Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1900

10 nächster Gelegenheit mit ihrer Mutter reden und diese würde gewiß nichts ge¬ gen Hermann haben. Denn ein Knecht war er ja nicht, sondern ein freier Hand¬ werker, der wohl eine Familie ernähren konnte. Da sich aber eine Gelegenheit ihre Mutter zu besuchen, nicht sogleich bot, und sie viel zu jung und zu lebhaft war, um ihr Glück länger in sich ver¬ schließen zu können, vertraute sie das¬ selbe eines Tages der Kleindirn Lori an Diese zeigte sich indessen nicht im Min desten überrascht bei ihrer Mittheilung. „Das woaß i schon lang,“ sagte sic lachend. „Die Sabine hat's ja überall herumg'sagt und noch gar viel dazu. Woaßt, Nanm“ — hier verfinsterte sich Lori's Gesicht auffallend —. Die Sabine is ein grundfalsch's Weibsbild und der Hermann — na, es is Dir wohl net recht, wenn i Dir über den was sag', gelt?“ „Naa, es is mir net recht,“ bestä tigte Nanni streng, während ihr doch das Herz pochte Also verbrenn' i mir auch 's Maul net. „O, wennst ebbs woaßt, so sag's nur! Es is mir ganz gleich. Sag's, Lori i verlang's!“ „Na, wenn Du's hab'n willst — in Gott's Nam'! Du derfst es aber mir net in Ueb'l nehma, i sag's nur, wie i's von andern Leut'n g’hört hab'.“ „Nur aussa damit,“ nickte Nanni mit erblaßten Wangen und zitternden Lippen. „Der Hermann is noch dieselbe Nacht, wo er Dich hoambegleit't hat, auf d’Tanz¬ musi' z'ruck. Dort hab'n ihn nachher die Buam, der Lohbauernsepp voran, Deinet¬ weg'n auf'zwickt, hab'n g’wett' mit eahm daß er Dich doch net für extra kriegt Da is er prahlert word'n und hat g’sagt, es wär' eahm sunst net so viel an Dir g’leg'n. Damit 's aber die Buam sehg'n kunnt'n, wie stark Du an eahm hängst, is er die Wett ein'gangen. „Was für a Wett'?“ rief Nanni völlig außer sich. „Daß Du hinter an Jahr oder zwoa'n net laßt von eahm. So lang halt, bis er Dir selber 'n Abschied gibt. Denn heirat'n, sagt er, thut er nur Oane von an Herkemma und mit Geld.“ Nanni sank vor Lori auf die Bank nieder und preßte die zitternden Hände vor das Gesicht. Sie schluchzte und weinte nicht, aber es war ihr, als müßte ihr das Herz zerspringen unter der ent¬ etzlichen Last, die sich plötzlich auf das¬ elbe gestürzt. Lori wollte ihr Trost zu¬ sprechen, da erhob sie sich wieder und agte mit rauhklingender Stimme: Geh weg von mir, Lori. Hast mir's freili' erst sag'n müss'n, was für ein arm's, elendig's Dirndl i bin. Aber werd' doch mit mir selber firti, i brauch koan Mensch'n dazu.“ Und sie wurde fertig mit sich, mit ihrem in seinen heiligsten Gefühlen ver¬ wundeten Herzen und mit allen Hoff¬ nungen ihrer Jugend. Zwei Tage später stand sie Hermann wieder gegenüber, wohl blaß und ver¬ grämt, aber so ruhig, als ob nicht das Mindeste vorgefallen wäre. Sie hatte ihm durch Sabine sagen lassen, daß sie ihn am Sonntag Abends hinter dem Hofe erwarte, um ihm etwas Wichtiges mitzutheilen. Er war gekommen. Jetzt wie¬ derholte sie ihm Wort für Wort, was Lori ihr gesagt. Da lachte er ein wenig verlegen auf. „Du wirst Dich doch net aufleg'n über das, was man im Rausch g'sagt hat?“ meinte er. „Schau, i hätt' net einmal mehr a Wort davon g’wißt. Jatzt, weilst red'st davon, fallt's mir wieder ein. „So is's Dei' Ernst net g’wes'n?“ ragte das Mädchen, die Hände krampf¬ haft ineinanderschlingend. „Ah, was glaubst denn! Das mußt Du mein Rausch und dem Faschingmontag zuschreib'n, net mir selber. I denk' anders, Nanni, glaub' mir's. Du woaßt, was i im Hamgeh'n zu Dir g’sagt hab: Nur Dich und sunst Koane!“ Er lachte sie fröhlich an und wollte ihre Hand er¬

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQ4MjI2