Bundesgymnasium und Bundesreaigymnasium Werndipark Steyr Leopold-Werndl-Straße 5 4400 Steyr Vorwissenschaftliche Arbeit Quo vadis, Jugendkultur ausgewählte Jugendkulturen des 20. Jahrhunderts und die Jugendszenen 2018 im Vergleich Verfasserin: Angela Schatz steyr, im März 2019 Klasse: 8C Schuljahr: 2018/19 Betreuer: Prof. Mag. AmarJhala
Abstract Während die Jugendkulturen des 20. Jahrhunderts seit den Halbstarken der 1950er Jahre stets für große Aufregung in der Welt der Erwachsenen gesorgt haben, wird heute in führenden Medien über die „angepasste Jugend" diskutiert. Die Aktivisten der aktuellen Jugendszenen sind zu Trendsettern nicht nur innerhalb der Szene, sondern auch für die hegemoniale Kultur geworden. In der vorliegenden Arbeit wird den Ursachen für diese Entwicklung nachgegangen. Die Ergebnisse lassen sich dahin zusammenfassen, dass die heutigen Jugendkulturen ihr klassisches Protestpotential verloren haben, zum „Mainstream" geworden sind. Die Gründe dafür sind in der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung zu suchen. Zum einen steht den Jugendlichen in der Elterngeneration kein Reibebaum mehr zur Verfügung, zum anderen sehen sich die jungen Menschen in einer Erfolgs- und Konkurrenzgesellschaft einem zunehmenden Druck ausgesetzt, dem sie vor allem durch Ablenkung in der Freizeit zu begegnen suchen - für Protest bleibt kein Raum.
Inhaltsverzeichnis Einleitung 1 Begriffe 1.1 Jugend 1.2 Werte 1.3 Kultur 1.4 Von den Jugendsubkulturen zu den Jugendkulturen und Jugendszenen 2 Streifzug durch ausgewählte Jugendkulturen der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts 2.1 Wirtschaftliche und soziokulturelle Hintergründe 2.2 Erste Rebellen: die Halbstarken 2.3 „Der Schein bestimmt das Sein": die Jugendkultur der Mods 2.3.1 Einführung 2.3.2 Entstehung und Entwicklung der Modkultur in England 2.3.3 Die Mods der 80er Jahre 2.4. Der Traum vom Aussteigen - die Hippies 2.5 Protestbewegungen der 60er Jahre und die „SSer-Generation" 2.6 Neue soziale Bewegungen 2.6.1 Überblick 2.6.2 Exkurs: Die „Basiskultur" in Steyr 2.7 Punk: „No future" 3 Jugendszenen 2018 3.1.1 Vielfalt der Szenen 3.1.2 Aufbau der Jugendszenen 3.2 Streifzug durch ausgewählte Jugendszenen
3.2.1 Rap 3.2.2 Beauty-Gurus 3.2.3 Sportklettern 4 Jugendkulturen des 20. Jahrhunderts und Jugendszenen 2018 im Vergleich 4.1 Soziokulturelle Hintergründe: Wertewandel und Wertesynthese 4.2 Vergleich 4.2.1 Generationenkonflikt, Gesellschaftskritik und Politik 4.2.2 Von den Subkulturen zum Mainstream 4.2.3 Musik Literatur- und Abbiidungsverzeichnis Anhang Eidesstaatiiche Erklärung
Einleitung „Die globalisierte Welt ist gleichgeschaltet. Es gibt keine Alternativen mehr. Die Zeit der Revolten ist vorbei." So wird der renommierte Jugendforscher Bernhard Heinzimaier im Interview für die Onlinezeitung meinbezirk.at vom 29.5.2017 zitiert.^ Ist dies tatsächlich so? Oder gibt es auch heute noch eigenständige Jugendkulturen, vergleichbar mit jenen des 20. Jahrhunderts? Dieser Frage wird in der folgenden Arbeit nachgegangen. Vorangestellt werden Definitionen einiger wichtiger Begriffe, die in der einschlägigen Literatur immer wieder diskutiert werden und auch Eingang in den vorliegenden Text gefunden haben. Im Hinblick auf die große Anzahl an Jugendkulturen, die insbesondere ab den 1950er Jahren bis zur Jahrhundertwende in Erscheinung getreten sind, werden im zweiten Kapitel vor allem jene näher behandelt, die das Bild ihrer Generation nachhaltig geprägt haben. Besonderes Augenmerk wird dabei auf eine allfällige politische Motivation gelegt. Als Grundlage wurde im Wesentlichen Literatur aus der Jugendforschung herangezogen. Ausführliche Interviews mit zwei Zeitzeugen, die den Jugendkulturen der Punks bzw. der Alternativen angehört haben, waren als valide Quellen von besonderer Bedeutung. Im dritten Teil folgt ein Überblick über die heutigen Jugendszenen, im Einzelnen werden einige aktuell populäre Szenen vorgestellt. Die Daten dazu stammen im Wesentlichen aus Publikationen anerkannter Jugendforscher. Der abschließende Vergleich befasst sich mit der eigentlichen Fragestellung und besteht in Schlussfolgerungen aus den vorangegangenen Kapiteln. ^ Klenner, Marie-Theresia: Jugend ohne Kult: Wo sind die Mods, Punks und Gruftis? https://www.meinbezirk.at/wien/c-lokales/jugend-ohne-kult-wo-sind-die-mods-punks-undgruftis_a2061537, 20.2.2019
1. Begriffe 1.1 Jugend Mit der Institutionalisierung der Jugendforschung an der Wende zum 20. Jahrhundert wurde die Jugend erstmals in sozialer, ökonomischer und kultureller Hinsicht als eigene Lebensphase begriffen. Ihr Beginn wurde damals generell mit der Pubertät, das Ende mit dem Eintritt in das Berufsleben und/oder mit der Heirat angenommen. Diese strenge Definition ist nach den Erkenntnissen der neueren Jugendforschung nicht mehr haltbar. Der Beginn der Pubertät ist bedingt durch unterschiedliche körperliche, psychische und soziokulturelle Reifungsprozesse individuell unterschiedlich, im Allgemeinen früher anzusetzen, während sich das Ende der Jugend vor allem durch längere Ausbildungszeiten und prekäre Arbeitsverhältnisse^ immer mehr nach hinten verschiebt. Letztere führen dazu, dass viele junge Menschen weiter auf finanzielle Unterstützung seitens der Eltern angewiesen sind. Auch mit Heirat und Familiengründung warten sie statistisch gesehen länger zu oder bleiben überhaupt Single. Während dieser Statusinkonsistenz^ ist ihr Lebensstil weiterhin als jugendlich zu bezeichnen"*. Um die Jugend grob als Altersgruppe erfassen zu können, kann man sich an den mittlerweile 17 Mal durchgeführten Shell-Jugendstudien orientieren; 1953 wurden 15- bis 24-Jährige, bei der letzten Studie des Jahres 2015 die Altersgruppe der 12- bis 25-Jährigen befragt. Außerdem sei auf die österreichische Jugend-Wertestudie des Instituts für Jugendkulturforschung aus dem Jahre 2011 verwiesen, die auf das Segment der 24- bis 29-Jährigen fokussiert war. ^ Kennzeichen prekärer Arbeltsverhältnisse sind u.a. niedriges, nicht kontinuierliches Einkommen, Flexibilisierung der Arbeitszeit, geringe Arbeitsplatzsicherheit und dadurch erschwerte materielle Existenzsicherung (vgl. http://www.iaq.unidue.de/aktuell/veroeff/2009/weinkopf_Prekaere_Beschaeftigung.pdf, 20.2.2019) ^ Statusinkonsistenz hier: Auseinanderfallen von verschiedenen, für den Erwachsenenstatus als grundlegend betrachteten Aspekten wie z.B. finanzielle Unabhängigkeit und eigener Haushalt (vgl. Heinzimaier, Bernhard/Ikrath, Philipp: Generation Ego. Die Werte der Jugend im 21. Jahrhundert. Wien: Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft mbH 2013, S. 14f) " Vgl. Ferchhoff, Wilfried: Jugend und Jugendkulturen im 21. Jahrhundert. