Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1908

104 IV. Ein wohlverdientes Kreuz. Die Pest herrschte in Stadt Steyr.!) Hier wurde der Pater durch ein Die gesündeste Stadt in den Alpen war Klopfen an der Tür geweckt und vielleicht von der allgemeinen Plage nicht verschont zum erstenmal in seinem Leben öffnete geblieben. Wer Geld hatte, war geflohen er unwillig. Herein trat eine ärmlich der furchtbaren Krankheit, fast in allen gekleidete, abgehärmt aussehende Frau Fällen gleichbedeutend mit dem Tode, zu und sagte mit flehender Stimme: entkommen, nur der, den sein Schicksal mein „Helft, hochwürdiger Vater, mit der sonst so teurenScholle Erde auch Mann und mein einziger Sohn liegen in diesen traurigen Tagen verband, war an der Pest darnieder. Es ist keine geblieben und harrte mit Angst und Ent¬ Rettung, sagt der Arzt, so kommt und etzen aus. Priester und Arzt waren die spendet ihnen Trost auf den Weg ins einzigen, welche Trost und Hilfe spendend, Jenseits!“ unerschrocken aushielten in der Stadt, Seid ihr nicht die Ehefrau des die der Todesengel mit seinen Fittichen Bartel Aigner?“ fragte der Pater tief umschwebte. ergriffen. Unter den vielen Priestern, die Trost So ist es“, nickte die Frau mit spendend die Kranken besuchten, war nassen Augen. besonders einer unermüdlich. Pater Geht, geht zu den Euren, ich komme Anselmus gönnte sich nicht Ruhe und gleich nach“, sagte der Pater und drängte Rast, kaum daß er zu einem kurzen, un¬ die Frau sanft gegen die Tür. „Ich hole ruhigen Schlummer die Augen schloß nur den Kelch und das hl. Oel, dann Und war er eingeschlummert, so wurde komme ich. Doch nehmt dies“, fuhr er er oft wieder geweckt, denn dringend fort und drückte der Frau ein Geldstück begehrte ein Sterbender die heiligen in die Hand, „kauft Arznei, vielleicht ist Sakramente. Hilfe noch möglich! Eben hatte Pater Anselmus die müden Die arme Frau stammelte verwirrt Augen geschlossen, um für kurze Zeit der ihren Dank und eilte erleichterten Herzens für ihn so notwendigen Ruhe zu pflegen von dannen. Draußen heulte der Wind sein schauriges In einem der letzten Häuschen im Lied und der Regen strömte laut auf¬ Ennsdorf lagen Vater und Sohn, die klatschend hernieder. Pater Anselmus ganze Welt der Aignerin, im Todeskampfe. aber träumte so schön. Er sah sich in Wohl hatte die Frau um das Geld sofort einem wundervollen Garten voll Pracht Arzneien gekauft und alles mögliche an¬ und Herrlichkeit. Staunend durchwandelte gewendet. Da erschien Pater Anselmus er die schattigen Alleen, lauschte dem und versah beide Kranke mit den heiligen wundersamen Gesang prachtvoller Vögel Sterbesakramenten. Schluchzend kniete und trank Wasser aus silberklarer Quelle die Frau am Fuße des ärmlichen Stroh¬ die kühlend und befruchtend den Garten lagers und flehte zu Gott um Rettung durchschlängelte. ihrer Lieben. Pater Anselmus aber „Ach“, seufzte der Pater, „wer doch nachdem er seines Amtes als Priester diese Herrlichkeiten immer genießen könnte!“ gewaltet, begann Rettungsversuche an¬ „Das sollst du, Anselmus“, antwortete zustellen und teilweise gelang das Werk eine Stimme, die hehr und erhaben klang, des kühnen Priesters. „dein Erdenwallen ist zu Ende. Bleibe Der Vater war wohl nicht mehr zu hier und retten und starb bald darauf in den Armen seines treuen Weibes, der Sohn 9 Wahrscheinlich im Jahre 1519, denn die Art der Leichenbestattung paßt in jene Zeit. aber überstand durch die rechtzeitig und

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