem Tier hinweg weiter — nichts war sonst zu sehen — nichts — doch dort — was glänzte dort im Scheine seiner Laterne? Er tastete sich längs derWand dahin und schrie auf — es war der Lauf der Büchse, welche er einst in der Hand seines Bruders gesehen, und unweit davon lagen die Stücke des Schaftes. Matthias nahmdie Teile auf, riß dann

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