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften ^2007, S. 86-91; Heinzimaier/Ikrath: Generation Ego, S. 10-15
1.2 Werte Im alltäglichen Leben und in politischen Debatten werden Werte meist in undifferenzierter und moralisierender Weise als Einheit zitiert, wobei sie zum Teil mit Normen vermischt werden. Bei exakter Trennung werden letztere als »situationsspezifische und sanktionierbare Handlungsvorgaben bzw. Regelungen mit selbstverständlichem Charakter« definiert, wohingegen Werte »relativ allgemeine Zielvorstellungen des Erstrebenswerten« mit attraktivem und motivierendem Charakter sind und sowohl für Individuen als auch eine Gruppe kennzeichnend sind. In der Wissenschaft werden unter Werten »Standards zur Entscheidung über persönliche Präferenzen verstanden, die aus der sozialen Deutung persönlicher Erfahrungen entstehen«. Sie bezeichnen »emotional besetzte Vorstellungen über das Wünschens und Begehrenswerte und werden freiwillig im Sinne der Selbstsozialisation angeeignet«. Werte können zu folgenden drei Gruppen zusammengefasst werden: »Pflicht- und Akzeptanzwerte (z.B. Disziplin, Selbstbeherrschung, Anpassungsbereitschaft), hedonistisch^-materialistische Selbstentfaltungswerte (z.B. materielle Ausrichtung, Durchsetzungsfähigkeit, Orientierung am eigenen Vorteil und Lebensgenuss) und idealistische Selbstentfaltungs- und Engagementwerte (z.B. individuelle Selbstverwirklichung, Kreativität, öffentliches Engagement)«.® ® https://www.duden.de/rechtschreibung/hedonistisch: Nach Lustgewinn, Sinnengenuss strebend ® Vgl. Kromer, Ingrid: Jugend und Werte. In: Knapp, Gerald/Lauermann, Karin (Hg.): Jugend, Gesellschaft und Soziale Arbeit. Lebenslagen und soziale Ungleichheit von Jugendlichen in Österreich. KlagenfurtLaibach-Wien: Hermagoras Verlag 2012, 5.291-294.
1.3 Kultur In der Wissenschaft existieren diverse Kulturbegriffe, die je nach Disziplin unterschiedlich definiert werden. Gemeinsam ist ihnen, dass man unter Kultur das von Menschen Hervorgebrachte versteht. »Dieser weite Begriff der Kultur umfasst die Gesamtheit der vom Menschen selbst hervorgebrachten und im Zuge der Sozialisation erworbenen Voraussetzungen sozialen Handelns, d.h. die typischen Arbeits- und Lebensformen, Denk- und Handlungsweisen, Wertvorstellungen und geistigen Lebensäußerungen einer Gemeinschaft. Die meisten Kulturbegriffe, die gegenwärtig favorisiert werden, rücken einen dieser Aspekte in den Mittelpunkt und bestimmen Kultur z.B. als Text bzw. System symbolischer Formen, als Aufführung oder Ritual, als Kommunikation, als lebensweltliche Praxis, als Standardisierungen des Denkens und Handelns, als mentales Orientierungssystem oder als Gesamtheit von Werten und Normen.«^ 1.4 Von den Jugendsubkulturen zu den Jugendkulturen und Jugendszenen Der Begriff der jugendlichen Subkultur wurde erstmals in den 1940er Jahren in einer amerikanischen Studie verwendet, nach deren Ergebnis auch ein von den herrschenden gesellschaftlichen Normen abweichendes Verhalten Jugendlicher bestimmten Regeln folgt. Europäische Jugendforscher übernahmen den Begriff und vertraten die Ansicht, dass sich bestimmte jugendliche Subkulturen entweder als Subsystem innerhalb der Ober- und Mittelschicht oder aber der Arbeiterklasse entwickeln. Ab den 1990ern wurde der Begriff zunehmend kritisiert, weil ihm die Bedeutung entnommen werden könnte, dass die Subkultur »unterhalb der akzeptierten elitären Kultur« angesiedelt sei. ' Nünning, Ansgar: Vielfalt der Kulturbegriffe, http://www.bpb.de/gesellschaft/bildung/kulturellebildung/59917/kulturbegriffe?p=all (23.7.2009), 26.12.2018
Außerdem sei die bisherige Forschung davon ausgegangen, dass die Subkulturen an eine bestimmte Schichtzugehörigkeit oder politische Einstellung gebunden und ein unabhängiges Teilsegment der Gesellschaft ohne Übergänge zu dieser seien, was in dieser Allgemeinheit nicht zutreffe.® Mittlerweile hat sich der Begriff der Jugendkulturen oder Jugendszenen eingebürgert, die von den Jugendlichen unabhängig von der sozialen Herkunft selbst gewählt werden. »Jugendszenen sind soziale Netzwerke, in denen sich Jugendliche mit gleichen kulturellen Interessen und ähnlichen Weltanschauungen zusammenfinden.« Die Abgrenzung zur Erwachsenengesellschaft und zu anderen Szenen ist geringer ausgeprägt, bei gleichzeitiger Anpassung an Regeln der Gesellschaft können die Jugendlichen einer oder auch mehreren Jugendszenen angehören. Im Gegensatz zum Postulat der Jugendforschung zu Ende des 20. Jahrhunderts belegen neuere Studien, »dass die sozialstrukturelle Herkunft immer noch wesentliches Differenzierungskriterium für den Zugang zu Jugendkulturen ist«.® 2 Streifzug durch ausgewählte Jugendkulturen der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts 2.1 Wirtschaftliche und soziokulturelle Hintergründe: Den Boden für die Entstehung der Jugendkulturen bereitete die Konsumgesellschaft, die sich von den USA ausgehend nach dem Zweiten Weltkrieg auch in Westeuropa entwickelte (Konsum = Befriedigung von Bedürfnissen mit wirtschaftlichen Mitteln; Konsumgesellschaft = Gesellschaft, die durch Massenkonsum gekennzeichnet ist). Technischer Fortschritt, rasch sinkende Energiepreise, eine wachstumsorientierte ® Vgl. Baacke, Dieter: Jugend und Jugendkulturen. Darstellung und Deutung. Weinheim und München: Juventa Verlag ^2007, S. 133f; Waechter, Natalia: Jugend und Jugendkulturen: In: Knapp, Gerald/Lauermann, Karin (Hg.): Jugend, Gesellschaft und Soziale Arbeit, S. 311f. ® Vgl. Waechter, Natalia: Jugend und Jugendkulturen. In: Knapp, Gerald/Lauermann, Karin (Hg.): Jugend, Gesellschaft und Soziale Arbeit. Lebenslagen und soziale Ungleichheit von Jugendlichen in Österreich. Klagenfurt-Laibach-Wien: Hermagoras Verlag 2012, S. 311f
