Quo vadis, Jugendkultur

Angela Schatz: Hat man die vegane Ernährung auch deswegen gewählt, weil man abgelehnt hat, Tiere zu töten? Kurt Apfeithaler: Da gab es auch welche, ja. Aus gesundheitlichen Erwägungen war das nicht. Wir waren ja alle jugendlich, hatten Kraft und waren nicht zum Umbringen. Die meisten, die dann gestorben sind, haben sich selbst umgebracht durch ihren Lebenswandel. Ein Viertel oder ein Drittel all jener, die in diesem Buch sind, sind schon gestorben. Angela Schatz: Aus welchen Gründen geschah Selbstmord? Kurt Apfeithaler: Es gab dann Schwierigkeiten mit dem Elternhaus, die ihre zweite Heimat dann in der Basiskultur fanden, das war dann Elternersatz und natürlich gab es damals so etwas wie eine psychologische Betreuung nicht, sondern Freundschaften, man redete sich aus, das war für viele heilsam. Dass dann einige dem Alkoholismus anheim gefallen sind oder sich mit Rauschgift so intensiv beschäftigt haben, dass es ihnen den Vogel herausgehaut hat und dass sie dann in irgendwelche Heime kamen und dort gestorben sind, das hat es sicher auch gegeben. Es gab auch viele, die verunglückt sind, ich glaube zwei sind in den Wehrgraben gefallen und ertrunken. Es gab auch Autounfälle aufgrund von Alkoholismus. Psychisch Kranke waren bei uns viele, also die-wie man so schön sagt-ein bisschen einen Scherer hatten, die halt irgendwie eigen waren. Wir hatten z.B. einen, der hieß Ufo, der ist auch in dem Bildband enthalten, der hat kein Gras betreten, also mit ihm wandern gehen war der helle Wahnsinn, weil das Gras für ihn die Wiedergeburt irgendwelcher Seelen war. Die Natur war eben eine wichtige Geschichte und die Jugendbewegung in Steyr hat sich auch dadurch ausgezeichnet, dass sie regelmäßig wandern gegangen ist. In dem Buch ist auch beschrieben, am 1. Mai sind die Arbeiter - das hieß Fitmarsch - bei uns hieß es Fettmarsch im Sinne von Alkohol, aber ich brauchte das alles nicht, weder diese Suchtmittel Alkohol und Haschisch, für mich war die Musik das, wo ich mich weggebeamt habe, da war ich in einer anderen Sphäre. Angela Schatz: Im Bildband sieht man Jugendliche gehend Gitarre spielen; welche Lieder hat man da gesungen? Kurt Apfeithaler: Dieses Volksgut ist relativ spät entdeckt worden, also dass man sich auch in der Volksmusik köstlich unterhalten kann und dass das ganze etwas Tolles ist, hat man relativ spät entdeckt. Vorher hat man es abgelehnt als zu konservativ. Angela Schatz: War es aber nicht so, wie die Nazis in ihren Jugendgruppen gesungen haben? Kurt Apfeithaler: Nein, um Gottes Willen, das gar nicht. Was sehr interessant war, war die BluesBewegung. Blues war der Ausdruck einer geknechteten Minderheit oder sogar auch Mehrheit, das war für uns ein Ausdrucksmittel. Es gab viel Selbstkomponiertes und man war natürlich als Musiker sehr willkommen, man hat dann für Unterhaltung gesorgt. Fernsehen war damals verpönt, Plattenspielen und Treffen in Privatwohnungen und Musikhören war damals en vogue und am schönsten war natürlich, wenn einer ein Instrument spielte, da saßen alle da und hörten ruhig so lange zu, bis er fertig war. Angela Schatz: Warum hat man Fernsehen abgelehnt? Kurt Apfeithaler: Weil Fernsehen quasi aus Erfahrung mit dem Elternhaus, wo pausenlos ferngesehen wurde, insofern verpönt war, weil es kommunikationsmindernd war, man hat nicht geredet miteinander. Für uns war echt interessant, die damaligen Freundinnen haben uns ja ein Weltbild vermittelt, das uns ja oft auch völlig unbekannt war, ihre eigenen Bedürfnisse, was

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