Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1900

elben und rief dem erschrockenen Mäd¬ chen aufgeregt zu: Nanmi, mach schnell und richt' a Bett herein in d'Stub'n! Den Bauern hat ein Ast von ein' fallenden Baum troffen. I glaub', es fehlt ihm recht weit! „O Jessas Maria!“ schrie die Witwe, auf den Unglücksboten zustürzend. „Wie is denn das mögli'? O Herrgott, wie is denn das g'schehg'n?“ Sie erhielt aber keine Antwort mehr, denn der Knecht schlug ihr die Thüre vor der Nase zu und eilte davon, wie er gekommen. Nanni war leichenblaß und zitterte am ganzen Körper. Doch ermannte sie sich bald und gebot der laut jammernden Mutter Stillschweigen, „denn, sagte sie „von dem hab'n wir iatzt nix, wir müss'n chau'n, daß er gleich a richtige Wart und an Docta kriegt. „O, i bin zu müd', i kann nimmer soweit geh'n!“ klagte die Alte. „Das braucht's auch net. Schrei nur auf die Kloa'dirn und sag' ihr, daß sie gleich nach Freyung um den Docta lauft. Darnach kimmst wieder und hilfst mir! Eine Stunde später wurde der ohn¬ mächtige Scheibenbauer, den die Knechte vermittels einer Tragbahre vom Walde herabgeschafft hatten, sanft auf das in der Stube hergerichtete Bett gelegt. Bald darauf erschien auch der Arzt. Derselbe war vor Allem bemüht, den Verunglück¬ zum Bewußtsein zurückzubringen, was ten schon nach verhältnißmäßig kurzer ihm gelang. Zeit Der Scheibenbauer versuchte sich auf¬ zurichten, wobei ihm das Blut aus dem Munde quoll. Als der Doctor ihn sanft die Kissen niederdrückte, fragte er in mit heiserer Stimme „Was is denn das iatzt eigentli g’wes'n, Nanni? Die Gerufene wollte sich schluchzend zu ihm niederbeugen, aber der Docton wies sie zurück und gab selbst dem Kranken die nöthige Auskunft. Darauf schnitt er ihm die Kleider auf, um die 15 Brust zu untersuchen, auf welche ihn nach Aussage der Knechte der mächtige Buchenast getroffen. Da eine äußere Verletzung nicht vorlag, richtete er an den Kranken einige Fragen, die dieser mit immer klarer werdender Stimme beantwortete. „I glaub 's fehlt mir eh net viel, agte er endlich. „Nur so verprellt bin am ganz'n Körper wie a Hackstock. Mach weiter, Nanni, und bring mir a Trinka.“ — Jetzt erst die umstehenden Dienstboten bemerkend, fuhr er wüthend auf: „Ja, was is denn das? Die steh'n her und gaffen mich an, als ob i, Gott ei Dank! schon halbert hin wär'! Ob's net gleich schaut's, daß's Alle miteinan¬ weiter kommts? der Wieder färbten sich seine Lippen mit Blut und der Doctor legte ihm fest die Hand auf die Schulter. „Laß Dir etwas sagen, Scheibenbauer,“ sprach er eindringlich. „Es fehlt Dir doch mehr, als Du glaubst. Dein Leben hängt an einem Faden, an Dir nur liegt es, dasselbe um einen Abschnitt zu verlän¬ gern. Wenn Du Dich noch einmal so auf¬ regst, werde ich Dir morgen den Todten¬ schein ausstellen. Verhalte Dich also ruhig und befolge meine Anordnungen. Ich werde das Mädchen“ — hier wies er auf Nanni, welche mit einem Glase Wasser an das Bett trat, „noch in¬ struiren. Der Scheibenbauer warf dem Manne, der es wagte, ihn also zu maßregeln, böse Blicke zu, als derselbe an den Tisch trat und ein Recept niederschrieb mit welchem er die Magd den Augen¬ blick fortschickte. Dann wandte er sich an Nanmi und gab ihr die nöthigen An¬ weisungen: Möglichste Ruhe, Nachtwache wenig sprechen, kalte Umschläge, sobald sich Fieber einstelle, u. s. w. Morgen würde er wiederkommen. „Da hast mir Oan' g'schickt, Du dumm's Leut!“ schimpfte der Kranke als der Arzt sich entfernt hatte. „Aber laß mich net für ein' Narr'n halt'n! Hab' mein Lebtag koan' solchen Giftver¬

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