Wirtschaftspolitik und die amerikanischen Hilfsprogramme führten zu einem unerwartet raschen Wirtschaftsaufschwung. Seinen Niederschlag fand das sogenannte „Wirtschaftswunder" im steigenden Einkommensniveau, das wiederum erhöhten Konsum, mehr Freizeit und Mobilität leistbar machte. Die Wirtschaft erkannte die zunehmende Kaufkraft der Jugendlichen und reagierte mit einer speziell auf die neue Zielgruppe zugeschnittenen Teenager-Industrie. Schallplatten, junge Mode und andere Konsumartikel machten es den Jugendlichen möglich, sich in Form eigener kultureller Vorlieben in Musikgeschmack, Kleidung und Freizeit auch nach außen hin von der Elterngeneration abzugrenzen und von ihren Moralvorstellungen zu distanzieren. Zur Entstehung und Verbreitung der Jugendkulturen der 50er Jahre trugen Medien wie Radio, Schallplatten, Kinofilme, eigene Jugendzeitschriften und Großkonzerte der damaligen Idole wesentlich bei.^° 2.2 Erste Rebellen: Die Halbstarken Nach den Wirren der unmittelbaren Nachkriegszeit war vor allem die deutsche, aber auch die in Österreich mitschuldig gewordene Erwachsenengesellschaft bestrebt, die nationalsozialistische Vergangenheit zu verdrängen und orientierte sich an althergebrachten Werten und Tugenden. Die Erziehung war von repressiven und autoritären Ordnungs- und Moralvorstellungen geprägt und auf Gehorsam, Pflichterfüllung und Korrektheit ausgerichtet. Die Jugendlichen dagegen waren fasziniert vom aus Amerika kommenden Rock'n'Roll, von Marlon Brando und James Dean, die für sie zu Symbolfiguren einer rebellischen, aufrührerischen Jugend wurden. Wie ihre amerikanischen Vorbilder trugen die sogenannten „Halbstarken" Lederjacken, Jeans und Stiefel, fuhren Motorrad und stylten ihr schmalziges Haar zu Elvis-Tolle und „Entenschwanz"^^. In der zweiten Hälfte der 50er Jahre kam es schließlich in deutschen Städten und im europäischen Ausland vor allem nach Filmvorführungen und Vgl. Jugendkultur der 1950er und 1960er Jahre, http://www.ooegeschichte.at/epochen/1945-2005/daswlrtschaftswunder/leben-und-konsum/jugendkultur/, 26.12.2018; Schramm, Manuel: Wirtschafts- und Sozialgeschichte Westeuropas seit 1945. Köin/Weimar/Wien: Böhiau Verlag 2018, S. 68 seitlich glatt nach hinten und in der Mitte des Hinterkopfes zusammengekämmt
Musikveranstaltungen zu zerstörerischen Aktionen in den Sälen und auf der Straße und auch gewalttätigen Auseinandersetzungen. Sozialwissenschaftler sahen in den scheinbar unpolitischen Ausschreitungen eine den Gesetzen der Gruppendynamik folgende Reaktion der Jugendlichen auf die restriktiven Strukturen in Erziehung, Familie und Gesellschaft sowie das Fehlen eigener, nicht von Erwachsenen überwachten Räumen. Während die Medien die Flalbstarkenkrawalle aufbauschten^^, waren einer Schätzung jener Zeit zufolge tatsächlich nur zwischen 1 und 5% der männlichen Jugendlichen daran beteiligt, die Zahl der „potentiellen" Flalbstarken wurde mit höchstens 10% veranschlagt. Mit der Bestrafung der Rädelsführer und der zunehmenden Kommerzialisierung ihres Stils in der Teenager-Industrie lösten sich die Banden gegen Ende der 50er Jahre allmählich auf.^^ Abbildung 1: Halbstarke Schönlau, Jens: Jugend am Wendepunkt. Medien und Mode. Saarbrücken: VDM Verlag Dr. Müller 2007, S. 41 Vgl. Völker, Matthias: Krawall, Kommerz und Kunst. Jugendkulturen Im 20. Jahrhundert. Marburg: Tectum Verlag 2008, S. 49-63; Kandlbinder, Jakob: Halbstark & Cool. Ausgewählte Jugendkulturen seit den 1950er Jahren. 4. Aufl., Münster: Telos Verlag " 2010, S. 29-50
2.3 „Der Schein bestimmt das Sein": Die Jugendkultur der Mods 2.3.1 Einführung Wenngleich sich auch die englische Jugend der 50er wie die Halbstarken am Rock'n'Roll, dem Stil seiner Protagonisten und dem durch sie verkörperten Lebensgefühl orientierte, entwickelten sich doch vor allem innerhalb der Arbeiterschicht eigene Jugendkulturen. Anfang/Mitte des Jahrzehnts erschienen die Teddy-Boys auf der Bildfläche. Ihr Name leitet sich vom Kosenamen des englischen Königs Edward des VII. ab, der im 19. Jahrhundert als das „schwarze Schaf" seiner Familie galt und vorzugsweise lange taillierte Jacken, Weste und enge Hosen trug. Die Teds kopierten seinen aristokratischen Stil und änderten ihn in ironischer Weise dahin ab, dass sie die Jacken noch enger taillierten, exzentrische Farben wählten und das Haar ganz „unaristokratisch" zu Tolle und Entenschwanz kämmten. Der „Edwardian Style" wurde zum Kostüm der Jugend aus dem Arbeitermilieu und gemeinsam mit ihrem rüpelhaften Verhalten als Aufbegehren gegen die vorbestimmte Stellung in der Gesellschaft interpretiert. '■ * - • Abbildung 2: Auseinandersetzung zwischen Mods und Rockern am Brighton Pier, Mai 1964
