Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1896

„Nun rasch hinunter in's Dorf mit demMädel! Zu den Erklärungen, wie sie gerettet wurde, ist später Zeit genug. * * * „Der Doctor von Landeck muß hexen können, weil er das Zischkerl wieder lebendig machte,“ sagten die Galtürer, als nach langen Wochen das Mädel zum erstenmal wieder im warmen Sonnenschein sich ergehen konnte. Freilich wird Zischkerl für das Erdenleben auf einem Bein hinken, und der wuchtige Sturz in die Tiefe wird ihr zeitlebens eine schmerzende Stelle am Kopf hinterlassen; die Prellung wär' zu stark gewesen und es wär' überhaupt schier ein Wunder, daß das Mädel mit dem Leben davongekommen sei, hat der Arzt gesagt. Nun ist Zischkerl aber dem Sensenmann entrissen, und wenn es Gottes Wille ist wird sie sich allmälig schon wieder „zu¬ sammenklauben“ Seppele ist wie umgewandelt seit jenem Schreckenstag auf dem Eisfeld; seine tollkühne Waghalsigkeit ist wie weggeblasen, und aus eigenem Antriebe hat er die Schmuggele aufgegeben. Fleißig ist er hinter der Bauern¬ arbeit her, die Päcke Schleichgut sollen nun die Andern mit Gefahr des Lebens herüber¬ schleppen; er thut nimmer mit, die Schwärzer ollen sich nur einen andern Anführer wählen. Seppele führt jetzt etwas anderes, sein Mädel, in treuer väterlicher Fürsorge in das sonnige Gelände. Eines Tages fragt Zischkerl den Vater, wer sie denn heraufgeholt hätte aus dem Gletscherschlund nach dem fürchterlichen Sturz.Siedheiß fällt dem Seppele nun ein, daß er sich in Angst und Sorge um sein Kind gar nicht um den Finanzer ge¬ kümmert habe, der doch das eigene Leben wagte, um Zischkerl zu retten. Wie des Mädels Augen leuchten, als Seppele ver¬ legen den Namen des Blasi nennt! Und ob 's Vaterl sich wohl recht schön bedankt hätte bei dem braven Menschen? Ja, da hapert's! Seppele kratzt sich hinter dem Ohr, er hat ja noch kein Sterbens¬ wörtle zum Finanzer gesagt. Aber das will er gleich nachholen, und flugs ist er auf der Station der Finanzwachabtheilung. 31 Wenn die Station einen Ofen hätte, der Respicient hätt' ihn sicher eingeschlagen aus Ueberraschung über Seppele's Besuch. Aber der Beamte faßt sich rasch und fragt, ob Seppele wohl anmelden will, daß er die Schwärzerei aufgibt. Das gerade nicht; aber mit dem Schmuggeln werde er sich nicht mehr be¬ assen, „auf Ehr und Seligkeit“Doch möchte er wissen, wo er den Finanzer Fuchs treffen und sprechen kann. Ja, der Fuchs! Der hat den Rock frei¬ willig ausgezogen und ist aus der Finanz¬ wache ausgetreten. „Warum?“ „Weil er sonst dazu gezwungen worden wäre. Ist auch ganz aus der Weis’, daß ein Finanzer mit Schmugglern pactirt, sie laufen läßt mit der Contrebande, statt sie abzufangen und einzuliefern.“ Das will dem Seppele nicht einleuchten; er Fuchs hätt' ja doch mit Hilfe der Schwärzer sein Kind gerettet, ohne ihn wär 's Zischkerl nicht mehr am Leben! Das bestreitet der Beamte auch nicht; aber eine grobe Pflichtverletzung habe der Fuchs sich doch zu Schulden kommen lassen. Der Dienst käm' immer zuerst! Wo der Fuchs jetzt ist, das weiß der Respicient nicht, der sich um Civilpersonen nicht zu kümmern hat. Adies!“ Mehr brachte Seppele nicht über die Lippen und ging. Das nagende Gefühl, undankbar gegen den Retter seines Kindes gewesen zu sein, trieb den Seppele immer wieder zu neuen Nachfragen nach dem verschwundenen Fuchs und auch Zischkerl's oftmalige Fragen nach dem Verbleib des braven Burschen spornten ihn auf's Neue zu Nachforschungen an. Aber Fuchs war wie weggeblasen. * * * Eines Tages mußte Seppele auf Grund einer Vorladung einer Gütersache wegen zur Bezirkshauptmannschaft hinaus nach Landeck. Gehorsam trottet er den langen Weg durch's lange Patznaun hinaus zum ungen Inn. Dann heißt es, hübsch ge¬ duldig warten, bis Seppele daran kommt

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