Kurt Apfelthaler: Es war eigentlich eine breite Palette von Vorstellungen. Bildung nahm eine zentrale Stellung ein, aber nicht nur Bildung in den Schulen, sondern auch Allgemeinbildung, dass man Leute informiert, was abläuft. Die Information war ja eine wichtige Geschichte, die unserer Ansicht nach früher ja immer gefiltert auf die Leute getroffen ist; klassisches Beispiel: Die SPÖ in Steyr, wenn die politisch etwas durchsetzen will, dann bricht sie das über ihre einzelnen Sektionen bis zum Wähler herunter und im besten Fall wieder zurück hinauf, aber diese Art von Information oder Bildung war für uns undenkbar, weil wir gar nicht die Strukturen hatten. Wichtig war auch ein Weltbild, das sich eher dem linken Christlichen zugewandt hat, also das konservative Weltbild, abhängig von Leistung oder die Wirtschaft an und für sich war uns suspekt. Es hat darüber hinaus noch eine Existenz gegeben, wo wir sagten, man kann eine Leistung bringen, aber sie soll gerecht entlohnt werden usw. Was auch noch wichtig war, es gab damals Leute, die nach Nicaragua gegangen sind, einfach dort gearbeitet haben auf den Feldern und wieder zurückgekommen sind und von dort erzählt haben, was es bedeutet, in einer egalitären Welt zu leben, wo man halt miteinander etwas schafft mit einem gemeinsamen Ziel, sich zu ernähren oder ein Leben zu bestreiten. Angela Schatz: Hat man also das kapitalistische System abgelehnt? Kurt Apfelthaler: Ja, unter Kapitalismus haben wir damals immer „pfui gacki" verstanden. Angela Schatz: Ging das also doch in Richtung Kommunismus? Kurt Apfelthaler: Nein, eigentlich nicht; Kommunismus war uns damals suspekt, es gab zwar ein paar lustige Leute, aber Kommunismus hat uns insofern abgeschreckt wegen des UngarnAufstandes in den 50er-Jahren, da haben wir schon mitbekommen, dass so viele Leute auch nach Steyr geflüchtet sind. Der Kommunismus hat uns eher Angst gemacht. Als wir Schüler waren, gab es immer Fahrten in den Böhmerwald oder nach Aigen-Schlägl, Stifterherberge und so und da ist uns das immer dramatisch vor Augen geführt worden, dass da jetzt die Welt aus ist und dahinter lauert ein Unbekannter, der aber auf Wachtürmen oben sitzt und mit Stacheldraht und Minenfeldern sich schützt, also das war etwas Gefährliches. Kommunismus war nur für ein paar der Leute interessant, aber sonst war er irgendwie dubios-gefährlich. Damals hat man auch einiges mitbekommen, was in Tschechien usw. passiert ist. Die Tschechien-Krise war glaube ich 1967 und das bekam man alles mit, dass das keine Freiheit oder kein erstrebenswerter politischer Ansatz ist, zumindest die Auswüchse davon, aber ein soziales Leben hat in unserer Vorstellung damals so ausgesehen, dass jemand seine Leistung als Arbeiter oder auch als Angestellter leistet und er soll gerecht entlohnt werden und er soll sein Leben damit finanzieren können. In zweiter oder dritter Linie wurde dann immer stärker die Frauenpolitik, die war für uns hoch interessant, weil es eine ziemlich unerfahrene Geschichte war, also was sich die Frauen vorstellen bzw. was sie haben wollen und der Umweltgedanke, weil in den 80er-Jahren dieser Wirtschaftsaufschwung, man damals schon gesehen hat, was das bedeutet in der Landwirtschaft, diese Endlos-Schweinefabriken oder Hühnerfabriken uns abgestoßen haben. Ein ganz großes Thema damals war das Waldsterben durch schlechte Luft, die Abgase durch die Autos, die Städte waren verstunken. Unser „paradiesisches Leben", wo man einige Stunden ins Hintergebirge mit dem Rad fährt und dort ein Paradies hat, was wir in jeder Hinsicht als schützenswert und als Quelle des Erlebensreichtums betrachtet haben. Angela Schatz: Ging das nicht in Richtung Regeneration vom anstrengenden Beruf bzw. vom Leistungsdruck im Beruf?
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