2.3.2 Entstehung und Entwicklung der Modkultur in England Im Gegensatz zu den Teddy-Boys stammten die erstmals Ende der 50er Jahre auftretenden Mods aus der unteren Mittelschicht und lehnten das Derbe und Grelle des Rock'n'Roll ab. Begeistert vom lässigen Image des Modern Jazz nannten sie sich „Modernists", später kurz Mods. Sie trugen vorzugsweise maßgeschneiderte, knappsitzende Anzüge nach italienischem Vorbild mit kurzen, kastigen Jacken und schmalen Hosen, exklusives Schuhwerk, akkurat geschnittenes kurzes Haar und olivgrüne Parkas, die dem Schutz ihres teuren Outfits dienten. Ihr Erscheinungsbild wurde komplettiert durch Motorroller der italienischen Marken Vespa und Lambretta, die sie mit chromblitzenden Scheinwerfern und Spiegeln aufmotzten. Der Mod gefiel sich in der Rolle des distanziert-überlegenen Beobachters, oberste Verhaltensmaxime war Coolness, die sie auch durch eine spezielle, dandyhafte Art des Flanierens zum Ausdruck brachten. Im Zuge ihrer Ausbreitung fand die Kultur der Mods mehr und mehr Anhänger aus dem Arbeitermilieu. Bei „Allnighters", zu denen sie sich häufig mit Amphetaminen aufputschten, tanzten sie zu Musikrichtungen wie Soul, Rhythm'n'Blues und Ska, die sie von den ebenfalls als cool geltenden „Rüde Boys" aus karibischen Immigrantenfamilien übernahmen. Neben den Originalinterpreten aus den USA entstanden auch direkt aus der Mod-Kultur heraus heimische Bands wie The Who und The Small Faces, der Musiker Rod Stewart war selbst bekennender Mod. Mit ihrem von Hedonismus geprägten Lebensstil grenzten sich die Mods von der leistungsorientierten Elterngeneration ab, Jobs sahen sie vor allem als Mittel zur Finanzierung ihrer Motorroller und Freizeitgestaltung sowie der teuren Kleidung an. Nach dem Motto „Der Schein bestimmt das Sein" suchten sie zumindest über ihr Äußeres den Anschluss an eine höhere Gesellschaftsschicht. Im Gegensatz dazu blieben die zumindest in ihrer Vorliebe für Rock'n'Roll als Nachfahren der Teds geltenden Rocker ihrer Herkunft aus dem Arbeitermilieu verhaftet. Sie legten Wert auf ein maskulines Gehabe und lehnten die Modefixierung und den zunehmend androgynen Look der Londoner Mods ab. Dass die Mods auch Mädchen in ihrer Subkultur akzeptierten, trug nicht unbedingt zu gegenseitiger Sympathie bei. Die Mods wiederum bezeichneten die eher aus ländlichen Gegenden stammenden, oft auch älteren Rocker als schmutzig, chauvinistisch und ungebildet. Das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen führte zu
Auseinandersetzungen, die an den Stränden Südenglands schließlich auch gewalttätig ausgetragen wurden. Höhepunkt war die Massenschlägerei im Jahr 1964 in Brighton, die sich über zwei Tage erstreckte. Mods der ersten Stunde grenzten sich angewidert von Gewalt und zunehmender Kommerzialisierung ihrer Kultur ab, die sich in der Folge zu verschiedenen Gruppierungen ausdifferenzierte. Neben den gewaltbereiten „Scooter Boys" und den „Hard Mods", aus denen später zum Teil die Skinheads hervorgingen, gab es weiterhin den „gewöhnlichen", akkuraten Mod-Stil, aber auch eine „distinguierte Campvariante", die als Vorläufer von New Wave und Punk gilt.^"* t - • .-v'/Wi ' Abbildung 3: Mods in Anzügen und Parkas vgl. Baacke: Jugend und Jugendkulturen, S. 71-74; Völker: Krawall, Kommerz und Kunst, S.63-65; Jooss, Johannes, Mods und Rocker - legendäre Kontrahenten, (25.07.2014) https://www.rockabillyrules.com/blog/mods-und-rockers-legendaere-kontrahenten / 26.12.2018; Mettenbrink, Jutta: The Mod Way of Life. In: Weis, Diana (Hg.): Cool aussehen. Mode & Jugendkulturen. Berlin: Archiv der Jugendkulturen Verlag KG 2012, S. 53-59
2.3.3 Die Mods der 80er Jahre Die Jugendkultur der Mods erlebte ab 1979 ein Revival, als der auf dem gleichnamigen Konzeptalbum der englischen Band „The Who" basierende Film „Quadrophenia" in die Kinos kam. Fasziniert vom lässig-eleganten Auftreten begannen Jugendliche in aller Welt, den Stil der Mods zu imitieren. Im Unterschied zu den Mods der 60er Jahre, die vor allem aus der englischen Arbeiterschicht stammten, waren in der österreichischen Szene der 80er auch Gymnasiasten, Söhne und Töchter von Ärzten oder Anwälten vertreten. Insofern fehlte es wie bei den meisten Revivals von Jugendkulturen an Authentizität, die im Fall der Mods der ersten Generation unter anderem in einer Orientierung an höheren Schichten bestanden hatte. Mit der Aussage des Protagonisten Jimmy im Film Quadrophenia "I don't wanna be the same as anybody eise. That's why Tm a Mod, see? I mean, you gotta be somebody, ainT ya?" können sich Jugendliche heute wie damals identifizieren, spiegelt sie doch den zeitübergreifenden Wunsch nach Individualität und Wahrnehmung innerhalb der Gesellschaft, um sich so ihrer Einzigartigkeit und Identität zu versichern, „zu sein".^^ 2.4 Der Traum vom Aussteigen - die Hippies Von Anfang bis Mitte der 60er Jahre waren die Werte der Jugendlichen im Wesentlichen vom Erreichen beruflichen und gesellschaftlichen Erfolgs, von Konsum und Spaß in der Freizeit bestimmt, Politik war für sie kein großes Thema. Tugenden wie Fleiß, Anstrengungs- und Konsensbereitschaft wurden in Schule und Arbeitswelt hochgehalten. Mit diesen Werten der hegemonialen Gesellschaft brach in der 2. Hälfte der 60er die in den USA entstandene Gegenkultur der Hippies oder Blumenkinder, die in der Folge vor allem in Westeuropa rezipiert wurde. Die in der Mehrzahl aus gutsituierten Familien mit gehobenem Bildungsniveau stammenden Hippies wollten die Leistungs- und Wohlstandsgesellschaft nicht von innen reformieren, sondern aussteigen Vgl. Jellen, Reinhard: We were the Mods. https://www.heise.de/tp/features/We-were-the-Mods3383392.html (2.1.2010) 26.12.2018; Mettenbrink: The Mod Way of Life, S. 53-59; Schwarz, Guido: Die Wiener Mods - wie's wirklich war. https://motomobil.at/newsstories/feature/354-die-wiener-mods, 26.12.2018
