Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1900

6 Alles besser verstehen möchte, als alte, erfahrene Leute, obgleich es noch lange nicht trocken wäre hinter den Ohren“ Jeden Sonntag Nachmittag besuchte Nanmi ihre Mutter und immer brachte sie ihr etwas mit: bald ein Stück Trink¬ geld vom Bauern, bald einen Laib Wei߬ brot, den sogenanten Knetzelten, welchen die Magd erhält, so oft gebacken wird Außerdem erhielt die Witwe aus des Scheibenbauern Waldungen unentgeltlich Brennholz geliefert und durfte sich für ihre zwei Ziegen die Feldraine mähen Da war sie denn doch sehr glücklich, daß ihre Tochter einen solch guten Platz be¬ kommen und sie ermahnte dieselbe bei jeder Gelegenheit, nur ja recht brav und ordentlich zu sein. Gerne hätte sie auch etwas über den Sohn des Alten erfahren doch niemals noch hatte er Nanni oder einem andern Menschen gegenüber seiner Erwähnung gethan. „Der kaltherzige Mensch hat sein eig'ns Kind wirkli' ganz vergess'n! meinte die Witwe kopfschüttelnd. „I be¬ greif 's gar net, wie die Leut' so sein können! I an seiner Stell' müsset mich in Tod leg'n vor Load und Jammer. Aber der Scheibenbauer, dem is 's gleich ob sei' Bua in der Fremd' stirbt und verdirbt.“ Das Mädchen dachte anders. Es hatte den Bauern schon oft beobachtet in Augen¬ blicken, wo er, am Tische sitzend und Alles um sich her vergessend, die Maske der äußerlichen Ruhe und Herbheit ab¬ gelegt, wo er sich als der gezeigt hatte der er war: Ein alter, unglücklicher, ver¬ bitterter Mann. Für ihr Leben gern# hätte Nanni ihm dann Worte des Mit¬ eids und des Trostes sagen mögen, aber jedesmal hielt sie die Furcht, schroff zurückgewiesen zu werden, davon ab. Doch hoffte sie, daß er sich mit der Zeit noch von ihren warmen Gefühlen für ihn überzeugen und ihr dann sein Vertrauen freiwillig schenken würde So verging ein volles Jahr. Wieder war Lichtmeß gekommen und hatte einige Veränderung im Hauswesen gebracht „Schmierkatz“ aß in einem Hinterstübchen das Gnadenbrot und an ihrer Stelle schafte eine neue Kleindirn, Lori mit Namen. Den übrigen Dienstboten war ein Baumann vorgesetzt worden, da der Scheibenbauer sich von jetzt an Ruhe gönnen wollte, wie er sagte. Das Neben¬ häuschen bewohnte eine anständige und wie es hieß, auch wohlhabende Zimmer¬ mannsfamilie, welche aus den beiden Alten, einer erwachsenen Tochter und einem Sohn bestand. Letzterer, sechsund¬ zwanzig Jahre alt, hatte mit dem Vater das Handwerk gemein und befand sich selten zu Hause. Die Tochter aber, ein hübsches und ziemlich eitles Mädchen, war jederzeit auf dem Hofe zu treffen. Sie kannte, da die Familie in der Pfarrei beheimatet war, Nanmi schon seit Län¬ gerem, wenn sie auch mit derselben nie¬ mals näheren Verkehr gepflogen und sie, als bettelarmes, schüchternes Ding, stets hochmüthig übersehen hatte. Jetzt war das anders. Nanni stand bei dem reichen Scheibenbauern in hoher Gunst, nahm elben eine bevorzugte Stellung im Hause des ich überdies ihrem Aeußern ein und hatte Charakter nach in einer Weise owie ihrem man sich schon mit ihr daß entfaltet Darum bemühte die „Hausl¬ zeigen konnte gar eifrig um ihre Freund¬ abine sich zwar, wie es den Anschein chaft, und hatte, auch mit Erfolg. Dieser wurde zu einem vollständigen, als sie dem an¬ erschrockenen Mädchen eines angs schier —es war am Faschingmontag Morgens ankündigte, daß es sich bis zwei Uhr Nachmittags so hübsch als möglich zu machen habe. Im Wirthshause des Nach¬ bardorfes Falkenbach gäbe es nämlich Tanzmusik und dahin müsse sie mit ihr und ihrem Bruder Hermann gehen, ob sie nun wolle oder nicht. „O lieber Gott, i und auf a Tanz¬ musi' geh'n!“ rief Nanni, über und über erglühend. „Ja warum denn net? Du bist doch auch a jung's Dirndl wie andere und hast a Recht zum Lusti'sein! Oder willst wirkli' an extrige Betschwester wer'n?

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