Veröffentlichungen des Kulturamtes der Stadt Steyr, Heft 34, November 1796

Karwochenliturgie haben die Jesuiten im Jahre 1648 auch die Lamen– tationen und Lesungen dem Volk vorgetragen . Eine besondere Feierlich– keit widmeten sie dem (auf den dritten Sonntag nach Ostern verlegten) Jubiläum der Weihe der Kollegskirche, in der die Gläubigen bis zum Fest Christi Himmelfahrt ihrer Osterpflicht nachkommen konnten. In der Spitals– kirche errichteten die Jesuiten im Jahre 1643 ihrem Ordensstifter einen Altar, vor dem zu dessen Ehre eine Lampe brannte. An seinem Festtag zelebrierte stets der Abt von Garsten das Pontifikalamt; Prediger waren unter anderem der Prior des Stiftes, Pfarrer Koller von Sierning und der Prior der Dominikaner. An dem in ähnlicher Weise gefeierten Fest(tag) des heiligen Franz Xaver, nahm im Jahre 1645 auch Kaiserin Eleonora teil. Sie stiftete für den Hochaltar ein mit kostbaren Steinchen und Edelsteinen verziertes Bild dieses Heiligen156 ) Die Chronik betont den guten Besuch der einen - im Jahre 1639 eingeführten - Messe an Sonn- und Feier– tagen , die „Rorate" genannt wird; im Jahre 1648 begannen die Jesuiten, diese Messe an Festtagen als Rorateamt zu feiern.157 ) Die zu Weihnachten in der Spitalskirche auf der rechten Seite des Hochaltares errichtete Krippe - ein ansehnlicher, kunstvoller Bau ungewöhnlicher Art - hat viele Besucher angelockt.158 ) Der Chronist schreibt zum Jahre 1638: Die nach einer Volkstradition hier üblichen Krippenspiele (datae Naeniae) haben in den meisten die Frömigkeit angeeifert; es ist wunderbar, wie viele, die noch schwach im Glauben sind, von diesen mechanischen Spielen (Klapper– werk, his pietatis crepundiis) gebannt sind . Die besonderen Feiern der einzelnen Feste im Ablauf des Kirchenjahres zeigen, wiesehr der Glaube wieder zum Erlebnis wurde. Die praktische Kleinarbeit des Ordens zeigt keine Verzettelung der Kräfte in Individualseelsorge, wenn auch eine ein– gehende Beschäftigung mit dem Individuum gegenüber einflußreichen Per– sonen oder in besonders aufsehenerregenden Fällen durchaus geboten schien. Wesentlich für das Wirken in die Breite war die Organisierung aller Bevölkerungsklassen in religiösen K o r p o rat i o n e n, deren jesuitisches Gehorsamsprinzip allmählich tief in das städtische Leben eindrang. Natürlich gab es diese religiösen Vereine nicht nur bei den Jesuiten. Einer der zwölf Bürger, die sich am 4. Mai 1624 bei der Gründung der Armen Seelen Bruderschaft in der Pfarre als &tammitglieder aufnehmen ließen, war Ratsherr Jakob Zetl.159 ) Er zählte auch zu den Konsultoren der am 24. Februar 1635 bei den Dominikanern aufgerichteten Rosenkranzbruder– schaft.160) Eine solche bestand auch - wie bereits erwähnt - bei den seit dem Jahre 1616 in Steyr ansässigen Kapuzinern . (Die Dominikaner, von den Lutheranern aus Steyr vertrieben, hatten im Jahre 1626 ihr Kloster wieder übernommen, das sechzig Jahre lang den Prädikanten gedient hatte). Dazu kamen noch die Corporis Christi- und St. Sebastian-Bruder– schaft in der Stadtpfarre.161 ) Zur besonderen Verehrung der Gottesmutter hatten sich im Jahre 1563 einige Studenten des Römischen Kollegs zusammengeschlossen : die erste Studentenkongregation . Diesem Beispiel nachkommend, gab es bald kein Kolleg, dem nicht eine solche Vereinigung angeschlossen war. Jeder Jesui– tenneugründung folgte bald auch die Errichtung einer m a r i an i s c h e n K o n g reg a t i o n. Diese später ständisch gegliederten Sodalitäten, die 71

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