und in einer Gegengesellschaft gemäß ihrem Motto „love, peace and unity" leben. Sie protestierten gegen Unterdrückung, Imperialismus und Krieg, dem Leistungsprinzip und Kapitalismus - der zur Entfremdung der Menschen von ihrem wahren Wesen, von Geist und Seele geführt habe - setzten sie Spiritualität, Konsumverweigerung und Kreativität entgegen, indem sie langes Haar trugen, die Musikrichtung des sogenannten Acid Rock mit langen Instrumentalsoli und psychedelisch inspirierten Texten schätzten, Kleidung selbst nähten und bunt färbten, handgemachten Schmuck trugen und sich an kleinen Dingen wie den namensgebenden Blumen erfreuten. Bei ihrer Suche nach dem eigenen Selbst im Wege der drogeninduzierten Bewusstseinserweiterung verloren sie allerdings häufig den Bezug zur Realität. Sie idealisierten die Lebensformen ferner Völker und Kulturen, unter anderem jene der Indianer, und die Armut und übersahen dabei die sozialen Probleme vor ihrer Haustür, wobei Letzteres seinen Grund auch darin haben mag, dass sie materielle Werte verachteten und die Hippies der ersten Stunde im Wesentlichen aus privilegierten Schichten stammten. Der Niedergang der Hippie-Kultur wurde durch ihre zunehmende Kommerzialisierung und die Tragödie des RockmusikFestivals in Altamont Ende 1969 eingeleitet. Bei einem Gratiskonzert der Rolling Stones wurde ein 18-Jähriger von einem Angehörigen des als Security eingesetzten gewaltbereiten Motorradclubs „Heils Angels" erstochen, weitere Teilnehmer starben nach dem Konsum von Drogen und bei Unfällen. Außerdem waren im Laufe der Zeit viele Anhänger nicht mehr sozial abgesichert, was zur Ausbreitung von Krankheiten beitrug.^® I« * J IWELöVE' Abbildung 4: Hippie Vgl. Schönlau: Jugend am Wendepunkt, S. 63; Baacke: Jugend und Jugendkulturen. S. 59 bis 62; Parin, Klaus: Die Hippies, https://www.bpb.de/gesellschaft/kultur/jugendkulturen-in-deutschland/36172/diehippies (25.2.2010), 14.2.2019; o.V.: Das Ende der Unschuld, https://oel.orf.at/artikel/215971 (2.12.2009), 11.2.2019
2.5 Protestbewegungen der 60er Jahre und die „68er Generation" Höheres Einkommensniveau und gestiegener Konsum in der Wirtschaftswunderzeit führten dazu, dass im zentralen Blickwinkel der Gesellschaft nicht mehr die Sicherung des Überlebens, sondern das Erleben stand. Bereits damals zeichnete sich ein beginnender Wertewandel von den Pflicht- und Akzeptanzwerten hin zu Selbstentfaltungswerten ab, wobei die Jugend zum Vorreiter wurde. Konflikte zwischen Jugendlichen und Erwachsenen wurden durch längeres Haar und kürzere Röcke, in den Augen der Elterngeneration sittengefährdende neue Musikstile wie Twist, Rock und Beat und die zugehörigen Tänze heraufbeschworen, die den Wunsch der Jugend nach weniger Prüderie, mehr Ungezwungenheit und letztlich Freiheit zum Ausdruck brachten. Dass die Politik Angelegenheit der Erwachsenen war, wurde in den 50er Jahren von der großen Mehrheit der Jugend noch akzeptiert, sie war daran auch nicht weiter interessiert. Zu ersten politisch motivierten Protesten kam es in Amerika im Zuge der Forderung nach Aufhebung der Rassentrennung, die Studenten reklamierten Bürger und Menschenrechte, u.a. die Redefreiheit für sich und andere und provozierten so mehrere Jahre anhaltende Konflikte. 1964 verbündeten sie sich mit den Hippies im Protest gegen den Imperialismus der USA und den Vietnamkrieg. Zum damaligen Zeitpunkt gewann die Politik auch für die Jugendlichen der BRD an Bedeutung, allen voran die Bildungselite. Sie forderten Aufklärung über die NS-Vergangenheit der Elterngeneration und wandten sich gegen das rückständige Universitätssystem. In der 2. Hälfte der 60er Jahre erreichten die von den USA ausgehenden Studentenunruhen auch Westeuropa, wo man sich unter anderem dem Protest gegen den Imperialismus und den Vietnamkrieg anschloss. In der BRD erreichten sie ihren Höhepunkt nach dem tödlichen Schuss eines Polizisten auf den Studenten Benno Ohnesorg, der am 2. Juni 1967 an einer Demonstration gegen den Besuch des Schahs von Persien teilgenommen hatte, und dem Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke vom 11. April 1968. Es Vgl. Schildt, Axel: Vor der Revolte: Die sechziger Jahre. http://w\A/w.bpb.de/apuz/26237/vor-derrevolte-die-sechziger-jahre?p=all (26.5.2002), 12.2.2019
folgte die politische Aufsplitterung der Bewegung, der Großteil schloss sich den Sozialdemokraten an, andere sympathisierten mit dem Marxismus und Maoismus, nur ein kleiner Teil propagierte den bewaffneten Kampf und bildete terroristische Vereinigungen, die schließlich sogar Morde verübten. In Österreich verliefen die Studentenproteste wesentlich ruhiger und beschränkten sich im Wesentlichen auf Wien. Während ein Teil der 68-er in der BRD die Utopie von einer Revolution gegen den Kapitalismus entwickelte, vertraten österreichische Studenten weniger radikale Ideen. Sie forderten mehr Mitbestimmung und Demokratisierung an den Universitäten, zeigten sich solidarisch mit Rudi Dutschke und schlössen sich den Demonstrationen gegen den Vietnam-Krieg und das Schah-Regime in Persien an. Ebenso wie in Deutschland wurde die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit gefordert.^® 2.6 Neue soziale Bewegungen 2.6.1 Überblick In ihrem Protest gegen das bestehende Gesellschaftssystem wird die Studentenbewegung in der Sozialwissenschaft als Vorreiterin der Neuen sozialen Bewegungen gewertet. Darunter sind jene Bewegungen zu verstehen. »die seit Beginn der 70er Jahre das Politmonopol und die wirtschaftlichen Interessensorganisationen in Frage stellen und für Selbstbestimmung, Basisdemokratie sowie Spontaneität eintreten, unter anderem lokale Bürgerinitiativen, die Umwelt-, Anti-Atomkraft-, Friedens-, Alternativ-, Neue Frauen- und Dritte-Welt-Bewegung. Meist lose organisiert, gehören ihre Mitglieder in der Regel zur Mittelschicht. Neben zahlreichen lokalen Vgl. Schramm, Wirtschafts- und Sozialgeschichte Westeuropas seit 1945, Die68er Bewegung, S. 69-71; O.V., Österreichische Mediathek; Studentenproteste 1968. https://www.mediathek.at/akustischechronik/1956-1969/studentenproteste-1968/, 12.2.2018; Schildt, Axel: Neue Linke und Studentenbewegung, http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/68erbewegung/51815/neue-linke?p=all (9.1.2008), 12. 2.2019.
