Zwanglose Blätter, Nr. 39, vom 29. Juli 1848

Zur Geschichte des Tages Eröffnung des Reichstages. Heute am 22. hat das große Ereigniß Statt gefun= den. Als der Erzherzog noch außen war, tönte lauter Iu bel in dem Saal. Endlich erschien der Erzherzog von der ihm entgegengeschickten Deputation, den Ministern und zahlreichen Generälen begleitet. Er selbst trug Generals uniform. An der Stelle des Präsidentensitzes war für ihm ein Thronsessel hergerichtet. Mit fester Stimme las er die betreffende Rede ab. Sie ist im Ganzen sehr gemessen ge= halten. Den meisten Raum nehmen die Nationalitäts= und Provinzialverhältnisse weg. Ungarn betreffend, hieß es man hofft von dem Rechtlichkeitsgefühl dieser edelmüthigen Nation, daß sie sich zu einem Uebereinkommen bereit finden lassen würde. (Es ist damit wohl die Uebernahme eines Theiles der Staatsschuld gemeint). Der italienische Krieg werde nicht aus freiheitsfeindlichen Absichten, sondern zur Wahrung der österreichischen Waffenehre und zur Bewir= kung eines vortheilhaften Friedens geführt. (Jedenfalls also begnügt sich die Regierung mit einem vortheilhaften Fi= nanz= und Handelsvertrage und will, wenn Italien diesen eingeht, es freilassen.) Die freundlichen Beziehungen zu den auswärtigen Mächten bestehen unverändert fort. (Das ist weniger tröstlich, denn wenn die freundliche Verbindung auch mit Rußland erhalten wird, so ist uns damit wenig gedient). Spanien ist von der österreichischen Regierung anerkannt. Was die eigentlichen inneren Verhältnisse be= trifft, so werden in der Rede zunächst auf Versöhnung und Verbrüderung aller Nationalitäten hingewiesen. Alle Völ= ker seien dem Herzen Sr. Majestät gleich theuer. In Be= treff der Finanzangelegenheiten wurde erwähnt, daß durch frühere Finanzoperationen und durch die jetzigen außeror= dentlichen Zeitverhältnisse Finanzangelegenheiten entstanden sein, denen sofort abgeholfen werden müsse. In Betreff der Verhältnisse zu Deutschland wird von „innigem Ver= bande“ gesprochen. Als die Rede geendet war, erklärte der Erzherzog den konstituirenden Reichstag für eröffnet. Oefteres Bravorufen und Beifall hatte sie unterbrochen. Hierauf hielt der Präsident des Reichstages, Hr. Abg. Schmidt eine Rede, welche jedoch etwas gedehnt und schwerfällig war. Am meisten Eindruck machten alle Stel= len, welche auf den Erzherzog selbst Bezug hatten. Eine zweite Erwähnung der Frau Gräfin von Brandhof wurde mit stürmischem Jubel vernommen. Neuestes. In der Reichstagssitzung stellte der Abgeordnete Dr. Rieger aus Böhmen mehrere Zwischenfragen an das Ministerium, was für Bewandtniß es mit der Gefangen= nehmung des Doktor Brauner habe. Justizminister Bach antwortete, daß seines Wissens Dr. Brauner ich nicht in eigentlicher Kriminaluntersuchung, sondern blos in Voruntersuchung befinde; mit dem Aufhören des Bela= gerungszustandes, der wie Dobblhoff entwickelte, von dem jetzigen Ministerium stets lebhaft betrieben worden sei, habe auch die Militärkommission aufgehört, und sei die ganze Prager Sache dem ordentlichen Gericht übergeben worden. Das Ministerium versprach die Vorlage sämmt= licher dahin gehörigen Akten. Auf die Zwischenfragen eines galizischen Abgeordneten versicherte Dobblhoff, daß die Re= gierung keine polnischen Flüchtlinge ausliefern werde. Alle diese Erklärungen wurden mit großem Beifalle aufgenommen. Unser Kaiser hat die vom Ministerium beantragt Pensionirung des Gouvernärs in Tirol und Jesui= tenchefs in Oesterreich Graf Brandis genehmiget. Endlich! — Des Kaisers Ankunft in Wien dürfte bald er= folgen. Rundschau eines politischen Thürmers. Als ich heute auf meine Warte stieg, flog ein schö= ner goldener Morgenschein durch den Himmel, an dem das schwache Grauen des Tages mit dem schweren Gewölke der Nacht rang. Aber mein Herz wurde guter Hoffnun= gen voll. — Der Minister Dobblhoff hat bei Sr. Maje= stät die Entlassung des verdächtigen Gouvernär des Kö= nigreichs Böhmens, des Grafen Leo Thun angetragen, der zuerst der hochverrätherischen provisorischen Regierung in Prag vorstand, der Prag bombardiren half und zuletzt gar von Windischgrätz eine öffentliche Anerkennung erhielt. Das war zuviel des Guten auf einmal. Selbst der fromme Gr. Brandis in Innsbruck konnte jetzt den edlen Freund nicht mehr retten und der Kaiser enthob den Gr. Thun seiner Stelle. — Der Graf Brandis läßt seine Meubel packen und hat bereits seine Wohnung in Innsbruck gekündet. Was hat das zu bedeuten? — Windischgrätz hat den Be= lagerungszustand Prags über Einschreiten des dortigen Stadtverordneten Collegiums aufgehoben, zugleich aber ver= sprochen, sobald die Umstände dem Unternehmen wieder günstig sind, denselben wieder zu verhängen. — In Wien

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