Ratsprotokoll vom 2. Oktober 1918

In dieser fünf Stunden lang dauernden Sitzung kam die Aktion zur Milderung der durch die Brotpreiserhöhung auf¬ tretenden Folgen für Minderbemittelte zur Sprache und wird in Bezirk ein entsprechender Betrag hiefür zugewiesen werden jedem Die Besprechung der Fleischversorgungsfrage entrollte ein iemlich trauriges Bild, da der Viehstand Oberösterreichs bereits tark gelichtet ist und trotzdem die Heeresanforderungen nicht ge ringer wurden Es wurde die Frage gestellt, ob sich nicht der Bedarf der Gastwirte einschränken ließe, ein Vorgang, den ich für Steyr als undurchführbar bezeichnete. Zur Regelung der Fleisch= und Viehaufbringung werden n allen Landbezirken Viehverkehrs=Inspektoren aufgestellt werden. Ich benützte die Gelegenheit, neuerlich auf die schlechte Viehversorgung Steyrs hinzuweisen, doch besteht bei den obwal¬ enden Verhältnissen wenig Hoffnung, hierin eine Besserung zu erreichen. Zur weiteren Ausgestaltung der Milch=, Butter= und Eieraufbringung werden eigene Kommissionen in den Landbezirken errichtet werden. Bei der Besprechung zur Bekämpfung des Schleich¬ handels setzte ich mich für die möglichste Duldung des kleinen Rucksackverkehres ein und wies darauf hin, daß es in erster Linie notwendig wäre, die Bahnen zu überwachen, da mittel diesen größere Mengen von Lebensmitteln verschleppt werden Die Besprechung der Kohlenfrage ergab schlimme Aus¬ ichten für den Winter; ich wies insbesondere auf die mangel¬ hafte Versorgung der Stadt Steyr hin und betonte die unbe¬ dingte Notwendigkeit der Aufrechterhaltung des Betriebes des hiesigen Gaswerkes, dessen Einstellung für die Bevölkerung, ins besondere auch für das Krankenhaus von den schlimmsten Folgen begleitet sein würde Meine Anwesenheit in Linz benützte ich, um bei Herrn Statthalterei=Vizepräsidenten Grafen Thun in der Milchversor¬ gungsfrage vorzusprechen und eine wesentliche Erhöhung der ganz unzureichenden Milchanlieferung zu verlangen Herr Statthalterei=Vizepräsident wies auf die überall ob¬ waltenden Schwierigkeiten der Milchversorgung hin, versprach aber das Möglichste zu tun, uns eine erhöhte Menge zukommen zu lassen Mit Herrn Oberkommissär Socher besprach ich die An¬ lieferung von Gemüse und erhielt ich von diesem die Zusage von entsprechenden Zuweisungen zu vorgeschriebenen Preisen Da schon seit langer Zeit Käse nicht mehr zu haben war habe ich mich mit einer Eingabe an das Landeswirtschaftsamt ge¬ wendet mit der Bitte, uns ehestens solchen zuzuweisen Die vielen Eingaben und Vorstellungen, welche die Stadt¬ gemeinde Steyr in den letzten Jahren betreffs Umbau und Neu gestaltung der hiesigen Bahnhofsanlage gemacht hat, haben end¬ lich zu dem Erfolge geführt, daß die Eisenbahnverwaltung sich mit diesen Fragen ernstlich beschäftigt. Dank dem Einschreiten des Herrn Gemeinderates Reichs¬ ratsabgeordneten k. k. Prof Erb war am 14. September der Verkehrskommission Gelegenheit geboten, Einsicht in den von der Staatsbahndirektion Linz verfaßten Plan zur Neugestaltung der iesigen Bahnhofsanlage zu nehmen Dieser Plan umfaßt in erster Linie eine wesentliche Aus¬ estaltung der Gleisanlage. Zu den bestehenden sünf Geleisen sollen noch weitere vier kommen, an die sich verschiedene Stutz¬ geleise anschließen. Außerdem wird die Gleisanlage um beiläufig 70 m weiter gegen das Vradukt in Schönau zu ausgedehnt. Die heute bestehenden Heizhaus= und Drehscheibenanlagen sollen verschwinden und neue neben den künft gen Gleisanlagen entstehen Der Raum für die Verbreiterung dieser Anlage wird durch Ausgrabung der Fuchsluckengründe gewonnen werden welche die Stadt in Voraussicht des kommenden Bahnbaues be¬ reits im Jahre 1913 erworben hat. Die Erdbewegung wird rund 50 000 Kubikmeter betragen Für