Kurt Apfelthaler: Aussteiger gab es damals, ja, jede Menge eigentlich. Angela Schatz: Wie haben die ihr Leben damals finanziert; haben sie sich keine Sorgen über ihre Zukunft gemacht? Kurt Apfelthaler: Nein, das kann ich anhand eines Beispiels erklären: Ich hatte damals eine Freundin, die in Paris Au-pair war. Ich war schrecklich verliebt in sie und bin ihr praktisch mit einem 6-Sitzer Multiplier Auto nachgefahren, mit maximal 80 km/h nach Paris. Ich traf sie dann in Paris und habe mich dann wieder irgendwie entliebt und verliebte mich in eine Französin. Ich habe die insofern kennen gelernt, weil es damals so etwas gab wie offene Wohnungen. Das waren keine Kommunen, aber auch Kommunen, wo viele Leute gelebt haben und wo man nicht genau fragte, unter der Devise „Love & Peace", wer da aller dort schläft. Man nahm das irgendwie zur Kenntnis - dort ist einer, der ist mit dem Rucksack angekommen, dort schläft einer und einer derjenigen war auch ich, dh man traf sich im Gasthaus, ob jetzt in Steyr oder in Paris, lernte sich kennen, fand sich sympathisch, hat sich vertraut und hat angeboten, dass man bei jemandem schlafen kann. Dort sollte man dann tunlichst nach einer Woche wieder abreißen, sonst wäre es unangenehm geworden, aber ich habe mich dort verliebt und drei Tage bei dieser Kommune dort geschlafen und zog dann zu ihr. Wir haben dann ein dreiviertel Jahr in einer Garage gelebt und haben uns sehr geliebt. Das war über den Winter, ich fand daher leider keine Arbeit und bin dann wieder zurückgekommen nach Österreich. In Steyr gab es so etwas auch. Wir haben z.B. in der Fiaratzmüllerstraße so eine Wohnung gehabt und in der Gleinker Gasse. Dort kam man hin und wurde unterhalten. Man spielte Gitarre, kochte gemeinsam und hat irgendwelche Weltbilder entworfen. Angela Schatz: Fiat man sich über die wirtschaftliche Zukunft keine Gedanken gemacht? Kurt Apfelthaler: Nein; man war in einer gewissen Weise ja geborgen. Wenn es jemandem schlecht ging, dann hat er sich irgendwo angeschlossen und dann ist das Leben einfach weitergegangen. Im Laufe der Zeit merkte man natürlich schon, dass man dem einen oder der anderen irgendwie auf die Nerven geht, weil man nichts beiträgt, aber damals hat man sich wenig Gedanken gemacht. Angela Schatz: War es so, dass man antimaterialistisch eingestellt war bzw. es abgelehnt hat, wie die Elterngeneration die finanzielle Absicherung oder allenfalls auch den Aufstieg bewerkstelligen wollten? Kurt Apfelthaler: Absolut. Angela Schatz: Ist damals schon eine Art Konsumgesellschaft entstanden oder erst später? Kurt Apfelthaler: Natürlich hat es diese Teilung in der Gesellschaft gegeben und auch einen großen Graubereich. Es gab die eine Gruppe, zu der ich mich eigentlich gezählt habe, wo Materialismus sekundär war, insofern auch deshalb, weil wir sowieso kein Geld hatten. Ich hatte mein Taschengeld und als Lehrling im Orgelbau - die Meisterprüfung machte ich ungefähr mit 30 - die ich nach der FITL angefangen habe, habe ich ATS 450,- monatlich verdient, das war damals ein äußerst geringer Betrag. Ergo dessen war man noch ein bisschen bei den Eltern angegliedert und danach kam man drauf, dass man eigentlich eh nicht so viel braucht. Wenn man viele Freunde hat, kommt man auch so durch. Das war damals auch eine Einstellung und das wurde auch nicht negativ gesehen, sondern man trug in irgendeiner anderen Weise bei, einer hat gekocht - damals kam ein bisschen diese Bio-Welle und man hat unheimlich viel
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