Aktionen hatten die neuen sozialen Bewegungen [in Österreich] auch bundesweite Erfolge: 1978 Ablehnung der Inbetriebnahme des Atomkraftwerks Zwentendorf, 1980 Verhinderung von Panzerlieferungen nach Chile, 1984 Erhaltung der Hainburger Au, endgültiger Verzicht auf Errichtung eines Wasserkraftwerks 1995. (...) Aus den neuen sozialen Bewegungen sind grüne Parteien hervorgegangen.«^® Die in der BRD von Forschern im Auftrag der Shell erstellte Jugendstudie des Jahres 1974 kam zum Ergebnis, dass die große Mehrheit der Jugendlichen eine pragmatische Haltung dem kapitalistischen Wirtschaftssystem gegenüber eingenommen hatte, Konsumverweigerung war für sie kein Thema.Jugendliche gerieten massenweise in den Sog der Discowelle, im Mittelpunkt ihrer Interessen standen Selbstinszenierung und Tanzen in den allerorts entstehenden Diskotheken.^^ Allerdings zählte die zitierte ShellStudie immerhin 10% der Jugendlichen zum Umfeld der mehrheitlich von älteren Aktivistinnen und Aktivisten getragenen Alternativkultur.Alternative Gruppierungen wandten sich gegen den Kapitalismus, verdeutlichten aber auch »als praktische Kritik des (...) realexistierenden Sozialismus die Bedeutung von Freiheit, Meinungsvielfalt, Individualität, Phantasie, Basisorganisation u.a.«. Die Jugendzentrumsbewegung wird ebenfalls zu den Alternativbewegungen gezählt. Ziel der Jugendlichen war es, sich unabhängig von traditionellen Jugendorganisationen der Gewerkschaften, Parteien und der Kirche - die gerade in Mittel- und Kleinstädten nach wie vor tonangebend waren - eigene Räume zu schaffen. Wieder waren es vor allem Studentinnen und Gymnasiastinnen, die die Forderung nach selbstverwalteten Jugend- bzw. Kulturzentren erhoben, um darin frei von Konsumzwang politisch tendenziell linksorientierte intellektuelle Diskussionen zu führen, alternative Musik zu https://austria-forum.org/af/AEIOU/Neue_soziale_Bewegungen, 12.2.2019 Vgl. Shell Deutschland (Hrsg.): 50 Jahre Shell Jugendstudie. Berlin: Ullstein Verlag 2002, S. 45, 58 ^Wgl. Parin, Klaus: Disco, http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/jugendkuituren-indeutschland/36203/disco, (25.2.2010), 13.2.2019 Vgl. Parin, Klaus: Die Umwelt- und Anti- Atomkraftbewegung, http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/jugendkulturen-in-deutschland/36201/umwelt-und-antiatomkraft-bewegung, (25.2.2010), 13.2.2019
hören aber auch selbst zu machen, Dichterlesungen sowie Auftritte von Kabarettisten und Künstlern aus der Folk-, Jazz- und Politrockszene zu organisieren. Sogenannte Basisgruppen sahen die Anliegen der Jugend von den dominierenden Parteien nicht vertreten und forderten „Demokratie von unten", Beteiligung an politischen EntScheidungsprozessen sowie ungefilterte Information. Schüler und Studenten gaben selbstgestaltete Zeitungen heraus, um darin u.a. über Veranstaltungen und Kommunalpolitik zu informieren, ihre Kritik, Anliegen und Forderungen offen zu äußern und einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren.^^ 2.6.2 Exkurs; Die „Basiskultur" in Steyr Auch in Steyr waren Jugendliche fasziniert von den Flippies, den Studentenprotesten und Alternativkulturen der 60er und 70er Jahre, angefangen von Haartracht, Kleidung und Musik bis hin zum Kampf gegen autoritäre Strukturen und zum Engagement für die Umwelt. Sie sahen, »was möglich ist«, hinterfragten die nach wie vor strengen Moralvorstellungen der Eltern samt den Verdrängungsmechanismen in Bezug auf die nationalsozialistische Vergangenheit und begaben sich auf die Suche nach neuen Lebensformen, in denen materielle Werte und Konsum keine Rolle spielten. Nicht nur weibliche Jugendliche trugen nun langes Haar, man erwarb billigst ausgemusterte Parkas aus der Besatzungszeit, manche unternahmen weitere Reisen, auf denen sie in »offenen Wohnungen« Unterkunft fanden, etliche „stiegen aus" und hielten sich über längere Zeit in Asien auf, andere wiederum wanderten am Wochenende in Täler und auf Berge und verwirklichten so zumindest zeitweise ihren Traum vom Leben im Einklang mit der Natur unter Rückbesinnung auf ihre Schätze. Um sich auszutauschen, zu diskutieren oder auch nur zusammen Spaß zu haben, mussten sie sich damals in Gasthäusern treffen. Es wurden allerdings auch Wanderungen unternommen, u.a. die als Gegenstück zu den Fit-Märschen am Nationalfeiertag intendierten „Fett-Märsche", wobei „fett" umgangssprachlich für alkoholisiert stand. Im Anschluss an eine derartige Wanderung wählte die Gruppe die Bezeichnung „Kuckucksnest" und organisierte Vgl. Parin, Klaus: Neue soziale Bewegungen, http://www.bpb.de/gesellschaft/kultur/jugendkulturenin-deutschland/36197/neue-soziale-bewegungen (25.2.2010) 13.2.2019; Apfelthaler, Kurt, Interview vom 4.1.2019, Anhang 1 Vgl. Apfelthaler, Kurt, Interview vom 4.1.2019, Anhang 1
kulturelle Veranstaltungen wie Konzerte, Dichterlesungen und Filmvorführungen, die in wechselnden Lokalitäten stattfanden. Nachdem Forderungen an die Gemeinde nach Unterstützung zur Schaffung eines offenen Jugend- und Kulturhauses gescheitert waren, zerfiel die Gruppe. Der Traum vom eigenen Kommunikationszentrum konnte allerdings 1979 doch noch verwirklicht werden; eine Gruppe rund um die vormaligen Aktivisten des Kuckucksnests mietete ein Gasthaus im Wehrgraben - damals das aus der Blütezeit der eisenverarbeitenden Industrie am dortigen Kanal übriggebliebene „Glasscherbenviertel"-, renovierte es in Eigenregie und betrieb eine eigene Küche mit Ausschank. Finanzielle Unterstützung von Seiten der Gemeinde für das „Basiskultur" genannte Vereinslokal gab es kaum. Ende 1980 konnte das Ziel, ein anspruchsvolles, alternatives Kulturprogramm zu bieten, in größerem Umfang verwirklicht