den Frachtenverkehr soll durch Neubau der Magazins¬ ebäude vorgesehen werden; es kommen getrennte eigene Ver¬ lodemagazine für den Eilgut= und Frachtengutverkehr in Aus¬ ührung. Das Kanzleigebäude wird einstöckig gebaut und bedeu¬ end vergrößert werden. Die Frachtgutabteilung ist in Magazine für ankommende und abgehende Güter geteilt und wird die neue Verladerampe ganz bedeutend größer sein, als die bisherige. Um aber Massengüter, eventuell Langholz ohne Störung des sonstigen Güterverkehres verladen zu können, istFfür diese Güter eine eigene große Verladerampe bei der Damberggasse geplant Das bestehende Stationsgebäude soll abgerissen und an dessen Stelle ein moderner Neubau entstehen, der eine Länge von 125 m haben wird, während das bisherige Stationsgebäude bloß 52 m lang ist. Das Gebäude, das in moderner, jedoch dem Stadtbilde angepaßter Art gebaut werden soll, enthält eine große mit gedeckter Zufahrt versehene Eingangshalle, eine Wartehalle ür Arbeiter, einen bequemen geräumigen Ausgang für die an¬ ommenden Reisenden. Die Anzahl der Kassen wird mehr als verdoppelt, was die Lösung der Karten sehr erleichtern wird: außerdem ist für Keiderabgabestellen und moderner Abortanlagen vorgesorgt. Für jede Klasse wird ein eigener Wartesaal eingerichtet und werden Gastwirtschaftsräume sowohl für die 1. und 2., als auch für die 3. Klasse entstehen. Die Diensträume werden in be¬ deuend vergrößerter Weise eingerichtet werden. In die Ober¬ geschosse kommt die Bahnerhaltungssektion, sowie Wohnungen für Betriebsbeamte. Im Verlaufe der Besprechung wurde bemerkt, daß die von der Stadtgemeinde Steyr verlangte Hereinführung der Steyrtal bahn in dem Plan noch nicht enthalten sei. G.=R Abg. Erb konnte aber bereits eine am selben Tage eingelangte Zuschrift des Eisenbahn=Ministeriums vorweisen, laut welcher an die Staatsbahndirektion Linz bereits der Auftrag ergangen ist, diese Hereinführung zu studieren und geeignete Vorschläge zu erstatten Es wird zu diesem Behufe der vorliegende Plan noch weiter ausgestaltet werden müssen luch die Frage eines Bahnpostamtes wurde erörtert und iesbezüglich festgestellt, daß neben dem Bahnhofe noch genügend Platz zur Errichtung eines solchen Postamtes vorhanden sei und es dort nur auf die Erbauung eines solchen Bahnpostamtes durch das Handels=Ministerium ankomme Des weiteren wurde die Frage des Eisenbahndurchlasses in der Damberggasse erörtert und betonten die Stadtgemeinde¬ vertreter, daß der dortige Zustand infolge des bedeutend ge¬ teigerten Verkehres ein unhaltbarer geworden sei. Es wurd erlangt, daß die Durchfahrt auf mindestens 10 m verbreitert und auch entsprechend erhöht werde. Diese Durchführung wurde eitens der Staatsbahnvertreter als ausführbar bezeichne Wir haben somit nach so langen, oft aussichtslosen Be mühungen doch eine ernste Aufrollung dieser Frage erreicht und wird es das dauernde Bestreben der Stadtgemeinde=Vorstehung ein, die Sache nun nicht mehr einschlafen zu lassen, sondern ets dahin zu wirken, daß der für Steyr so notwendige gründ¬ liche Bahnhofumbau in absehbarer Zeit auch tatsächlich zur Durch¬ ührung kommt Die Pflasterungen sind in der Kollergasse, sowie in er Sierningerstraße fertiggestellt. Durch die Verzögerung der Kabellieferung an das Elektrizitätswerk muß die geplante Inan¬ riffnahme der Pflasterung in Zwischenbrücken, der Enge und der Kirchengasse weiter hinausgeschoben werden. Es wird jedock etrachtet, wenn irgend möglich, dies im Zusammenhang mit en Arbeiten an der Steyrbrücke, die am 23. September be¬ onnen haben, durchzuführen, um eine möglichst geringe Ver¬ ehrsstörung hervorzurufen Einstweilen wird die Umpflasterung der unteren Bismarck¬ straße, sowie die Neupflasterung der Gleinkergasse beim Schnallen¬ berg in