Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1903

16 warf er auf das hochgethürmte Stroh und nickte — d'rauf ein Sprung — ein vielhundertfacher Schrei — und er fährt mit der Bäuerin hinab! Während ihn und die so kühn gerettete Roßbergerin eine Menge kräftiger Hände aus dem Stroh¬ meer befreien, aufheben und die beiden gänzlich Unbeschädigten wegführen, brach das Scheunendach in sich zusammen. Eine Minute später, und Beide wären in dem Flammenmeer begraben gewesen! Den vereinigten Bemühungen der her¬ beigeeilten Feuerwehren gelang es end¬ lich nach mühevoller Arbeit, das Feuer auf die eine niedergebrannte Scheune zu beschränken, das Wohnhaus jedoch, die Ställe und die anderen Gebäulichkeiten zu retten. Auf Vevi's Stube ließen Pfar¬ rer und Arzt nun Frau Kathi bringen; sie hatten mit eigenen Händen die Geret¬ tete aus den Händen ihres wackeren Ret¬ ters aus höchster Todesgefahr in Em¬ pfang genommen... So waren Mutter und Tochter, welch Letztere noch immer nicht ganz zu sich gekommen, wieder bei¬ sammen ... Bald erwachte Vevi aus ihrer Betäubung, und der Arzt linderte ihre Angst um die Mutter mit der trostreichen Versicherung, daß diese gerettet und ihr zerrütteter Geist von einer wohlthätigen ich Ohnmacht umfangen sei, von der er die jedoch das Beste verspreche. Als nun Ed¬ Haustochter nach dem Namen dieses len forschte, konnte es dieser leider nicht sagen, da er ihn nicht gekannt; er fügte jedoch bei, daß seinen Namen der Herr schon Pfarrer wisse, der aber leider auch nach Hause zurückgekehrt wäre. Noch ehe die Sonne sank, war alle Ge¬ fahr beseitigt, und mit dem Abend kehrte auch die so schrecklich gestörte Ruhe wieder auf dem Hofe ein. Die Dienstboten trieben das Vieh von Feldern und Wiesen, wohin sich dasselbe vor dem Feuer geflüchtet wieder in die Ställe und suchten dann selber die Ruhe; nur eine Wache blieb für diese Nacht auf der Brandstätte zurück ... Am anderen Morgen kamen Schaaren von Neugierigen herbei, welche das Ge¬ rücht der schrecklichen Ereignisse angelockt hatte... Dann fuhren die Nachbarn nach uralt' löblichem Gebrauche zur Hilfe an. Obwohl sie wußten, daß der Roßbergerhof zu den besten Anwesen in den Vorbergen zählte, ließen es sich die biederen Leutchen doch nicht wehren, Bretter und Holzbalken zum Wiederaufbau der Scheune und Heu für das Vieh herbeizufuhren, woran im Augenblick Mangel sein mußte. Seit Vevi gesehen, daß ihre Mutter glücklich aus der Todesgefahr gerettet worden, war das Mädchen, welches Kopf und Herz am rechten Flecke hatte, wieder fest bei ihren Obliegenheiten. So dankte ie denn herzinniglich den herbeigekom¬ * menen Nachbarsleuten fur ihren werk¬ thätigen guten Willen und bewirthete Alle nach Kräften. Auch der Commandant des im Markte stationirten Gendarmerie¬ postens, der Brigadier, stieg zum Roßber¬ gerhof hinauf, um den Thatbestand auf¬ zunehmen. Nach der Auskunft, die er vom Gerichtsarzt bereits erhalten, konnte er der so schwergeprüften Haustochter nur sein herzlichstes Beileid aussprechen, denn zum Einschreiten gegen die irrsinnige Brandstifterin, die mit eigener Hand Feuer an das ihr gehörige Anwesen ge¬ legt, hatte er natürlich keine Veranlassung. Aber es kam noch anders, und auch er sollte mit seinen Leuten auf dem Ro߬ bergerhofe später zu thun bekommen! Soeben saß der Physicus wieder am Bette der Frau Kathi, als diese gegen Mittag die Augen aufschlug und mit ganz hellen verständigen Blicken ihre Umgebung ansah... Nach einigen Augenblicken des Nachdenkens wollte sich die Kranke schon erheben, aber sanft drückte sie der Arzt wieder in die Kissen zurück und ermahnte sie mit gedämpfter Stimme zur Ruhe Die Witwe gehorchte erstaunt. Nun sprach der Doctor leise auf sie ein, denn mit seinem geübten Blicke hatte er wohl er¬ kannt, daß die Krisis überstanden und die Nacht des Wahnsinnes durch die statt¬ gefundene furchtbare Erschütterung ge¬ brochen, und der klare Verstand zurück¬ gekehrt sei. Nun mußte vor Allem jede neue Aufregung vermieden werden, um

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQ4MjI2