Quo vadis, Jugendkultur

Angela Schatz: Wofür stand FlO? Kurt Apfelthaler: FlO als lateinisch heißt „Ich werde". Ich glaube, dass das da her kommt. Das war auf der Ennsleite lokalisiert. Der damalige Pfarrer hat insofern eine interessante Entwicklung gehabt, insofern für mich interessant, weil es unmittelbar mit der Arbeiterbewegung zusammenhängt und wir auch damals in unseren eigenen Kreisen sehr geschichtsbewusst geworden sind. Für uns haben bestimmte politische Entwicklungen eine politische Vergangenheit gehabt und eine politische Geschichte und das war für uns sehr interessant, weil uns die Eltern ja nichts erzählt haben. Der Vater war Nationalsozialist und die Mutter war im katholischen Lager angesiedelt und beide hatten Grund genug, dass sie nicht über ihre Vergangenheit reden. Das war natürlich für uns interessant, woher wir kommen und wer wir sind und wo wir uns hin entwickeln werden. Das FlO war für uns insofern sehr interessant, weil uns erzählt worden ist, dass die damaligen Heimwehr- und Schutzbund-Auseinandersetzungen, die 1934 stattgefunden haben, auch dazu führten, dass die damalige Arbeiterbewegung so eine Art Kulturheim hatte und dieses nahm ihnen dann die Heimwehr weg und hat es in späterer Folge der Kirche geschenkt und dort ist diese Kirche entstanden, was uns ja damals schon sauer aufgestoßen ist. Was dann auch noch witzig war, das hat man dann kolportiert - aber das bitte jetzt nicht zu verwenden - nach 1945 wurde die Kirche dann errichtet auf der Ennsleite und ist auf eine äußerst verstockte Arbeiterschaft dort oben gestoßen und die damaligen Pfarrer oder Seelsorger haben halt versucht, Kontakt aufzunehmen zu der Bevölkerung, was ihnen nur teilweise gelungen ist, aber mit dem Neubau der Ennsleiten-Kirche wurde sozusagen eine architektonische Situation geschaffen, die sehr viel Transparenz und Offenheit gezeugt hat und der Pfarrer war auch sehr geschickt. Er wusste, dass er bei den Alten nichts oder wenig erreichen wird, jetzt hat er sich die Jungen geholt. Die Jungen waren auch aufgrund der politischen Entwicklung weltweit offener und aufgeschlossener und vor allem interessierter. Jetzt hat er eine niederschwellige Organisation wie dieses FlO geschaffen, wo es nicht primär um Religion ging, sondern eigentlich nur um Beieinandersein und Jungsein. Das war für uns damals sensationell, weil Kirche etwas sehr Konservatives war in unseren Augen und dort oben haben die einzelnen Gruppierungen, die sich dann gebildet haben, eine eigene Messe gestaltet, was ja ein Sakrileg war. Durch das Zulassen war Zulauf garantiert. Die Kinder der Arbeiter und Bürger kamen, für die Schulen war es interessant, für die damaligen Pädagogen war es höchst interessant, weil der Hintergrund natürlich auch bedeutet hat, dass eine Ideologie auch so etwas wie eine Struktur schafft. Diese Struktur können die, die es verstehen, so formen, dass sich die Menschen dahinter verordnen können. Dem sind wir aber insofern ausgewichen, weil wenn wir spürten, dass es zu katholisch ist, sagten wir, dass wir das nicht wollen und sie mussten es zulassen. Angela Schatz: Konnten Sie sich mit der Menschenfreundlichkeit des Katholizismus durchaus anfreunden? Kurt Apfelthaler: Ja, natürlich, wir haben z.B. Kekse für die Justizanstalt Garsten gebacken. Eine Woche vorher sagten wir, wir wollten Garsten besuchen, wir dachten, das schaffen wir nie. Es hieß, nur Männer dürfen rein. Das wollten wir nicht, wenn, dann sollten die Mädchen auch mitgehen. Das war damals eine Hürde. Die von Garsten sagten damals, ob wir uns darauf einigen können, dass wir die Kekse machen und die dann quasi übergeben werden, aber so etwas wie ein gemütliches Beieinandersitzen gibt es nicht. Dem stimmten wir zu. Wir haben glaube ich zwei riesige Blech-Dinger voll Keksen gemacht. Wir merkten, es gibt so etwas wie okkulte Grenzen, also da kann man nicht drüber, weil das so geheimnisvoll ist, aber wenn man sich traut.

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