Die oberösterreichische Messerindustrie

50 gaben daher Messer bei solchen Meistern in Arbeit, deren eigenes Zeichen einen weniger guten Ruf genoss und die daher oft an Arbeitsmangel litten. So entstand das Messerverlagswesen. Der Besitzer des guten Zeichens wurde zum Verleger, der Meister, der die Arbeit verrichtete, der Stückwerker. Dazu kam, dass infolge zunehmenden Exports in Zeiten der "Wierde" die Meister gar nicht in der Lage waren, die entsprechenden Handelsgeschäfte zu tätigen, die in jener Zeit oft mühevolle Reisen erforderte. So trennte sich Erzeugung vom Absatz. Neben den Messerern, die die Klingen beschälten und behefteten, entwickelten sich die Messer- händler, die sich mit dem Vertrieb der fertigen Erzeugnisse befassten und auch Aufträge entgegen- nahmen. Die Meister mit kaufmännischem Geist änderten ihre Beschäftigung. Sie stellten den eigenen Betrieb ein und widmeten sich der "Verhandlung". Sie wurden zu kaufmännischen Unternehmern, zu hausindustriellen Verlegern. Voraussetzung für die Ausbildung des Verlagsverhältnisses war der schwungvoll betriebene Han- del mit gutem "Messerwerch", der den Kaufleuten großen Gewinn brachte. Unter den Händlern, die entweder selbst einer Messererfamilie entstammten oder als bürgerliche Eisen- und Geschmeidhänd- ler ihre Kommerztätigkeit ausübten, gab es manche, die nur mit Messern handelten. Diese Spezialisie- rung der handwerklichen Tätigkeiten und auch des Verkaufs erscheint geradezu charakteristisch für das Eisen- und Stahlgewerbe. Im Westen des deutschen Reiches, im Klingenzentrum Solingen, vollzog sich eine ähnliche Ent- wicklung. Der Fertigmacher wurde zum Teil auch dort zum Verleger, er sammelte die Fabrikate der zerstreut liegenden Werkstätten, er nahm den Messerschmieden, den Hefte- und Bändemachern ihre an sich unverkäufliche Ware ab und setzte sie zuMessern zusammen. In seinen Händen lag der Verkauf und ihm ist es auch zuzuschreiben, dass Solinger Waren in aller Welt Anerkennung fanden. 1 Um nun in der Betrachtung unseres Verlagssystems fortzufahren, so war auch in der Messerbran- che das Verhalten der Verleger in Zeiten guten und schlechten Absatzes grundverschieden. In Zeiten ansteigender Konjunktur war es schwer, einen Stückwerker zu finden, die Verleger überboten sich ge- genseitig. In Zeiten des Niedergangs klagten die Stückwerker über mangelnde Arbeit und Bezahlung, die Verleger über Geldmangel und schlechte Absatzverhältnisse. Mit zunehmender Absatzstockung wuchs die Abhängigkeit der Messerer von den Verlegern. Ge- gen eines wehrten sich erstere immer mit Erfolg, der Verkauf fremder Messerwaren war in Steyr un- tersagt. Dies bestimmte ein Privileg Kaiser Maximilians I. "Es sol auch kein Messrer oder Gast, deraus- serhalb unsrer Stat daselbs zu Steir purckfried gesessen in desselben ihres hanntwerchzeck nicht ist noch mit unnsern Burgern in unnser Stat daselbs zu Steir mitleidet kein messer offenlich noch heimlich verkauften " . 2 Die Verlagsverhältnisse dauerten bis ins 19. Jhdt. hinein und hörten erst auf, als die einzelnen Messerer begannen, selbst Klingen auszuschlagen, zu schleifen und auszubreiten. Damit entstand ein Unternehmertyp, der, sofern er den Anschluss zur Industrie fand, auch den Verkauf wieder selbst in die Hand nahm. Im Laufe eines bewegten Zeitgeschehens wurde immer wieder versucht, die Abnahme der Hand- werkswaren durch die Händler mittels Ordnungen und Vereinbarungen zu sichern, allerdings mit mä- ßigem Erfolg. So stellte im Jahre 1717 der Handelsmann Nikodemus Förster den Antrag an den Magist- rat Steyr, eine eigene Niederlage für Handwerkswaren zu gründen. Eine Interesseneinlage von 15.000 fl sollte die ständige Ablösung der Handwerkswaren sicherstellen . 3 Obwohl dieser modern anmutende Vorschlag keine Realisierung erfuhr, verfügte zu dieser Zeit ein Befehl des Magistrats, dass ein Verzeichnis aller von den Feuerarbeitern der Stadt erzeugten Eisen- geschmeidewaren anzulegen sei. Die Verkaufspreise waren sowohl für das Inland als auch für das Aus- land zu fixieren. Diesem Verzeichnis aus dem Jahre 1720 zufolge wurden für Messer- und Gabelklingen folgende Preise gezahlt: 4 1 Hendrichs Franz: "Solingen und seine Stahlwarenindustrie" in : Europäische Wirtschaft in Einzeldarstellungen, Mushakesche Verlagsanstalt - Trautheim über Darmstadt. 2 St. A. Steyr, 2/5/7. 3 St. A. Steyr, 2/5. 4 St. A. Steyr, 4/32, 4/751 a.

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