Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1896

14 nauner, ein frischer Mann hätt' bald ein' Wehr! Die Höflinge, welche um den Herzog im Burghof standen, hielten Wetten auf den stämmigen Trabanten, der den ver¬ wilderten Bergmenschen verächtlich musterte. Als der Herzog das Zeichen gab, be¬ gannen die Beiden zu ringen. Der Tra¬ bant fühlte gar bald die furchtbare Kraft seines Gegners. Geschickt entwand er sich aber dem solcher Kniffe fremden Riesen, ergriff die am Boden liegende Wehr und wollte mit ihr dem Christel zu Leibe gehen. Das nahm nun der Paznauner übel, riß mit wuchtigem Griff eine Latte aus dem Zaun, der den Garten der Burg umfriedete, und hieb mit solcher Gewalt auf den Trabanten ein, daß dieser Fersen¬ geld geben wollte. Christel aber nicht faul, gab dem herzoglichen Leibtrabanten einen Denkzettel, daß der Stecken zersplitterte. Das gefiel dem Herzog nicht wohl, der in einem Aerger über diesen unerwarteten Ausgang des Zweikampfes befahl, die Jagd¬ hunde auf den Paznauer zu hetzen. Wohl war Christel verdutzt, wie die Meute auf ihn einstürmte, er faßte sich aber schnell, ergriff den ersten Hund, der an ihn heran¬ sprang, bei den Hinterläufen und schlug nun mit dem Hund auf die Meute so fürchterlich ein, daß die Hunde mit ein¬ gezogener Ruthe flüchtig gingen. Dann warf der Kuhhaut=Christel den „Schlag¬ hund; dem Herzog vor die Füße und nachte sich aus dem Staube.“ „Die Kraft möcht' ich wolltern auch haben!“ meinte der zweite Finanzer, „man könnte damit manchem Schmuggler Mores lehren.“ „Wenn man ihn zuerst hat, schon!“ Im selben Augenblick trat der Re¬ spicient zu den Grenzern, um sie zu fra¬ gen,was sie denn so angelegentlich zu besprechen hätten. Es wäre angezeigter wenn sie die Menge Leute sich genauer besehen hätten, die inzwischen beim Höfler zu Besuch gekommen sind und nach kurzer Zeit das Gehöft wieder verlassen haben. Sehr wohl!“ antworteten die sich er¬ hebenden Grenzer und hielten nun in der finsteren Nacht scharfen Auslug. Aber es kam Niemand mehr und Alles blieb ruhig. Die Lichter im Hause erloschen, das Gesinde wie der Bauer verden wohl schlafen gegangen sein. Gäh¬ nend standen die Aufseher am Zaun, die abermalige Nachtwache thut doch sehr wehe, und auch der Respicient kann sich kaum des Schlafes erwehren. Alle Mann wach zu halten, ist eigentlich auch gar nicht nöthig; ein Wachposten genügt auch, und so gibt denn der Beamte Befehl, daß ein Mann Wache hält und stündlich ab¬ jelöst wird. Die andern und der Re¬ picient selbst lagern sich im Gras am Zaun. Bald sind sie eingeschlafen, die Trisanna rauscht ihnen das Schlummerlied. Das Gewehr im Arm steht der Posten in einsamer Nacht, erfüllt von dem Ge¬ danken, wieder einmal nutzlos die Nacht¬ ruhe zu opfern. So oft die Uhr vom alten Kirchthurm die Stunde schlägt, muß ein anderer auf; auch der Respicient selbst kommt an die Reihe und wacht seine Stunde, ohne das Geringste wahrnehmen zu können. Wenn nur die Visitationserlaubniß ei Tagesanbruch da ist! Das Herum¬ tehen um das Haus gehört nicht zu den Annehmlichkeiten, und es ist Zehn gegen Eins zu wetten, daß bis zum Vormittag die ganze Bevölkerung von Ober=Paz¬ naun sich hier einfindet, um ihre Glossen über die aufmerksame Bewachung des Seppele zu machen. Das kann eine einliche Lage werden! Und wenn der Finanzer ohne Erlaubniß von Landeck zurückkommt? Dann ist der Respicient ganz schauerlich blamirt, und Hohn und Spott sind ihm sicher. Aber er hat doch eine Pflicht gethan, die Folgen hat die Direction zu tragen; denn für den Beamten teht es felsenfest, daß die Schmuggelwaare im Hause des Seppele liegt. Und so starrt der Respicient weiter in die finstere Nacht ... * * * Lustig krähen die Hähne und ver¬ künden den anbrechenden Tag. Die Fi¬ nanzer reiben sich den Schlaf aus den Augen und sehen fragend auf ihren Chef,

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