Veröffentlichungen des Kulturamtes, Heft 15, Dezember 1955

Verwandten" (S, 336). Als bei der Gründung des Kapuzinerklostcrs 1614 in einer Sandgrube viel Totengebein gefunden wurde, erklärt Preuenhueber gegen andere Auffassungen, es handle sich nach seiner Meinung um Überreste einer Jn- fektionszeit. „Wer es nicht glauben will, mag am jüngsten Tag, bey der allgemeinen Auferstehung, weiter nachfragen" (S. 354). Die Annalen schließen mit dem Hinweis aus die großen Veränderungen, die das Jahr 1618 mit dcni „zu Prag vorgegangenen Fenster-Auswurfs der hinterlassenen König!. Statthalter" gebracht habe, die noch im frischen Gedächtnis seien. Er läßt cs dabei bewenden: „Weil es doch sicherer ist, alte Geschichte auszeichnen als neue, gegenwärtigen Händel beschreiben. Nam Vera scribere, interdum periculosum est: Falsa vero, semper Crimen" (S. 358). Preuenhueber gibt seine Darstellung in einem sachlichen, schnittigen Chronikenstil, der durch gelegentliche schalkhafte Bemerkungen und durch volkstümliche Redewendungen belebt ist. Auch die Vorgänge der Glaubensspaltung machen von dieser Regel keine Ausnahme, wenngleich der Verfasser der Annales Styrenses seine Leser mit einer vielsagenden Andeutung entläßt. Allerdings war die Zeit, die Ereignisse nach dem Prager Fenstersturz ungeschminkt darzustellen, ja wirklich noch nicht gekommen. Die Schilderung der Religionsfrage in Steyr ist trotz der protestantischen Gesinnung des Verfassers, die zwischen den Zeilen deutlich abgelesen werden kann, im großen und ganzen sachlich. Vergleicht man die Annales Styrenses mit verwandter geschichtlicher Literatur der Zeit zwischen 1600—1630, so erheben sie sich um ein Bedeutendes über den Durchschnitt. Alan darf sie mit Fug als eine hervorragende Leistung der österreichischen Historiographie im Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges und als eine der besten Städteannalen im gesamtdeutschen Raum bezeichnen. Ein besonderer Reiz liegt gerade auf den Abschnitten der Reformationsgeschichte. Man gewahrt, wie trotz eines protestantischen Herzens der Kops des Verfassers dem heiligen Gesetze jeder wahren Geschichtsschreibung folgt: die Wahrheit und nur die Wahrheit darzustellen. Mit dieser Liebe zur Wahrheit erhebt sich Preuenhueber aus dem engen und zeitgebun- denen Anschauungskreis seiner kampferfüllten Zeit und ragt in eine höhere Welt hinein. Der Eindruck der Zuverlässigkeit, den die Annales Styrenses auf den Leser machen, wird durch verschiedene äußere Zeugnisse vertieft und bestätigt. Vor allem war sich Preuenhueber selbst der Schwierigkeiten, die eine sachliche Darstellung der Reformationsgeschichte in sich barg, durchaus bewußt. Er bemerkt eingangs35): „Hab ich mir fürgcsetzt, solches (= Veränderung in der Religion) als eine denkwürdige Sache, etwas umständig, doch ohne allen Affeet und unpartheyisch zu beschreiben. Darbey werde ich nun derjenigen geistlichen Personen, so damahlen währender Religions-Veränderung allhic zu Steycr gelehrt, denen auch die Sorge der Seelen obgelegen, nothwendig gedenken müssen: Bedinge mir aber gleichwol vorher anfs beste, daß alles so ich an diesem Orte, wie auch von einer Zeit zur andern hernach, in diesen Annalibus melden werde, weder aus Haß gegen die Religion, noch der gemeldten längst verstorbenen Personen (denen es gleichwohl, weder wohl noch weh thut) zur bösen Nachrede oder Verkleinerung keineswegs gemeint; Auch von mir im geringsten nichts, weder mehr oder weniger hinzugesetzt sey, als wie sich die Sach, in denen noch vorhandenen Actis, und Schriften aufgezeichnet gefunden habe; daher ich mich versehe, solch Historische doch wahrhaiftc Erzchlung, werde mir bey unpassionirten und verständigen Leuten keinen Unglipf gebehren. Nam talia si dicantur, quae vera, quae nota sunt, ex Historiis et Chronicis (ex archivis) non detrahitur Existimationi bonae, sed excitantur viventium studia, bonos quidem ad imitandum, malos autem ad detestandum: schreibt der vornehme Jesuit und Professor zu Dillingen Paulus Laymann; Das wird verhoffentlich auch mir dißfalls gelten, und recht seyn," Der Hinweis auf diesen hervorragenden deutschen Moralthcologen der Gesellschaft Jesu zeigt, daß sich Preuenhueber auch mit der maßgebenden katholischen Literatur seiner Zeit beschäftigte.35) 11

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