Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1900

36 dem Wendelhofe. Sie müht sich ehrlich ab, um wieder Ordnung und Wohlstank herzustellen auf ihres Mannes Eigen¬ thum, das ihre Mitgift vom Hammer gerettet. Es wurde ihr nicht gesagt, daß die harten Thaler, welche ihr, einer Be¬ stimmung der verstorbenen Mutter zu¬ folge, am Hochzeitstage als Heiratsgut ausbezahlt werden mußten, gerade dazu reichten, Nazi aus den Händen von Wucherern zu retten; sie hatte es lang¬ sam nur, und nach und nach verstehen gelernt. Das erste Jahr ihrer Ehe hätte das glücklichste sein müssen, denn das Be¬ wußtsein, der schöne, junge Mann, den sie bewundert, seit sie überhaupt Augen für Männer gehabt, sei nun wirklich ihr eigen, überwältigte sie zuweilen so mäch¬ tig, daß sie glückselig vor sich hinlachte was eigentlich gar nicht in ihrer Natur lag. Von diesem innerlichen Glück, welches sie ganz erfüllte, wußte Nazi nichts; denn sie schämte sich, ihm zu zeigen, wie när¬ risch lieb sie ihn hatte und seine Gleich¬ giltigkeit gegen sie erwies sich als zu groß, als daß er die Gefühle der jungen Frau eingehender Beobachtung gewürdigt hätte. Durch übergroßen Pflichteifer suchte ie ihm zu beweisen, er habe das Glück eines Hauses in gute Hände gelegt. Doch ihren Zweck erreichte sie damit keineswegs die Rührigkeit des Weibes, das ihn vom Ruin gerettet, ärgerte den arbeitsscheuer Mann, der geneigt war, sie als stillen Vorwurf anzusehen. Sie schien ihm nichts recht machen zu können. Das war es was außer der That¬ sache von der Einbuße ihres Vermögens der Anne=Marei allmälig klar wurde. Sobald sie es erfaßt hatte, ging auch das Gespenst der Eifersucht im Hause um. Wenn er ihr trotz aller Opfer nicht anhing, wem denn? Alle Gerüchte über Nazi's Liebes¬ geschichten vor seiner Heirat, denen sie früher nicht Glauben schenken wollte, kamen ihr wieder in den Sinn und be gannen in ihrem Kopfe zu spuken. Sie ing an, ihn zu beargwöhnen und schaute ich um nach Beweisen für ihren Verdacht. Inmitten dieser wenig dankbaren Be¬ chäftigung langte auf dem Wendelhofe ein kleiner Weltbürger an, der in die altväterische Wiege gelegt wurde, in wel¬ cher vom Ur=Urgroßvater an die jungen Bäumer ihre ersten Lebenstage in behag¬ licher Ruhe verbracht. Das arme Würm¬ chen, welches jetzt in dem umfangreichen, bunt bemalten Holzkasten lag, konnte an¬ spruchsvolle Eltern nicht wohl mit Stolz erfüllen. Kein kräftiges, zappeliges Bauern¬ bübchen schaute dem enttäuschten Vater entgegen, sondern ein abgezehrtes Wickel¬ kindchen, das kaum lebensfähig zu sein schien. Anne=Marei trug selbst schwer an der Enttäuschung, als man ihr den Sohn zum ersten Mal in die Arme chob; aber als sie dem Vater dasselbe Gefühl vom Gesicht ablas, welchem er später auch unverhohlen Ausdruck gab, empfand sie es wie eine bittere Kränkung. Statt Mann und Frau näher zu bringen, trug das Kind nur zu ihrer Entfremdung bei. Der Wendelbauer hatte bis jetzt, wenn auch mit Widerstreben, gewisse Rücksichten auf seine Frau ge¬ nommen, weil es schwer war, Einer, die ihm Alles that, was sie ihm an den Augen absah, zuwider zu handeln. Doch kaum traf sein Ohr das erste herbe Wort aus Anne=Marei's Mund, so fühlte Nazi den Bann von sich weichen, den er längst als drückende Last empfunden. Er suchte Zerstreuung außerhalb des Hauses und zog diese dem häuslichen Frieden vor. Ueberdies fand er, es wäre an der Zeit, daß Anne=Marei verstehen lerne, ein Mann wie er, könne nicht immer unter dem Pantoffel stehen, er müsse seine Freiheit haben und dürfte nicht für je¬ den Schritt und Tritt verantwortlich ge¬ macht werden. So dauerte es denn gar nicht lange ehe der Wendelbauer abermals Stamm¬ gast wurde im „Tivoli“ und im „Grünen Baum,“ wo er sich erfrischte, nachdem er

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