Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1900

68 stellende Verwendung in einem und demselben öffentlichen oder privaten Dienste eine eigene „Ehrenmedaille für 40jährige treue Dienstzeit“ Dem Kaiserhause, welches durch das ver¬ ruchte Genfer Verbrechen so schwer getroffen worden war, hat der Tod in der Berichts¬ periode noch manches erlauchte Mitglied ent¬ rissen. Am 8. November 1898 starb im Schloß Orth bei Gmunden im 84. Lebensjahre die Großherzogin Maria Antonia von Toscana die Mutter des verschollenen Erzherzogs Johanr (Johann Orth). Eine Tochter des im Jahre 1830 verstorbenen Königs Franz I. von Neapel und der Infantin Isabella von Spanien, wurde sie 1814 zu Palermo geboren. Am 7. Juni 1833 reichte sie dem Großherzog Leo¬ pold II. von Toscana die Hand zum Ehebunde, Am welchem zahlreiche Kinder entsprossen 18. Februar 1899 verschied in Wien die Erz¬ herzogin Maria Immaculata. Sie war eine Tochter Königs Ferdinand II. beider Sicilien und eine Cousine des Kaisers. Zu Neapel an 14. April 1844 geboren, vermählte sie sich am 19. September 4861 zu Rom, dem damaligen Exil der großherzoglich toscanischen Familie, mit dem Erzherzog Karl Salvator, den ältesten Bruder des vormals regierenden Gro߬ — herzog Ferdinand IV. von Toscana. An 4. April 4899 starb zu Arco in Südtirol Erzherzogs Ernst im 75. Lebensjahre. Am 8. August 1824 zu Mailand geboren, war er das vierte Kind (der zweite Sohn) aus der Ehe des einstigen Vicekönigs des lombar¬ disch=venetianischen Königreiches, Erzherzog Rainer, aus dessen Ehe mit Prinzessin Maria Elisabeth von Savoyen=Carignan, einer Tochter des Herzogs Karl Emanuel von Savoyen. Die auswärtige Politik Oesterreichs bewegte sich auch im Berichtsjahre im bewährten Rahmen weiter; der Dreibund stand nach wie vor un¬ erschüttert fest und die Beziehungen zu den übrigen Mächten waren die denkbar besten, wobei sich auch das Verhältniß zu Rußland immer freundlicher gestaltete. Die im Juni 1899 cursirenden Ge¬ rüchte von einer Action Oesterreich=Ungarns wegen Erwerbung eines Stützpunktes für seinen Handel in China dürften wohl nichts weiter als einen ballon d’essai zu bedeuten gehabt haben. Im innerpolitischen Leben Oesterreichs wirkt noch immer der Fluch des Compromisses nach zu welchem einst Carlos Auersperg, wenn auc vom besten Willen beseelt, aber ohne hinreichende Würdigung aller hiebei in Frage kommenden Verhältnisse und ohne die geringste slaats¬ männische Voraussicht die Hand geboten hat, ein Compromiß, das als der eigentliche Ursprung all des Unheiles das seither über den deutschen Volksstamm in Oesterreich und damit über dieses selbst hereingebrochen ist, zu betrachten ist.In diesem Compromisse lag der Angelpunkt,vor dem aus die slavischen Völkerschaften, und zwar bisher mit Glück, den Versuch unternahmen, die berechtigte Vorherrschaft der Deutschen in dem von diesen gegründeten und mit deutschem Blute zusammengekitteten Oesterreich zu unterminiren Mit eiserner Consequenz und einem vor nichts zurückschreckenden Terrorismus arbeiteten be¬ onders die Tschechen an der Zurückdrängung des Deutschthums, und die Regierung kam ihnen hiebei auf mehr als auf halbem Wege entgegen, bis endlich die für Böhmen und Mähren, und später auch für Schlesien erlassenen Sprachen¬ verordnungen den Deutschen bewiesen, daß ihre Position in Oesterreich eine verlorene sein würde wenn sie nicht mit aller Energie den Kampf gegen das vereinigte und von der Regierung unterstützte Slaventhum aufnehmen würden. Der Sturz des Ministeriums Badeni hat denn auch den Beweis erbracht, daß der Weg, den die Deutschen angesichts der vordrängenden lavischen Hochfluth, angesichts der Sprachen verordnun en im Parlament betreten hatten jener der unerbittlichen Opposition und Ob¬ struction des kräftigsten Hervorkehrens des nationalen Gedankens, der richtige war. Der Wechsel welcher seit den denkwürdigen No¬ vembertagen des Jahres 1897 wiederholt in Ministerium eintrat, die verschiedenen Einbe¬ rufungen und Vertagungen des Reichsrathes die Verhandlungen der Regierung mit den beiderseitigen Parteiführern, die Emanationen der officiösen Blätter über die in Aussicht stehende Erlassung eines Sprachengesetzes auf Grund des § 14, Alles deutet darauf hin, daß die Situation auch an maßgebendster Stelle für unhaltbar angesehen wird und daß die Noth¬ wendigkeit immer mehr erkannt wird, eine Ver¬ söhnung der Deutschen herbeizuführen. Als Grundbedingung einer solchen kann aber nur, wie dies wiederholt alle deutschen Parteien aus¬ gesprochen haben, die unbedingte Zurückziehung der Sprachenverordnungen angesehen werden denn die Deutschen haben allen Grund, zu be¬ gehren, daß, ehe man an Friedensverhandlungen geht, der status quo ante hergestellt werde, da ie absolnt nicht gewillt sind, an eventuellen Verhandlungen von einer für sie ungünstigen Position aus, in die man sie künstlich hineinge¬ zwängt hat, theilzunehmen. Es ist dies umso er¬ klärlicher, als die seinerzeitigen böhmischen Friedensverhandlungen unter dem Ministerium Taaffe und deren nachträgliche Desavouirung seitens der Tschechen und der feudalen Gro߬ grundbesitzer dargethan haben, welche Vorsicht bei den Verhandlungen mit solchen Gegnern nöthig sei. Diese und ähnliche Erwägungen haben denn auch heuer wieder die deutschen Abgeordneten Böhmens veranlaßt, an den Ver¬ handlungen des böhmischen Landtages nicht theilzunehmen, eines Landtages, dessen Majorität auf die Bedürfnisse und Wünsche der Minorität nicht die geringste Rücksicht zu nehmen von vornherein entschlossen war.

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