Ratsprotokoll vom 20. Oktober 1916

2 zeitig wurde der Auftrag gegeben, einen Lagerhalter anzustellen Diese Aufträge wurden selbstverständlich befolgt, verwahren muß ich mich aber gegen den Vorwurf, ich trüge an den Ereignissen des 14. September die Mitschuld durch unzureichende Verteilungs¬ maßnahmen. Daß unsere Maßnahmen nicht schlecht waren, be¬ weist das klaglose Arbeiten in Zeiten, in denen uns genügend Mehl zugewiesen wurde. Bei ungenügenden Zuweisungen muß jede, auch die beste Verteilungsmaßnahme versagen. Ich habe nich stets durch briefliche, telephonische und persönliche Vorspra¬ hen bemüht, genügend Mehl zu bekommen, und bin noch am Tage vor dem 14. September in Linz gewesen, um auf sofortigen verteren Zuschub zu dringen. Leider hat man meinen Vor¬ stellungen nicht geglaubt und erst für Nachschub gesorgt, als die Ereignisse bereits eingetreten waren. Seitdem sind die Zuschübe auch weiterhin stets unregelmäßige geblieben und auch die An stellung des Lagerhalters hat die Sachlage nicht geändert. Se hat am 16. d. M. das durch die Beförderung verzögerte Ein¬ ressen einer Sendung schon wieder eine Stockung in der Mehl¬ versorgung hervorgerufen, die umso unangenehmer war, als mittlerweile die Brotkarten der Vorwoche, für die viele Leute des Ausbleibens der Sendung wegen kein Mehl erhalten konnten, verfallen waren. Nur ausgiebige Zuschübe und die Schaffung der längst von mir verlangten Reserve kann solchen unhaltbaren Zuständen Einhalt tun; die Versuche, durch Neueinteilungen hier Wandel zu schaffen, sind vollständig nutzlos, solange dies nicht geschieht Im wenigstens die Versorgung der Arbeiterschaft der Waffen abrik und der Firma Grünwald zu sichern, wurde angeregt ür diese eine gesonderte Versorgung einzurichten. Ich hab mich dagegen ausgesprochen, da einerseits Doppelversorgung leicht eintreten könnte, anderseits aber die Gefahr besteht, daß der lbrig bleibende Toil der Bevölkerung nun erst recht mangelhaft ersorgt würde. Darunter würde sowohl die Bevölkerung, die nicht der Arbeiterklasse angehört, als auch die Arbeiter der an deren hiesigen Industrien, der Staatsbahn, der Stadtgemeinde gewiß schwer leiden, was unbedingt zu vermeiden ist. Ich habe daher verlangt, daß nicht nur Wassenfabrik und Baufiirma gut versorgt werden, sondern daß die ganze Stadt, als bedeutende m Kriege doppelt wichtige Industriestadt einer regelmäßigen ausreichenden Versorgung teilhaftig werde Da aber nunmehr die Möglichkeit besteht, daß trotz gegen¬ teiliger Vorstellungen die Sonderversorgung durchgeführt wird bin ich zum Schutze eines großen Gewerbes an die Waffenfabri mit dem Verlangen herangetreten, bei selbständiger Brot= und und Mehlversorgung das Brot nicht von auswärts zu beziehen, ondern dieses bei den hiesigen Bäckern backen zu lassen, die in der Lage sind, den ganzen Bedarf zu decken, da sonst eine schwere Schädigung einer ganzen Reihe von Gewerbetreibenden eintreten würde. Ich hoffe, daß im Falle des Eintrittes der Sonderver¬ sorgung die Wassenfabrik diesem berechtigten Verlangen Rechnung ragen wird Ferner erlaube ich mir mitzuteilen, daß ich abermals mit bgeordneten Prof. Erb und unter Zuziehung des Stadt=Tier arztes Schopper in Versorgungsangelegenheiten in Wien wal und bei verschiedenen Stellen diesbezüglich vorgesprochen haben. In erster Linie trachteten wir den Bezug von Schweinen für Steyr zu erreichen. Wir sprachen diesbezüglich am 10. Oktober beim Ackerbauministerium, beim Handelsministerium und beim Ministerium des Innern vor. Nach unter bedeutenden Schwierig keiten durchgeführten langwierigen Verhandlungen erreichten wir die Zusage der Bewilligung zur Einfuhr von 10.000 kg Schweinen Die