Kurt Apfelthaler: Das war der ORF, da gab es eine Stimme, die Frau Kaiser, die war damals sehr bekannt, weil sie so eine typische Stimme hatte. Wir stellten uns vor, dass das eine Wahnsinnsfrau ist mit dieser Stimme; sie war dann 1,50 m groß und wir waren ein bisschen enttäuscht. Die Musik war zuerst eher so lyrisch und Gitarrenmusik eben, ein bisschen romantisch. Was auch wichtig war, man brauchte nicht studieren einmal in der Woche, wenn man ins FlO ging; das war damals eine recht wichtige Institution der katholischen Kirche auf der Ennsleite; die waren sehr offen für Jugendliche und damals haben dort jugendliche Gruppen ihren Abend selbst gestalten dürfen, ohne dass da irgendwer dabei saß. Das war einerseits schon religiös in irgendeiner Weise, aber nicht so dominierend, dass man sagt, dass das jetzt eine Fleimstunde der Jungschar oder so ist. Das war für uns insofern sehr interessant, weil erstens dort viele Mädchen waren, was für uns FiTL-Schüler ja eine Sensation war und zweitens hat man angefangen, die Welt irgendwie infrage zu stellen bzw. man hat die ersten politischen Eindrücke erfahren. Damals war die Kirche in den 70er-Jahren mehr links gerichtet mit Lateinamerika zB; damals hat sich die Kirche in Lateinamerika gegen diesen Reichtum gewehrt und gegen die Diktatur und das war für uns interessant; die Kirche, die sich zuerst als sehr verschlossene, in sich abgeschlossene Einheit dargestellt hat, hat sich insofern aufgetan und gesagt, dass sie diesen Mief irgendwie anbringen wollen und dass sie sich der Jugend öffnen und die Jugend mitgestalten soll. Das war für uns sehr interessant. Wir sind einmal in der Woche im FlO gewesen und haben uns selbst entdeckt, politisch und persönlich. Wir haben damals eine katholische Messe gemacht, die durften wir selbst gestalten. Wir haben damals den Vietnam-Krieg thematisiert; über die Gesichter muss ich heute noch lachen. Wir haben damals den Altar mit Lichterketten umwickelt und dann haben wir noch einen Stacheldraht aufgetrieben und den herumgewickelt. Im Flintergrund hat man Bombenflieger und einschlagende Bomben gehört. Für die Leute war das der volle Wahnsinn. Das dauerte Stunde, der Pfarrer war eine Nebenerscheinung. Flinten auf der Leinwand haben wir Szenen aus dem Vietnam-Krieg gehabt. Angela Schatz: Ist der damals aktuell noch gelaufen? Kurt Apfelthaler: Der war 1971 oder 1972 aus; 1967/1968 war quasi der Flöhepunkt. Das hat uns kaum betroffen, weil in der Schule nie über Politik gesprochen wurde; ein bisschen vielleicht im Religionsunterricht, aber in erster Linie auch nur die Religion und die Beziehung zur Welt, aber allgemein politisch hat man überhaupt nichts mitbekommen. Angela Schatz: War es so, dass sich die 68er-Generation gegen die Autorität gewendet hat und die Jugend mehr Einfluss bekommen hat? Kurt Apfelthaler: Genau; 1968 war ja der Aufstand der Jugend, weil die nach 1945, die damalige Elterngeneration in irgendeiner Weise ja auch aufgrund ihrer Geschichte und durch die Kriegsjahre hindurch ja gewilit waren, ein sehr strenges Reglement anzulegen, das hatten sie ja selbst und wollten sie ihren Jugendlichen auch angedeihen lassen. Irgendwann hat das gereicht. Es war ja keine unmittelbare Gefahr, außer dass man in seiner Entwicklung gestört wird, weil man nichts darf. Die ersten Pflastersteine, die 1968 in Paris geflogen sind, das war für uns der absolute Wahnsinn, wie es das geben kann und warum die das machen. Dann kam man drauf, dass es etwas Anderes auch noch gibt ais diese sehr strengen Korsette, die die Eltern aus Angst um ihre eigenen Kinder angelegt haben. Umsonst ist auch nicht diese ganze Suchtgiftthematik ins Rollen gekommen, in Amerika primär durch den Vietnam-Krieg, weil die damals auch regelmäßig versorgt wurden vom Feind mit allen möglichen Stoffen und über Deutschland ist das dann auch iangsam nach Österreich gekommen. 1971/1972 war Steyr auch eine Flochburg des Suchtgifts. Damit kamen wir natüriich auch in Kontakt; was für uns damals ein Mittei des
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