werden. Musiker aus der näheren Umgebung waren in der „Basiskultur" hochwillkommen, allen voran der Pianist und Orgelbaumeister Kurt Apfelthaler, der auch selbst Synthesizer konstruierte und eine eigene „Apfelspalte" im „Steyrer Tagebuch" als Sprachrohr zur Verfügung hatte. In der von 1982 bis 1985 im Umfeld des Vereins herausgegebenen Zeitung mit insgesamt 25 Ausgaben konnten Inhalte veröffentlicht werden, die für andere Medien nicht tragbar gewesen wären. Besonderen Zusammenhalt unter den Mitgliedern der Basiskultur stiftete das Engagement im auch von anderen Aktivisten getragenen Verein zur Rettung des Wehrgrabens. Ziel dieses Vereins war es, die von der Stadtführung geplante Zuschüttung des Wehrgabengerinnes und Modernisierung des historischen Stadtviertels zu verhindern. Die Initiative verlief erfolgreich; nachdem auch das Bundesdenkmal eingeschritten war, blieb das Gesamtensemble erhalten und beherbergt heute unter anderem das Museum Arbeitswelt Steyr und das 1997 gegründete Kulturhaus Röda. Der Betrieb des Vereinslokals der Basiskultur musste im Wesentlichen aus den Erlösen des alljährlich veranstalteten Wehrgrabenfestes finanziert werden. Das offene Haus war allerdings auch Anlaufstelle für mittellose junge Menschen, die vielfach versuchten, ihre Probleme durch Alkohol- oder Drogenkonsum zu vergessen, was zu einer stets angespannten finanziellen Situation, aber auch zur Überforderung der im professionellen Umgang mit der schwierigen Klientel nicht geschulten Mitarbeiter führte. Nachdem auch das verbindende Element des Kampfes um den Wehrgraben verlorengegangen war, wurde Ende 1983 die Auflösung des
Vereins beschlossen. Aus den Reihen der Basiskultur ging allerdings 1984 die Grüne Alternative Liste Steyr hervor, Gründungsmitglied war unter anderem Kurt Apfelthaler.^^ 5»® Abbildung 5: Kurt Apfelthaler mit seinen Instrumenten 2.7 Punk: „No Future" In der Jugendkulturforschung wird der Beginn der Punk-Bewegung im Allgemeinen mit der Gründung der britischen Band „The Sex-Pistols" im Jahr 1976 und ihrer Debütsingle „Anarchy in the U.K." angesetzt. Für großes Aufsehen und Empörung in der Öffentlichkeit sorgte ihr Auftritt am Tag des silbernen Thronjubiläums der Königin im Jahr 1977, als sie auf einem Boot die Themse hinunterfahrend lautstark den Song „God Vgl. Rubi, Wolfgang/ Kaufmann, Reinhard: Steyrer Tagebuch, Nummer 6 (1982), S. 13 ff; „Der Club ist tot - Es lebe die Basiskultur", Steyrer Tagebuch, Nummer 14 (1983), 5. lOff; Apfelthaler, Kurt, Interview vom 4.1.2019, Anhang 1
save the Queen" zum Besten gaben. Der weitere Wortlaut „the faselst regime, they made you a moron, a potential H-bomb, she ain't no human being, and there's no future in England's dreaming ..." brachte ihren Protest gegen das kapitalistische System, den Desillusionismus und die Perspektivenlosigkeit vieler Jugendlicher angesichts der Wirtschaftskrise mit Massenarbeitslosigkeit zum Ausdruck. Punk war destruktiv, das Motto lautete „Macht kaputt, was euch kaputt macht", sachliche, konstruktive Kritik war kein Thema. Die britischen Punks der ersten Generation stammten aus der Arbeiterschicht, ihren Protest gegen das Establishment brachten sie im Propagieren der Anarchie und mit ihrem Style zum Ausdruck. Bunt gefärbtes zotteliges Haar, Sicherheitsnadeln, Hundehalsbänder und schwarze, zerrissene Kleidung waren für die Punks sowohl Provokation der Reichen und Mächtigen als auch Symbol für das „Kaputte". Die Provokation gelang, obwohl die Szene sehr klein war. Punkrock war eine Absage gegen den kommerzialisierten Rock'n'Roll, dem das Rebellische der 60er und 70er Jahre abhandengekommen und inhaltlich weit vom Alltag der Jugendlichen entfernt war. Themen des Punkrock waren der Hass auf die Reichen, Arbeits- und Perspektivlosigkeit. Während in Bands wie „The Clash" durchaus gute Musiker in der Szene vertreten waren, wurde in der Hochphase des Punk das Do-it-yourself-Prinzip zum Credo erhoben und kolportiert, es reiche, „drei Akkorde spielen" oder gar nur „ein Instrument halten" zu können. Letzteres war allerdings oft nur Attitüde. Als Gegenbewegung zum bereits wieder vermarkteten Punkrock der 70er entwickelte sich in den SOern der „Hardcore-Punk", der auch in Österreich Anhänger fand und noch härter und schneller gespielt wurde. Auf den Konzerten wurde „Pogo" getanzt, was im Wesentlichen wildes Auf- und Abhüpfen bedeutete. Auch das Erscheinungsbild wurde extremer, Irokesenschnitte tauchten auf, Lederjacke und Springerstiefel wurden obligatorisch. Hardcore-Bands wollten sich nicht von der Musikindustrie vereinnahmen lassen, gründeten autonome Labels und waren um „korrekte" Preise für Platten und Eintrittskarten bemüht, die sich ihre Fans auch leisten konnten. Eigene Fanzines berichteten über neue Bands und Labels und informierten über Spielstätten und Konzerttermine. Im Sinne des Wahlspruchs „No Future" entwickelten die Bands weiterhin düstere Szenarien, thematisiert wurden insbesondere die atomare Bedrohung und die Zerstörung der Umwelt durch die Konsumgesellschaft. Mittlerweile hatten sich
auch Jugendliche aus der Mittelschicht der Szene angeschlossen, wobei Punk für sie oft auch Mittel zur Selbstinszenierung und zur Rebellion gegen bürgerliche Tugenden und die Pläne bzw. Ambitionen der Eltern für die Zukunft ihrer Kinder war. Zum Niedergang der Punkbewegung der 1970/80er Jahre trug bei, dass viele Szeneangehörige exzessiven, nicht selten tödlich verlaufenden Alkohol- und Drogenkonsum betrieben, andere wiederum die Punk-Attitüde offensichtlich als Vorwand dafür benutzten, sich der Selbstverantwortung für ihr Leben und ihr Auskommen zu entziehen.^® Abbildung 6: Punks in München ^®Vgl. Großegger, Beate/Heinzimaier, Bernhard: Jugendkultur Guide. Wien: öbv&hpt VerlagsgmbH ^2004, S.138ff; https://www.jugendkultur.at/wp-content/uploads/Jugendkultur-Guide.pdf; Baacke: Jugend und Jugendkulturen, S. 75 ff; Mag. P., Interview vom 25.1.2019, Anhang 2
