Stephan Willner - Annalen der Stadt Steyr 1839-1882

107 unbegreiflicher Weise mit der Kriegsrekrutierung noch immer nicht begon- nen, obwohl auch der Krieg mit Italien gleichzeitig beginnt; jedoch ist die Op- ferwilligkeit des Volkes eine unbegrenzte und die Stadt hat sich überdies noch zur Übernahme und Verpflegung von 200 Verwundeten bereiterklärt, worun- ter 36 die Lamberg'sche Familie. Am 24. wurde in der Schlacht von Custozza Italien besiegt. Nachdem unser Kommandant der Nordarmee Feldzeugmeister Benedek die wichtigen böhmischen Pässe ohne Schwertstreich dem Feind preisgege- ben und in unbegreiflicher Untätigkeit verharrt hatte, erfolgte am 3. Juli die unglückliche Schlacht bei Königgrätz, welche den militärischen Nimbus Öster- reichs vollständig vernichtete und den Preußen den ungehinderten Einfall nach Mähren und Österreich eröffnete. Am 5. Juli übernahm das hiesige Bürgerkorps die Strafhauswache in Gars- ten; am 16. fand daselbst ein Ausbruchkrawall statt, der jedoch sogleich un- terdrückt wurde, indem in weniger als einer halben Stunde nicht bloß der üb- rige dienstfreie Teil des Bürgerkorps bewaffnet, sondern auch der Arma- turfabrikant Werndl mit mehr als 100 seiner Arbeiter mit halbfertigen Pion- niermessern dem Strafhause zustürmte. Vom 13. bis 23. Juli kamen unzählige aus Böhmen geflüchtete Militärba- gagewagen, über 300 Munitionswagen, über 500 Kladruber Militärgestüts- hengste, viele geflüchtete Privatgüterwagen nach Steiermark hier durch, und da die preußische Armee bereits in Niederösterreich eingebrochen ist und auch Oberösterreich bedroht, so wurden in Linz und auch hier die öffentli- chen Kassen gepackt und zur Flucht vorbereitet, unzählige Privatwertgegen- stände geflüchtet oder vergraben und auch die hiesige Sparkassa von Heraus- nehmern bestürmt, sodass im Juli nicht weniger als 100.071 fl. an 810 Par- teien zurückgezahlt werden mussten. — Silberagio 31 %. Endlich erst am 19. bis 24. Juli fand hier eine längst angekündigte zweite Rekrutierung statt; auch wurden hier im Schloss zum steiermärkischen Frei- korps 120 Mann angeworben. Am 25. Juli kam der erste Transport mit 68 Verwundeten zur Privatpflege hier an, denen noch über 50 nachfolgten. Alle Schiffe auf der Donau und Enns mussten fortgeschafft werden und die Linzer Brücken wurden zur Abbren- nung bereitet. Im Monat August wurde das letzte Stück des im Jahre 1857 begonnenen Ennskais gänzlich ausgebaut.

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQ4MjI2