bezüglichen Transportscheine wurden dem Stadt=Tierarzt Schopper übergeben. Wir entsendeten sodann einen Vertreter nach Ungarn, um die Beförderung in die Wege zu leiten. Die erste Sendung trifft in kürzester Zeit ein. Am nächsten Tage begaben wir uns zur Zentraleinkaufs¬ Genossenschaft, wo wir mit dem Vorstande der Käseabteilung, Herrn Königsteiner, wegen Lieserung von Käse verhandelten. Dieser erklärte, daß die Käsebeschassung jetzt außerordentlick schwierig sei. Emmenthaler=Käse sei dermalen überhaupt nich zu erhalten und die holländischen Lieferungen seien bedeutend ingeschränkt, da England die Lieferung einer bedeutenden Käse¬ neuge für seinen eigenen Bedarf erzwungen habe. Auf unsere Vorstellungen hin versprach Herr Königsteiner jedoch, bei Ein¬ treffen von Sendungen die Stadt Steyr berücksichtigen zu wollen. Nachher gingen wir zur Kriegsget eideverkehrs=Anstalt, we wir beim Vorstand der Kartosselabteilung, Herrn Schiffrin, vor¬ sprachen. Leider ging aus diesem Gespräche hervor, daß Ober österreich viel zu wevig berücksichtigt ist, da nur 500 Waggon Zuschub vorgesehen sind, was viel zu wenig erscheint, da ich für Steyr allein 250 Waggon angesprochen habe. Wir machten auf diesen Umstand aufmerksam und betonten, daß eine reichlichere Zuweisung für Oberösterreich unumgänglich notwendig ist, da die Annahme der Kriegsgetreide=Verkehrsanstalt, der übrige Be¬ arf könnte von der Ernte des Landes selbst gedeckt werden, alsch sei, da ja einerseiis die Ernte sehr schlecht ausfiel, ander¬ seits nicht der ganze Ertrag zu Speisezwecken verwendet werden kann, da teilweise Verderben der Ware eintritt und auch seitens der Landwirte die Kartoffel zur Fütterungszwecken verwendet werden. Wir ersuchten dringendst, Steyr mit Kartoffeln zu ver¬ ehen und erreichten, daß telephonisch nach Linz der Auftrag er ging, unverzüglich 50.000 kg nach Steyr abgehen zu lassen Diese sind mittlerweile eingetroffen und auch bereits größtenteils verkauft. Ich erwarte nun das baldige Eintreffen weiterer Sen¬ dungen, damit wir an die Deckung des Winterbedarses schreiten können Nach dem Besuche der Kriegsgetreide=Verkehrsanstalt begab ich mich nochmals zur Zentraleinkaufs=Genossenschaft. Nachden ch mit Herrn Alschek bezüglich Räucherfischen gesprochen habe begab ich mich zu Herrn Waltuch, dem Vertreter des Direktors Quittner, des Vorstandes der Seefischabteilung. Ich beschwerte nich über die so sehr hohen Fischpreise und betonte, daß zwischen den Steyrer Fleisch= und Fischpreisen fast gar keine Spannung mehr sei, so daß sich die Seesische als wichtiges Nahrungsmittel vohl kaum einbürgern dürften. Schließlich erhielt ich die Zu¬ age, ich werde von der Zentraleinkaufs=Genossenschaft Seesische zu bedeutend erniedrigten Preisen erhalten, so daß wir demnächst in die Lage kommen werden, frische Seefische statt um 5—5½ K wie bisher nunmehr um höchstens 3½ K zu verkaufen, ein für die heutigen Verhältnisse niederer Preis. Bezüglich anderer Lebensmittel erlaube ich mir mitzuteilen, aß die Versorgung mit Kaldfleisch nun auch geregelt ist und ie Zuweisungen nunmehr in ziemlich ausreichender Weise vor ch gehen Wegen der Fleischversorgung sind wir in stetem Kampf nit der Landesviehkommission, da stets gefunden wird, daß Steyr ein zu hohes Kontingent habe. Dies ist natürlich nicht er Fall, denn Steyr mit seiner bedeutend gewachsenen Ein¬ wohnerzahl, worunter sich ein viel größerer Teil erwachsener Nänner befindet als in anderen Städten, findet eben mit der derzeitigen Viehzuweisung gerade sein Auskommen In nächster Zeit tritt die Wildpretregelung ein und hoffe ich, daß trotz bedeutender Schwierigkeiken in der Durchführung der bezüglichen