Quo vadis, Jugendkultur

kommt man drüber. Auch der Umgang mit Behörden war einem 16-Jährigen ja komplett fremd, vor allen Dingen auch, weil die damals noch sehr autoritär waren. Wahrscheinlich war die Idee, da Kekse zu verteilen, so neu für den, dass er gar nicht mehr Nein sagen konnte. Es gab lauter so Aktionen, wir fragten den Pfarrer, wie viele Bedürftige es gibt in seinem Rayon. Er meinte, es gibt eine Reihe von armen Frauen oder Männern, die zu Weihnachten nicht viel haben. Dann haben wir für die Gewand oder Sachen, die wir auf Flohmärkten kauften, was die eben gebraucht haben bzw. wo wir uns dachten, das wird ihnen gefallen, eingepackt, zB auch Weihnachtssterne und Kekse. Dann gingen wir zu denen hin, das war berührend. So bekommt man langsam ein Gefühl für eine Gesellschaft, nicht nur, weil man die Armen besucht, sondern dass es einfach wichtig ist, dass die Menschen untereinander Kontakt aufnehmen und man widerspiegelt sich im anderen und der andere hat auch die Möglichkeit, sich mitzuteilen. Das ist ein riesiger Vorteil, man versteht dann vielleicht mehr, was sich zwischenmenschlich abspielt oder man wird auch enttäuscht. Ich kann mich erinnern, dass wir bei einem gar nicht rein durften, der sagte: „Schleichts euch". Angela Schatz: Würden Sie das heute in der heutigen Zeit anders sehen, insbesondere bei der Jugend, dass sie alle eher wieder in ihrer eigenen Interessensgemeinschaft verkehren und sich einfach nicht so nach außen, auch für etwas Anderes, was ihnen vielleicht nicht so entspricht, öffnen? Kurt Apfelthaler: Ich glaube, dieses Öffnen entsteht immer aus einem gewissen Bedürfnis heraus. Das Bedürfnis heißt jetzt „Wie wirke ich auf andere oder was kann ich bei anderen bewirken". Wenn man das so anbietet, dass es in Richtung eines so genannten sozialen Verhaltens geht, also in Richtung einer Anteilnahme an Menschen, die weniger bis gar nichts besitzen, sehe ich es als totale Chance, viel mehr als Chance, wie wenn ich einer sozialen Bewegung angehöre, die sich nur unter Gleichen oder Reicheren beschäftigt. Ich glaube nicht, dass die Jugendlichen heute weniger sozial eingestellt sind, aber ich glaube, dass sie sich viele Dinge einfach nicht trauen, weil sie vielleicht das Bedürfnis nicht entwickeln, über eigene Schatten zu springen, weil das auch nicht gefragt ist und weil das vielerorts auch verboten ist von den Eltern oder negativ besetzt ist von den Eltern, d.h. so wie „ich will jetzt mit dem Rucksack um die Welt fahren", da sagen 99,9 % der Eltern, dass das sicher nicht in Frage kommt, aber wenn man anbietet, man kann mit dem Rucksack mit 16 oder 17 nach Paris fahren oder man macht eine Zugreise, wenn einem das auch genügt, dann mach es bitte, das würden wir dir anbieten, damit du einmal selbst erfährst, was es heißt, dass man alleine wo auf einem Bahnhof steht um 03.00 Uhr in der Früh. Selbsterfahrung ist eines der wichtigsten Dinge, die man als Jugendlicher machen kann und man soll sich trauen und man stirbt nicht gleich; die Welt ist nicht so gefährlich, wie es uns oft eingeredet wurde. Es gibt immer irgendwen, der einem weiterhilft, darauf kann man vertrauen. So lange es den gibt, soll man auch selber so sein. Angela Schatz: Ist es nicht bei der heutigen Jugend auch so, dass man dann Angst hat, dass man da Zeit vergeudet oder dass das dann in der Wirtschaft im Lebenslauf schlecht ankommt, wenn man sich sozusagen eine Auszeit für solche Erfahrungen nimmt? Kurt Apfelthaler: Nein, vergeudet ist nie etwas, auch wenn man einen Blödsinn macht. Dann hat man zumindest die große Chance, dass man aus einem Blödsinn lernen kann. Das ist nicht vergeudete Zeit.

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