Angriff genommen Bei dieser Gelegenheit werden auch die beiden für die Fuhwerke und insbesondere die Kraftwagen so unangenehmen Wagenrasten beim Schnallentor und bei der Friedhofstiege be¬ seitigt. Zur Ableitung des Wassers werden künftighin im unterer Teile des Schnallenberges neue Einlaufschächte, im oberen ein¬ gelegte Holzrinnen diener Die Wiener Fiakergenossenschaft, mit der, wie ich in der letzten Sitzung berichtete, Verhandlungen gepflogen wurden, hat bereits um die Konzessionierung von Standfuhrwerken eingereicht. Es steht also zu erwarten, daß wir in absehbarer Zit diese wichtige Verbesserung unseres Fuhrwerksverkehres tatsächsich erhalten An die k. k. Post= und Telegraphen=Direktion Linz habe ich eine Eingabe übermittelt, worin ich ersuchte, beim k k Handelsministerium die Bewilligung zur Erbauung eines Bahnhofpostgebäudes zu erwirken. Herr Bürgermeister: „Im Verfolge der Angelegen¬ heit wegen des Bahnhofumbaues, zu welchem mittelst Eingaber an die beteiligten Ministerien und maßgebenden Faktoren Vor¬ tellungen eingebracht wurden, ist von Seiner Exzellenz dem Herrn Landeshauptmann Hauser folgendes Schreiben eingelangt: Linz, am 3. September 1918 Zl. 11.204 Präs B Sehr geehrter Herr Bürgermeister In Beantwortung des an mich gerichteten Schreibens be¬ hre ich mich mitzuteilen, daß ich in den darin behandelten An¬ elegenheiten beim Herrn Eisenbahnminister vorstellig werde Mit dem Ausdrucke der vorzüglichsten Hochachtung zeichnet rgebenster Hauser, Landeshauptmann. Ferner erlaube ich mir mitzuteilen, daß es unseren vielen Bemühungen gelungen ist, die Enthebung von fünf Wachleuten urchzusetzen. Der Stand der Wache war schon so weit herab gedrückt, daß die Aufrechthaltung des Dienstes kaum mehr mög¬ lich war. Wenn auch durch die Enthebung dieser Wachleute noch mmer nicht von einem ausreichenden Stand der Wache ge¬ sprochen werden kann, so bessert dieselbe doch wesentlich die der¬ maligen Sicherheitsvorkehrungen Ferner erlaube ich mir noch mitzuteilen: Bekanntlich trebte die Sanitätsabteilung vom Roten Kreuz die Beschaffung von Sanitätsautos an, weil mit solchen die Beförderung viel ascher vor sich gehen kann, als mit dem heutigen mangelhaften Pferdegespann und habe ich deshalb mit der Waffenfabrik wegen Lieferung eines Sanitätsautos verhandelt. Die Waffenfabrik er klärte sich nun bereit, der Rettungsabteilung kostenlos ein Sani tätsauto zu liefern und wird dieselbe voraussichtlich im Laufe des Winters in den Besitz des Sanitätsautos kommen. Es be¬ eutet dies einen sehr wesentlichen Fortschritt im Krankentrans¬ portwesen unserer Stadt und erlaube ich mir von dieser Stelle aus der Direktion der Oesterreichischen Waffenfabrik für ihre hochherzige Widmung den besten Dank auszusprechen. (Bravo¬ rufe Weiters kann ich noch mitteilen: Wie ich in der letzten Sitzung berichtete, wird die militärtechnische Leitung der Bauten auf der Ennsleiten für die Stadtgemeinde eine Notschule er richten; nur hatte die Sache darin einen Hacken, als das Militärärar für die Schulräume einen Mietzins von 6300 K verlangte. Ich habe nun Herrn Gemeinderat Reichsratsabgeord¬ ieten k. k. Prof. Erb ersucht, sich diesfalls mit Herrn Feld arschalleutnant von Kiß in Verbindung zu setzen und habe nun die Mitteilung erhalten, daß die Waffenfabrik die Bei¬ tellung der Schulräume auf eigene Rechnung übernimmt und die militärtechnische Leitung zu Selbstkosten des k. k. Aerars die Einrichtung dieser Schule beistellen wird. Die Eröffnung der chule wird voraussichtlich im Dezember l. J. erfolgen. Ich estatte mir allen beteiligten Faktoren, insbesondere der Oester¬ eichischen Waffenfabrik für das besondere Entgegenkommen den erzlichsten Dank auszusprechen.

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