Schloss Vogelsang in Steyr

4. Kapitel Stilvergleich ' 26 ren vom Wiener Architekten Franz Beer, der dann in den späten 60er Jahren mit Schloß Frauenberg (Hlubokä)^® einen Bau schuf, dem Schloß Vogelsang in einigen Elementen verwandt ist, der jedoch einen ganz anderen, viel lockereren Grundriß aufweist. Beim Vergleich mit Schloß Eisgrub (Lednice)^^ 1843-47 von Georg Wingelmüller ist nicht nur der Grundriß völlig anders, nämlich in zahlreiche Gebäudeflügelaufge teilt, sondern auch die formale Gestaltung, die sehr auf eine dekorative Fülle fein geschnittener englischer Renaissanceformen abzielt. Trotzdem gibt es einen Bauteil, der sofort an Schloß Vogelsang denken läßt: Die sehr schmale Front jenes Bau traktes, der im Südwesten des Baus weit hervorragt. Zwei Ecktürme rahmen eine Fassade mit spitzem Scheingiebel. Sie könnte geradezu ein Vorbild en miniature für die Fassade des Steyrer Baus gewesen sein. Auch in Ungarn kann man zahlreiche Bauten mit verwandten Merkmalen aber auch ähnlicher Behandlung der Oberfläche des Baus finden: Das bereits erwähnte ZichySchloß im früheren Oroszvär gehört ja auch zur ungarischen Kunstgeschichte. Aber nicht nur Schloßbauten wie das Ranolder Schloß in Csopak oder das Brunswick Schloß in Martonväsär (um nur 2 Beispiele herauszugreifen)^® lassen sich verglei chen, sondern auch ein Gebäude wie die Sparkasse von Sopron (1856 von Ferdinand Handler) weist verwandte Stilmittel auB^. Bei den meisten dieser Vergleichsbeispiele aus dem Osten fällt aber der Unterschied in den Grundrissen auf: Es sind entweder mehrflügelige Anlagen um einen Ehren hof gruppiert, wie das Zichy-Schloß, oder aber Konglomerate von Bauteilen über verschiedenen Grundrissen, die dann zusammen mit einer differenzierten Gestaltung im Aufriß verschiedene Baualter der Teile vorspielen sollen. Bei Schloß Vogelsang haben wir einen im Grundriß nur wenig abgestuften Baublock, bei dem die Verwendung von Türmen nicht zu dessen Auflockerung dient, sondern diese die Eckpunkte wie Pfeiler fixieren und damit die blockhafte Wirkung eher noch betonen. Bei diesem Umstand ist vor allem die Entstehungszeit gegen 1880 zu bedenken^®, und daß Josef Werndl mehr vom gründerzeitlichen Streben nach monumentaler Selbstdarstellung motiviert war, als von romantischem Schwelgen in pittoreskem Mittelalter und Beschwören alter Familientradition, welche in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts adelige Bauherrn zu ihren Schloßum- und -neubauten bewegte, zu einem Gutteil aus Kompensation ihrer sinkenden politischen MachtB^. Josef Werndl aber war ein gemachter Mann, er mußte dies nun noch entsprechend zeigen. Nicht zuletzt auch in einem repräsentativen Wohnhaus wollte er dem Namen Werndl ein Denkmal setzen^^.

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