Festschrift St. Ulrich 1991

16 Der Bau Als weithin sichtbares Wahrzeichen steht die Kirche von St. Ulrich markant auf einer An- höhe über dem Ennstal. Der Eindruck des goti- schen Baukörpers wird vor allem durch das großräumige Hauptschiff geprägt, welches von 1511-1518 erbaut, aber erst im Jahre 1646 eingewölbt und gedeckt wurde. Die Anlage des nunmehr 3jochigen Hauptschiffes, dessen Ge- wölbe wahrscheinlich im 19. Jhdt. erneuert wurde, geht auf die spätgotische Form der Hal- lenkirche zurück. Die heimischen Baumeister folgten damit einer Bauidee, die in erster Linie der Vereinheitlichung und Öffnung des Kir- chenraumes diente. Gerade der Vergleich zwi- schen dem im 15. Jhdt. erbauten Chorraum (Presbyterium) und dem Hauptschiff von St. Ulrich zeigt deutlich, wie sehr sich an der Wen- de zur Neuzeit die Sakralarchitektur einer lichtdurchfluteten Bauweise zuwandte. Nach Angabe des Historikers Franz Xaver Fritz wurde das Presbyterium erst 1493 fertig- gestellt und noch im selben Jahr durch Bischof Nikolaus Hypo von Passau eingeweiht. Es zählt zu den großen Leistungen der Bau- herrn und Handwerker der Gotik, daß sie die Anlagen ihrer Bauten oft für Generationen im voraus planten und konzipierten. Nur so ist es erklärbar, daß vielerorts Teile von Kirchen ent- standen, die oft erst 50 oder 100 Jahre nach Baubeginn in meistens noch größerer und prächtigerer Form vollendet wurden. Auch St. Ulrich dürfte dabei keine Ausnahme gewesen sein. In einer lange Zeit unverstandenen und erst heute wieder interessanten Rückbesinnung auf alte Bautraditionen, wurden Ende des 19. Jhdts. sowohl bei Sakral-, als auch bei Profan- bauten neuerlich gotische Stilformen als Ge- staltungselemente aufgegriffen. In der Archi- tekturgeschichte wird diese Phase als Neo- oder Neugotik bezeichnet und dokumentiert. Nicht nur der Kölner Dom erhielt in dieser Epoche seine zwei weltberühmten neugoti- schen Türme, sondern auch die Kirche von Ul- rich. Sie wurde 1868 mit einem weithin sicht- baren Turm versehen, der den unscheinbaren Anbau an der Nordseite ersetzte. Das Geläute bestand damals aus fünf Glocken, darunter eine sehr große mit 750 kg. Mit der vorange- gangenen Erweiterung der Sakristei im Jahre 1840 wurde die eigentliche Bautätigkeit an der Kirche von St. Ulrich Ende des 19. Jhdts. abge- schlossen. Als Resultat blieb eine überzeugende Verbin- dung von Spätgotik und Neugotik erhalten, die heute als sichtbares Zeichen das architekto- nische Zentrum des Ortes St. Ulrich bildet. Die Ausstattung Ein wichtiges optisches Bindeglied zwischen dem eigentlichen Baukörper und der Ausstat- tung einer gotischen Kirche bildet die soge- ---------- ---- ---- . '· er ::;,;..

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