Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1903

jedoch nicht angenommen wurde. Auch die Frage der Präsidentenwahl in der Deputirtenkammer and eine der Regierung günstige Lösung, indem am 10. März 1902 der Compromißcandidat Bian= cheri mit großer Majorität gewählt wurde. Am 27. April 1902 gab der Kriegsminister Di San Martino wegen Meinungsverschiedenheiten mit dem Kammerausschusse seine Demission und wurde an seine Stelle der General Ottolenghi berufen. Am 8. Mai 1902 wurde auf dem Hügel der Superga bei Turin ein Denkmal des Königs Humbert eingeweiht. Am 14. August 1901 starb in Neapel Francesco Crispi, einer der bedeutendsten und erfolg¬ reichsten Staatsmänner Italiens. Am 4. October 1819 auf Sicilien geboren, entstammt Crispi einer griechisch albanesischen Familie, die nach dem Sturze Skanderbeg's V. in Italien eine zweite Heimat fand. Einer der berühmten Tausend, schiffte ich Crispi am 5. Mai 1860 mit Garibaldi ein als dessen stellvertretender Generalstabschef;als Erster betrat er den sicilianischen Boden, als Erster nannte er in dem Decret über die Besitz¬ nahme Salemis und Garibaldi's Dictatur Victor Emanuel „König von Italien: Die späteren Ereignisse sind noch in frischer Erinnerung, namentlich die ruhmreiche Thätigkeit Crispi's auf dem Monte Citorio, Anfang und Ende seiner ersten Ministerschaft im Jahre 1876 und beim Eintritt in das Cabinet Depretis. Nach dem Heimgang des „Alten von Stradella war nirgends ein Zweifel, daß nur ein einziger Mann in Italien sein Erbe antreten könne — Francescr Crispi. Zugleich Minister des Innern und des Aeußern, der Vertrauensmann der Krone wie des Volkes, hat Crispi die parlamentarische Anarchie in Italien beseitigt. Was aber dem sicilianischen Staatsmann ein Ende seiner Carrière bereitete, war General Oreste Baratieri's (ge¬ torben am 8. August 1904) unglückliche Krieg¬ ührung in Afrika. Sein Prestige als Staats¬ mann aber blieb, und so ost er in der letzten Zeit seine Stimme erhob, lauschte achtungsvoll und begierig auf seine Weisheit die politische Welt Nach einer Laufbahn, wie sie großartiger nicht gedacht werden kann, nachdem er die Energie gewesen, vor der die subversiven Elemente im Lande zitterten; nachden er zu einer Persönlich¬ keit geworden, in deren Namen man sich alle inneren Wirren und Gefahren zu beschwören gewöhnt hatle; nachdem er als führender und dominirender Geist in Europa zusammen mit Bismarck und den österreichischen Staatsmännern den Dreibund geschaffen und Gewehr bei Fuß gestanden, um im Verein mit seinen Alliirten dem Welttheil das Glück und die Segnungen eines langen Friedens zu verbürgen: nach solch einer gewaltigen Thätigkeit ist Francesco Crispi als Zweiundachtzigjähriger gestorben und ganz Italien stand trauernd an seiner Bahre. Im August 1901 starb in Neapel Domenico Morelli, einer der bedeutendsten Historien= und 85 Genremaler Italiens. Er war am 4. August 1826 zu Neapel geboren und seit 1886 Senator des Königreiches. Seine Gemälde zeichneten sich durch länzendes Colorit und ergreifende Wahrheit aus * * * Am 20. Februar 1902 jährte sich der Tag, da Leo XIII. den päpstlichen Stuhl bestieg zum ünfundzwanzigsten Male und dem kirchlichen Jubelfeste wurde in der ganzen Welt mit jener Antheilnahme begegnet, welche die Persönlichkeit und die Wirksamkeit des greisen Papstes bean¬ spruchen durften. Die kirchlichen Festlichkeiten gipfelten in der am 3. März 1902 erfolgten Krönungsfeier in der St. Peterskirche. Frankreich. Nach dem im Laufe des Monates September 17. bis 21. September) Kaiser Nikolaus von Rußland bei einem mit seiner Gemahlin unter¬ nommenen Besuche Frankreichs eine Begegnung mit dem Präsidenten der französischen Republik Loubet gehabt, erwiderte Loubet den Besuch des Czaren in Frankreich mit einem Gegenbesuche n Rußland, welcher in den Monat Mai 1902 iel. Beide Begegnungen der Staatsoberhäupter Frankreichs und Rußlands waren Veranlassungen zu großen Festlichkeiten und befestigten neuerdings das russisch=französische Bündniß. Auf der Rück¬ reise von Rußland besuchte Loubet am 25. Mai en König von Dänemark in Kopenhagen, was vohl nur ein Act der Courtoisie war, von hauvinistischen französischen Blättern aber als Vorbote des Eintrittes Dänemarks in den Zwei¬ bund gedeutet wurde. Nachdem die im Juli 1901 stattgehabten Generalrathswahlen in Frankreich ein kräftiges Anwachsen der die Regierung Waldeck=Rousseau uinterstützenden Parteien dargethan, nachdem weiters die im Monate April 1902 erfolgten Wahlen in die französische Deputirtenkammer und die nachfolgenden Stichwahlen eine sehr namhafte Steigerung der Regierungsmajorität n der Kammer erbracht, einer Majorität, welche sich nunmehr aus durchwegs zuverlässigen Repu¬ likanern — die neue Kammer zählt 310 Mini¬ — zusammen¬ terielle gegen 252 Oppositionelle etzt, betrachtete Herr Waldeck=Rousseau seine vesentlichste Aufgabe, jene, die republikanischen Institutionen auf das Energischeste zu vertheidigen und neu zu kräftigen und die öffentliche Ordnung zu sichern, für gelöst. Er hielt sich für berechtigt, iunmehr die Aufgabe, die Geschicke Frankreichs zu leiten, einer anderen Kraft zu überlassen und r gab daher sammt seinem Cabinette am 3. Juni 1902 seine Demission. An die Stelle des Cabinets Waldeck=Rousseau trat nun das Ministerium Combes, welches eigentlich als eine Fortsetzung des Ministeriums Waldeck=Rousseau anzusehen ist uind welches, nachdem die Kammer durch die end¬ giltige Wahl Bourgeois zu ihrem Präsidenten ihren festen Willen bekundet hatte, nur eine ehrlich

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQ4MjI2