Quo vadis, Jugendkultur

Kurt Apfelthaler: Absolut, ja, darauf waren wir stolz, dass wir anders sind. Wie anders wir waren, sollen die Geschichtsschreiber sagen, aber die alternativen Bewegungen wollten quasi mit allem brechen, was ihre Altvorderen als gut erachtet haben und wollten es neu erfinden, was einerseits recht lustig war, nur im fortschreitenden Alter hat man das alles zumindest zum Teil wieder zurückholen müssen, weil ja nicht alles schlecht war, was die Eltern uns erzählt haben. Sie haben es halt nur sehr autoritär erzählt. Meine Generation hat dann versucht, in etwa so eine daseinserhaltende Maßnahme, d.h. ich muss halt arbeiten gehen, dann haben die Frauen bzw. Freundinnen Kinder bekommen und wir haben dann geheiratet usw., d.h. man muss dann schon trachten, dass man das ein bisschen auf die Reihe bekommt, war aber innerlich im Widerstreit, dass man jetzt genau in die gleiche Bredouille wie unsere Eltern kommt und wie wir uns verhalten. Damals in den 60er- bzw. 70er-Jahren war ja diese antiautoritäre Bewegung bzw. dieses antiautoritäre Erziehen in den Schulen die Sache, d.h. das Kind als gleichwertig bzw. als gleichrechtlichen Partner zu betrachten und mit ihm das logisch auszudiskutieren, dass er jetzt nicht aus dem Fenster springen darf, weil das weh tut, war eine Aufgabe. Angela Schatz: Kann man sagen, dass diese antiautoritäre Erziehung in der Folge gescheitert ist, da man mittlerweile doch der Meinung ist, dass die Kinder sehr wohl Regeln brauchen? Kurt Apfelthaler: Jein, natürlich merkte man, wenn man manche Dinge abkürzt, dann geht das schneller, d.h. wenn man zum Kind, das am Fensterbrett steht und runterhüpfen will, energisch „Nein" sagt, als „Bedenke, wenn du jetzt da runterhüpfst, brichst du dir den Fuß", also manchmal hat man das abkürzt. Ein interessanter Nebeneffekt war, für alle jene, die das durchgezogen haben, also Waldorf oder antiautoritäre oder Summerset hieß es glaube ich, das war die antiautoritäre Erziehung in den Schulen in Amerika oder England; diese Kinder wurden alle größtenteils Künstler, also eigentlich Menschen, die sich selber ein eigenes Weltbild schaffen und in diesem Weltbild halt dann leben zwar schon nach Regeln, aber eben sehrfantaslevoll und ungezwungen. Das sah man bei uns auch; die, die das durchgezogen haben, da waren die Kinder dann irgendwie schwer zu bändigen, aber der Gutteil hat sich auf ein konservatives Weltbild wieder geeinigt 20 bis 30 Jahre später und es war auch sehr wichtig, dass unsere Kinder auch mehr oder weniger in eine Welt hineinwachsen, die gesichert ist. Aber wir wussten ein bisschen mehr als unsere Altvorderen, das muss man auch dazusagen. Wir lernten schon aus den Vorund Nachteilen unserer eigenen Jugend, was wir den Jugendlichen jetzt angedeihen lassen dürfen oder was nicht. Ein klassisches Beispiel ist: „Du bleibst so lange sitzen, bis du das Essen fertiggegessen hast". Das war damals der klassische Sager beim Essen und geredet wird nichts. Das gibt es heute nicht mehr. Das Kind isst, so lange es Hunger hat und den Rest lässt es stehen, was für die damalige Zeit ein Wahnsinn war, für die Kriegsgeneration, da konnte man ja nichts stehen lassen. Das führte dazu, dass viele auseinandergegangen sind. Angela Schatz: Hatten Sie damals bestimmte Ideale oder Werte, die Sie von der Eltern generation unterschieden haben bzw. gab es da schon Leute, die nicht nur alles anders machen wollten, sondern auch konkrete Ziele hatten, z.B. Umweltschutz oder Antiatomkraft? Kurt Apfelthaler: Wenn man es in der Gruppe betrachtet, gab es schon Leute, die dann studiert haben und die dann ein Weltbild entwickelt haben, also sie wollten Pharmazie oder Medizin oder Jus studieren und haben sich darauf hinbewegt. Die haben dann meistens doppelt so lange gebraucht wie alle anderen, aber sie haben es dann geschafft, oder auch nicht. Was mich betrifft, war die Initiation eigentlich das Hintergebirge, diese Rettung des Hintergebirges, also dass man das einer Energiewirtschaft opfert, war für uns undenkbar, weil wir sehr viel in der

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