Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1908

„Ist sie liebenswürdig?“ „Nein; sie ist eigensinnig und ver¬ wöhnt.“ „Ist es eine Freundin von Ihnen?“ „Das weiß ich nicht; manchmal scheint es so, dann aber wieder nicht.“ Während dieser kurzen Unterhaltung schien Fräulein Rosa ganz zu vergessen, daß sie mit einem Fremden spräche. Ihre Farben wechselten in einem fort und sie prach augenscheinlich erregt. Graf Arnstein war aber unangenehm davon berührt; so sehr er davon über¬ zeugt war daß Alice Forster ein wenig liebenswürdiges Geschöpf sei, war es ihm nicht sympathisch, daß Rosa als ihre Freundin und Nachbarin gegen einen Fremden derart über sie sprach. Trotz¬ dem setzte er seine Nachfragen fort. „Ich höre, daß Fräulein Forster in kurzem majorenn wird? „Ja, in wenig Tagen.“ „Hat sie viele Bewunderer?“ „Ihr bekannter Reichtum hat natür¬ lich viele“, sagte sie mit sehr deutlicher Ironie in der Stimme. „Ob sie wohl bald heiräten wird?“ „Darf ich fragen, ob Sie zu diesen Erkundigungen irgend einen Grund haben?“ Bei diesen Worten sah die junge Dame dem Rittmeister fest ins Gesicht; ihr Blick war fast streng; ihre Wangen glühten. Als er in ihr fragendes, offenes Auge blickte, fühlte er, daß er aufrichtig antworten müßte. „Mißverstehen Sie mich nicht, Fräu¬ lein Mengen,“ stammelte er, „ich habe von einem Herrn gehört — einem Grafen — Arnstein „Ich habe auch von ihm gehört,“ unter¬ brach ihn die junge Dame rasch, „und wenn Sie ihn etwa kennen sollten, dann sagen Sie ihm auf meine Verantwortung hin, daß Alice Forster alle Glücksjäger verabscheut, und eher sterben, als ihn oder jemanden, der sie um ihres Geldes willen in den Kauf nehmen wollte, heira¬ ten möchte. Komm' Pluto!“ Und ohne eine Antwort zu erwarten, ohne das leise „das freut mich“ des jun¬ 27 gen Mannes zu hören, trat sie rasch in den Kahn, nahm die Ruder und war bald halbwegs über das Wasser, wäh¬ rend der Rittmeister ihr verwundert nachsah, wie sie landete und, ohne sich nur ein einzigmal umzuwenden, ins Pfarrhaus hinaufging. Trotz ihres gänz¬ lichen Mangels an weiblichem Scharf¬ blick wurde sie ihm immer lieber. Den nächsten Morgen ging er nach dem Pfarrhaus, um seine Zeichnung abzuge¬ ben, sah aber nichts von dem strahlenden Auge und dem braunen Lockenkopf; elbst Pluto war nicht da. Traurig, aber nicht entmutigt, beschloß er, sein Glück ein andermal zu versuchen. Am folgenden Morgen war er so glück¬ lich, eine prächtige Schleie zu fangen und natürlich trug er sie ins Pfarrhaus. „ Pluto war da und das Madchen wies ihn sogleich ins Studierzimmer, wo er Fräulein Rosa, eben den Hut mit den Sie Feldblumen abnehmend fand. machte dem Mädchen darüber ein finste¬ res Gesicht, diese aber lachte nur und erwiderte rasch etwas ihm Unverständ¬ liches. Heute war ihr Benehmen schüchtern und zurückhaltend. Dem Pastor ginge es Zimmer viel besser, aber er dürfte das noch nicht verlassen; die Zeichnung habe ihm sehr gefallen, sie wolle dieselbe so¬ gleich holen gehen und ihm zurückgeben; ür den Fisch würde er sehr dankbar ein, aber er möchte sich doch nicht immer o bemühen; hier überzog wieder jenes köstliche Rot ihre Wangen und sie war so verwirrt, wie in all den Tagen nicht. Der junge Mann bat, daß doch der Herr Pastor das kleine, wertlose Bildchen als eine Erinnerung an seine so erwünschte Genesung behalten möchte und machte dann einen etwas ungeschickten Versuch, seine gestrige Neugier zu entschuldigen, fand aber nicht den Mut, ihr zu sagen, wer er eigentlich sei. Dann fiel ihm plötzlich ein, sie zu ragen, ob sie auf dem Balle sein würde, der, wie er gehört habe, zu der Geburts¬ tagsfeier Fräulein Forsters gegeben werden sollte, und sie antwortete b jahend.

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