Verordnungen eine nennenswerte Menge Wildpre zur Versorgung unserer Bevölkerung einlangen wird. Steyr ist Wildsammelstelle für die politischen Bezirke Steyr=Land, Perg und Freistadt, muß aber auch Freistadt, Perg, Bad Hall, Sierning und Letten mitversorgen. Bedauerlich sind die in der Verordnung festgesetzten verhältnismäßig hohen Preise, die das gegenüber dem heutigen Preise bedeutend verteuern werden Wild Die Milchanlieserung ist nun endlich im Gange. Täglich trifft aus Kronstorf und Hargelsberg mit Auto und aus Lorch nittels Bahn eine Milchmenge von beiläufig 1000 Liter ein, die gegen Milchkarten verteilt wirk Die Milch ist recht gut, nur leider viel zu wenig, so daß wir bisher nur Kindern und Kranken solche abgeben konnten. Nach einem fehlgeschlageneu Versuche, aus Thanstetten angeliefert zu rhalten, ist uns nun gestern endlich die Gemeinde Losenstein¬ leithen zugewiesen worden. Ich hoffe, die Anlieferung bald ir Gang zu bringen und damit eine notwendige Erhöhung der Milchmenge bewirken zu können. Die Butterlieferung erfolgt wohl regelmäßig, doch nicht n genügender Menge. Es ist jedoch auch hier eine Besserung zu erhoffen. Vielleicht wird es auch möglich sein, ausländische Butter zu bekommen, die zwar bedeutend teurer sein wird, aber mmerhin eine bedeutende Erhöhung der verfügbaren Butter¬ nenge mit sich bringen würde. An Hülsenfrüchten kamen kleinere Mengen von Bohnen und Hirse an. Auch war es möglich, noch 1000 Kilogramm des o seltenen Reises zu erhalten, dieser ist jedoch nur für Kranken¬ anstalten bestimmt und konnte deshalb nicht ausgegeben werden Eine Sendung von 2700 Kilogramm Quodakäse ist eben¬ alls eingetroffen und verteilt worden. Leider war es sehr wenig m Verhältnis zur Bestellung, die 30.000 Kilogramm betrug. Dagegen konnte wieder eine größere Menge gebrannter abgegeben werden erste Ferner teile ich noch mit, daß ich gestern Gelegenheit hatte, mit Herrn Generalintendanten Dumann zu sprechen, dem ich unsere Verpflegsverhältnisse genau schilderte und erklärte“. Ferner gibt der Vorsitzende bekannt, daß die dermalige Einwohnerzahl Steyrs — ohne die im Stadtgebiete beschäftigten — 29.840 beträgt. Internierten und Kriegsgefangenen Diese Mitteilungen des Herrn Vorsitzenden werden beifällig ur Kenntnis genommen. Hierauf bringt der Herr Vorsitzende folgenden von G.=R. Haidenthaller eingebrachten und von einer genügenden Zahl von Gemeinderäten unterstützten Dringlichkeitsantrag zur Verlesung: Die Bevölkerung beklagt sich wiederholt in letzter Zeit iber die ungünstigen Verkehrsverhältnisse, insbesondere darüber, aß man bei einer Fahrt in der Richtung nach Linz oder Wien en Anschluß in St. Valentin versänmt und dann dort stunden ang auf den nächsten Anschlußzug warten muß; hauptsächlich andelt es sich um den Zug Nr. 1116, welcher um 5 Uhr 59 rüh und um den Zug Nr. 1130, welcher um 8 Uhr 43 vor¬ mittags von Steyr abgeht. Abhilfe könnte geschaffen werden wenn bei ersterem Zug die Züge in St. Valentin bis zun Eintressen des Zuges aus Steyr warten würden und wenn der tztere, der von Garsten abgeht, nur dann auf den Anschluß der Steyrtalbahn wartet, wenn der Schnellzug in St. Valentin ngefährdet erreicht werden kann“. Der Dringlichkeitsantrag geht daher dahin: Der löbliche Gemeinderat beschließe: „Der Herr Bürger¬ meister wird beauftragt, eine Eingabe in diesem Sinne an die k. k. Staatsbahndirektion in Linz zu richten, worin um Abhilfe dieses Uebelstandes ersucht wird.“ derr G.=R. Haidenthaller begründet die Dringlichkeit des Antrages mit der Notwendigkeit einer umgehenden Besserung der im Antrage geschilderten Verkehrsverhältnisse und

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