Kurt Apfelthaler: Nein, so etwas wie heute, dass die Leute unter immensem Druck arbeiten müssen, gab es damals in dem Ausmaß noch nicht so, zumindest weiß ich es nicht aus Erfahrung mit anderen. Ich selbst habe ja mit 21 oder 22 als Lehrling wieder angefangen und meine Lehrjahre bis zur Meisterprüfung durchgezogen. Wir mussten schon arbeiten, es war aber nicht so, dass man davon krank wird. Wenn ich heute mit Leuten reden, die aus ihrer Arbeitswelt in Jugendjahren erzählen, die sagen durchschnittlich alle, dass es gemütlicher war. Ich möchte nicht tauschen ehrlich gesagt. Vielleicht verdienen die heute mehr als wir damals. Es hat sich überhaupt gewandelt, früher war die Gruppe wichtig, was die zusammenbringt, heute ist es eher mehr das Individuum und inwieweit es sich aus der Gruppe erheben kann. Das ist auch ein Versagen wahrscheinlich unserer Generation, weil gewissermaßen wir das zugelassen haben dieses Leistungsdenken, auch in der eigenen Familie. Es ist schon interessant, was einen Ererbtes dann wieder einholt. Das war für viele eine ganz erstaunliche Erfahrung, speziell dann, wie wir um die 40 waren, wie es dann schon Kinder gab und man dann darüber sprach, was die jeweiligen Kinder machen. Jeder schaute, dass da ein Druck dahinter entsteht, dass das Kind in ordentliche Bahnen kommt, weil wir ja sehr viel gewusst haben. Wenn ich meinen Kindern heute solche Geschichten wie hier erzähle, fragen sie, ob das wirklich stimmt. Angela Schatz; Die heutige Jugend ist mit der Leistung schon aufgewachsen; würden Sie sagen, dass sie es jetzt dadurch in der Erfolgsgesellschaft schon leichter haben? Kurt Apfelthaler: Wenn ich Leistung durch Wohlstand ersetze, hat das einerseits die positive Eigenschaft, dass Kinder sich ihre Wünsche schneller erfüllen können usw. und wenn man das klug miteinander verbindet, man dann auch etwas abfordern kann; die andere Geschichte ist das, dass sich manche der Kinder nicht damit abfinden können, dass manches unerreichbar ist. Sie bekommen in Wahrheit alles, was sie sich irgendwie vorstellen können; vielleicht nicht alles, aber vieles, auf das wir damals aus den verschiedensten Gründen verzichten mussten. Damals ist halt oft schon damit gespielt worden „Wenn du jetzt einen Notendurchschnitt von 2,1 hast oder besser, bekommst du ein Moped". Als ich damals einen Notendurchschnitt von 2-3 gehabt habe, bekam ich halt kein Moped. Dann habe ich mich halt kurz geärgert, aber ich fuhr halt dann mit den Mopeds der anderen Leute herum. Das hat nicht so funktioniert, aber damit wurde auch viel gespielt. Heute bekommt das Kind ein Moped mit dem Effekt, dass es dann sagt, ein KTM Puch braucht es nicht sein, sondern wenn dann möchte es schon ein japanisches mit dem oder dem Sitz und so, dann wird eben geschnauft und dann wird das Ding gekauft. Ich will die Kinder von heute jetzt nicht schlecht machen, aber sie sind es nicht gewohnt, dass sie verzichten, also dass ein Moment entsteht, wo man sagt, man könnte es einem Kind zwar kaufen, aber man muss es ihm jetzt stundenlang erklären, warum man es nicht kauft. Angela Schatz: Inwiefern sehen Sie es als Nachteil im zukünftigen Leben, dass die Jugend den Verzicht nicht mehr wirklich lernt? Kurt Apfelthaler: Das widerspiegelt sich dann dort, wo halt die Devise „Ich will alles und das gleich" herrscht und natürlich stoßen Jugendliche an ihre Grenzen, wenn sie dann langsam ins Erwachsenensein bzw. in diese Selbstversorger-Position kommen, die sie ja lange nicht verlassen, weil es so geschickt ist, dann habe ich oft das Gefühl, dass diese Gelassenheit „Dann bekomme ich es halt nicht" nicht mehr da ist, sondern dass die dann hergehen und sich besonders bemühen, weil das ja so sein muss, weil sie ja ein Leben lang immer das bekommen haben, was sie haben wollten. Ich glaube, dass sich dieses Entsprechungsverhalten weiter auf die Kids fortpflanzt, d.h. ich bekomme eigentlich schon das, was ich haben will, aber natürlich auch unter der Devise „Wenn du das und das machst", aber viel leichter als zu meiner Zeit und
RkJQdWJsaXNoZXIy MjQ4MjI2