Zwanglose Blätter, Nr. 76, vom 6. Dezember 1848

312 Handwerker, und der Unbemittelte neben dem Reichen in's Glied tritt, der schroffe Unterschied der Stände ausgleicht. Das allzu unterthänige Wesen einer= und der Hochmutl andererseits, welcher sich im Geschäftsleben zwischen höheren Beamten und Subalternen, Arbeitgebern und Arbeitsuchen¬ den zeigte, muß verschwinden, wo es leicht kommen kann, daß der Untergebene den Vorgesetzten als gewählter Offi¬ zier und Unteroffizier höflich kommandirt und dieser gern und verbindlich gehorcht. Allein die Hauptsache darf dabei nicht außer Acht ge¬ lassen werden. Man hat sich nicht um dieser Nebensachen willen, sondern darum vereinigt, die sittliche und gesell. schaftliche Ordnung in dem Augenblicke zu schirmen, wo die obrigkeitlichen Handhaben beider im Neubau begriffen sind. Als vernünftige Menschen haben wir uns verbun¬ den die neue Gesetzgebung, welche wir allgemein wün¬ schen, durch unsere Vertreter in geordnetem Geschäftsgange ausarbeiten zu lassen. Diese Vertreter dürfen unmöglich in ihrer Arbeit gestört werden, denn wir wollen in Frieden und Eintracht die neuen Verträge schließen und nicht jede bürgerliche Ordnung, das Werk unserer Väter, die auch zu leben wußten, über den Haufen werfen. Vor allen Dingen haben wir als besonnene, als christlich erzogene Menschen den Personen und dem Eigen¬ thume Schutz zu gewährleisten. Selbst der Gegner hat diesen Schutz zu beansprechen: wo bleibt sonst die so oft gelobte Toleranz? Selbst dem ehrlichen Feinde ist der Schutz zu gewähren, wenn ihm die Gelegenheit zum Einlenken und zur Versöhnung nicht abgeschnitten wer¬ den soll. Wo in dieser Hinsicht gefrevelt wird und die Trom¬ mel durch die Straßen tönt, da sei Jeder am Platze, da fehle Niemand, unter welchem kleinlichen oder egoistischen Vorwande es sei. Furcht wird sich Niemand nachsagen lassen, der Säbel und Flinte ergriff. Nebenrücksichten dürfen nicht gelten, wo Alle sich einander gelobten zusam¬ menzustehen. Und stehen Alle wirklich zusammen, so ist es ein Leichtes, Einzelne und selbst einen ganzen Haufen, der sich in der Uebereilung, in einem muthwilligen Gelüste oder gar nach einem listig angelegten Plane zum Frevel fortreißen ließ, zur Ruhe zu bringen und zur Anerkennung der allgemeinen Ordnung zu zwingen. Bedingung muß sein, daß, wenn die Trommel der Bürgerwehr durch die Straßen tönt, alle bewaffneten Männer erscheinen, alle Weiber und Knaben zu Hause bleiben müssen. Da, wo sich Haufen sammeln, um der Bürgerwehr zu widerstehen, oder im Dunkel der Nacht - denn am Tage schämt man sich und fürchtet man, erkannt zu werden — ihren Zerstörungsplan auszuführen, da mag zwei= oder dreimal zum Auseinandergehen aufgefordert werden, damit Niemand sage, er habe nichts gehört. Dann aber muß die Bürgerwehr die Strenge der Waffen an¬ wenden, und ohne Gnade den Platz säubern. Wer ge¬ fangen, verwundet oder gar getödtet wird, der hat es sich selbst zuzuschreiben. Man muß es selbst gesehen haben, wie Buben unter dem Deckmantel der Nacht aus bloßem Muthwillen Steine gegen die Bürgerwehr schleudern und Männer treffen, von denen sie am Tage ehrerbietigst die Mütze abnehmen, und sie im Gesichte, auf den Händen verwunden oder gar lebensgefährlich treffen, — um auf die größte Strenge gegen so nichtswürdige Thoren zu dringen. Erscheint die Bürgerwehr in Masse, so wird sie da¬ durch schon Respekt einflößen. Erscheint sie dagegen nach¬ läßig, spät und vereinzelt, so daß die Wenigen, denen es Ernst ist um die Ruhe der Stadt oder des Dorfes und die Muth haben, verlassen dastehen: und dann werden diese und die Behörden, denen die Sicherheit ihrer Mit¬ bürger anvertraut ist, von selbst das stehende Heer zu Hülfe rufen. Const. Bote. Auch ein Ministerpräsident. Graf Brandenburg, der höchst unpopuläre Minister¬ präsident Preußens ist geboren im Jahre 1789. Sein Vater war König Friedrich Wilhelm II., seine Mutter die Gräfin Döhnhoff. Der König, schwankend und den Ge¬ nuß ebenso in dem Wechsel der Personen als der Systeme suchend brach dieses Verhältniß ab, nachdem ihm noch eine Tochter geboren war. Es ist das die Gräfin Julie, welche zuerst zur Gemahlin des älteren Fürsten Lichnowsky bestimmt, später mit dem Prinzen von Pleß, dem nach¬ herigen Herzog von Köthen, vermählt, in derangirten Ver¬ mögensverhältnissen nebst ihrem Gemahl durch Adam Müller für die katholische Kirche in Paris gewonnen ward — ein eigenthümliches Schicksal — das auch anderen natürlichen Kindern des Königs zu Theil geworden, wie denn na¬ mentlich der Geheimerath von Ingenheim, der Sohn des Königs und des Fräulein von Voß, in den dreißiger Jahren in Rom zum Katholizismus übergegangen ist. Graf Bran¬ denburg wurde frühzeitig Soldat. Man glaubte damals noch, daß dem Soldaten eine wissenschaftliche Bildung wenig nützen könne. Dieß und die bewegten Zeiten, in welche seine Jugend fällt, mögen dazu beigetragen haben, daß seine Erziehung vernachläßigt, daß seine ohnehin nicht eminenten geistigen Kräfte nicht genügend ausgebildet wurden. Vom Lieutenant bei den Gardes du Korps zum Rittmeister avancirt, wurde er später, zugleich mit dem Herrn von Schack, dem nachherigen General und Adjutant des Kö¬ nigs, Adjutant des Generals York bei dem ersten Armee¬ korps. Hier wurde er besonders zum Rekognosciren ver¬ wendet, ein Dienst, zu dem er, wie durch Muth, Ent¬ schlossenheit, Kaltblütigkeit und Umsicht, so durch sein überaus scharfes Auge besonders befähigt schien. Die Be¬ schäftigung im Kriege ist nicht geeignet, um die Lücken einer vernachläßigten Erziehung auszufüllen. Die Waffen¬ übung, das Kommandowort, des Dienstes immer gleich¬ gestellte Uhr, sie lassen den Geist unerquickt. Durch seine

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