Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1929

330 füllte ihre Brust für das zarte Kind, das mit roten Bäcklein und zappelnden Beinchen in der Wiege lag, wenn sie des Abends in der Kammer war. Bei Tag freilich hatte sie wenig Zeit und gar oft hörte man Zillerl ganz mörderisch schreien, wenn ihr das Alleinsein nicht paßte. Bis eines Tages der Jakob kam — da wurde es langsam anders. O, dieser Jakob, der schien eigens grad nur fürs Zillerl gekommen zu sein. Der Herr Vetter, wie der Bäckermeister von allen genannt wurde, brauchte wieder mal einen Burschen und der Jakob, der Stromer, der Nirgendsbleiber, der unruhige Geist, den es selten länger als zwei bis drei Monate wo hielt, der brauchte einen Posten; so wurden sie einig. Der Jakob war unendlich gut, nur unendlich leichtsinnig. Bekam er seinen Wochenlohn, so hatte er eine diebische Freude: Juchhe — Jakob hat Geld, jetzt geht er trinken! Und kam stets betrunken heim und wurde meistens wieder auf die Straße gestellt. — Wie immer hielt er sich anfangs auch bei Gittler tapfer und strank nichts; so kamen sie gut aus, der Herr Vetter und der Jakob. Am ersten Tag nach seinem Eintritt, da schrie halt auch das kleine Menscherl wieder mal aus Leibeskräften in der einsamen Kammer. Schrie und schrie, bis die Tür aufging und ein bärtiges Antlitz sich über die Wiege neigte. Da griff es mit beiden Händen in des Jakobs Bart und zog und zerrte und im Nu war aller Jammer vergessen. Zwei kräftige Arme hoben das Dirndl aus der Wiege und schaukelten es. Das gefiel der Kleinen und so wurden sie vom ersten Tage an Freunde, der Jakob und die Zillerl. Bei Tag schlief sie in seiner Kammer, und wenn Lena am Feld war und bei Nacht, stellte er die Wiege in die Backstube und trotz des Gelächters der anderen wiegte er mit dem Fuße die Zillerl in Schlaf, während seine Hände die schönsten Kipferln und Semmeln formten. Wenn Lena energisch dagegen protestierte: „Das Kind bleibt bei mir, Jakob, was geht es dich an, es ist mein Kind,“ da sah er sie ruhig und lange an und meinte gutmütig: „Du mußt schlafen, Lena: hast morgen wieder harte Arbeit und ich muß sowieso aufbleiben, laß mirs, du weißt, es geschieht ihr nichts. Da gab Lena nach unter diesen bittenden Blicken und ließ ihm das Kind. So wuchs das kleine Dirndl auf als der Liebling aller, auch des gestrengen Herrn Vetters. Der mußte doch auch oft herzlich lachen, wenn er den Jakob sah, das Menscherl am Arm und fürsorglich wie eine Mutter ihr die Milchflasche reichend oder den Lutscher ins Mäulchen steckend. Dabei war er nicht alt, so Mitte der Dreißig und wäre der struppige Bart nicht gewesen, ein ganz hübscher Bursche. Es war ein offenes Geheimnis, daß er die Lena liebte und für sein Leben gern der Vater der Kleinen geworden wäre. Aber an Lenas Kälte prallte jedes Werben ab. Da schenkte er seine ganze reiche Liebe dem Kind. Das erste Wort, das Zillerl sprach, machte ihn selig, denn als sie wieder einmal die Aermchen um seinen Hals legte, jauchzte sie: Tati — Tati! Schallendes Gelächter der Leute konnte sein Glück nicht stören, die zornige Röte, mit der Lena ihm das Kind aus den Armen riß, machte ihre Wangen noch blühender, ihre ganze Erscheinung noch begehrenswerter. Er warb und warb, vergebens. Um seinen Jammer zu betäuben, ging er und trank in Zorn und Hitze und dann gab es jedesmal einen Krach mit dem

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