3 Jugendszenen 2018 3.1.1 Vielfalt der Szenen In Zuge der gesamtgesellschaftlichen Individualisierung und Pluralisierung der Lebensstile besteht für die heutige Jugend eine Vielfalt von Wahlmöglichkeiten. Immer schon war sie auf der Suche nach dem Neuen und setzte die Trends. Nachdem die jungen Menschen - zumindest in ihrer Freizeit - mittlerweile nicht nur nach Abgrenzung von der Erwachsenengesellschaft streben, sondern sich im Zuge des allgemeinen Individualisierungsprozesses auch innerhalb ihrer Generation von der Masse abheben wollen und nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten ihres Lebensgefühls und kreativen Formen der Selbstverwirklichung suchen, hat sich eine geradezu unüberschaubare und auch ständig wechselnde Szenenlandschaft gebildet. Jugendliche können sich im Hinblick auf die eng umschriebenen, ausdifferenzierten Themen gleichzeitig in mehreren Szenen bewegen, bei neuen Optionen oder Verlust des Interesses sind Einund Ausstieg jederzeit möglich." 3.1.2 Aufbau der Jugendszenen Die Jugendkulturforschung unterscheidet zwischen Kernszene, aktiven Konsumenten und Mainstream-Szene. Die Kernszene wird von den kreativen Köpfen, Produzenten und Aktivisten gebildet, die Trends und Styles vorgeben und auch wieder verändern, wobei Letzteres vor allem bei zunehmender Kommerzialisierung erfolgt. Szeneinsider erstellen eigene Internet-Profile und sind überregional vernetzt und unterwegs. In Communities fördern die KünstlerTalente und unterstützen sich gegenseitig, beispielsweise durch das Schaffen einer gemeinsamen Infrastruktur. Während sich die Kernszene über ein eigenes Weltbild definiert und die Teilnahme an Szeneevents für ihre Angehörigen ein MUSS ist, ist dies bei den aktiven Konsumenten nicht mehr im selben Ausmaß der Fall. Das vom Szenekern vermittelte Lebensgefühl und die Teilnahme am Szeneleben ist für sie dennoch sehr bedeutend. Die Mainstream-Szene fühlt sich zwar von den Themen angesprochen, die in der Kernszene Gemeinsamkeit stiftende Lebensphilosophie wird ' Vgl. Großegger/Helnzlmaier, ebd., S.11-16
allerdings kaum noch wahrgenommen und rezipiert. In diesem Sinne ist die MainstreamSzene nicht mehr authentisch und im Wesentlichen durch gemeinsamen Konsum und gleichen Style gekennzeichnet.^® 3.2 Streifzug durch ausgewählte Jugendszenen 3.2.1 Rap Rap ist die sprachlich-musikalische und heute populärste Ausdrucksform der Hip-HopKultur, die auch Breakdance und Graffiti umfasst und in den von kriminellen Banden beherrschten Ghettos im New York der 1970er Jahre entstand. Farbige Jugendliche, die keinen Zugang zu den Unterhaltungsangeboten und Discos der weißen Bevölkerung hatten, begannen, in den Straßen und Parks eigene Partys zu veranstalten. Während DJs Platten auflegten, motivierten sogenannte MCs (Masters of Ceremony) in Form von „call-and-responde" und Reimen zum Mitmachen und Tanzen, wobei der Breakdance kreiert wurde. „Rappen" leitet sich vom englischen „to rap" ab und bedeutet „quasseln" oder klopfen. Die Rap-Szene ist vor allem im städtischen Raum aktiv; während anfangs männliche Rapper und Migranten dominierten, boomt zur Zeit der Deutsch-Rap und auch Frauen sind mittlerweile in der Szene vertreten. Viele Musiker sind schon länger in der Szene aktiv, oft über 30 oder sogar 40 Jahre alt, die Konsumenten sind dagegen eher jung. Das typische Wortspiel und Reime zeugen von hoher Sprachkompetenz, Rapper bezeichnen sich selbst als „Spoken-Word-Artists". Oberstes Prinzip der Rapper ist Authentizität, weshalb sie meistens ihren persönlichen Alltag thematisieren. Rap kann auch eine politische Komponente beinhalten, Beispiele dafür sind die Texte des GangstaRap, die Ungerechtigkeit anprangern und in klischeehafter Weise Gewalt und die Anhäufung von Reichtum legitimieren bzw. propagieren, und der weniger aggressive sozialkritische Conscious-Rap. Der Dresscode ist von weiter Kleidung bestimmt, populär sind Baggy-Pants, Caps, Sneakers und Kapuzenpullis, teure Autos fungieren als Statussymbol. Die Lebenseinstellung der Rapper wie insgesamt der Hip-Hopper kann in folgendem Motto zusammengefasst werden: „'Do the right thing, but hang loose'" - ' Vgl. Großegger/Helnzlmaler: Jugendkultur Guide, S. 21ff
mach das, was du machen möchtest und was dir Spaß macht, und bleib dabei immer locker". Die Rap-Szene trifft sich auf Konzerten, Festivals und in Clubs, kommuniziert wird heute vor allem über Internetplattformen, die über Veranstaltungen und neue Künstler informieren sowie Videos veröffentlichen.^^ Auch in Österreich, insbesondere in Wien bildet sich eine Szene, von den Künstlern wird allerdings kritisiert, dass es noch keine ausreichende Zusammenarbeit gibt. Großen Bekanntheitsgrad haben Yung Hurn, Yugo Ürdens und vor allem RAF Camora erlangt.^" Abbildung 7: Rapper Rin am 9. Jänner 2019 bei einem Konzert im Gasometer in Wien Vgl. Grossegger/Helnzimaier: ebd., S. 30-45; Süß, Heidi: Szeneprofil: Rap. Jugendszenen.com http://wpl026128.server-he.de/wpsz/?portfoiio=rap, 20.2.2019 Vgl. Schwarz, Markus: Gang oder gar nicht? Die HipHop Szene in Österreich (22.6.2018). https://www.redbuii.com/at-de/hip-hop-in-oesterreich-szene, 20.2.2019
3.2.2 Beauty-Gurus Die Beauty-Szene wird von Mädchen und jungen Frauen dominiert, die stark auf das äußere Erscheinungsbild, Schönheit und Mode fokussiert sind und über Internetportale aktuelle Trends vorstellen und verbreiten. Männliche Beauty-Gurus sind eher selten. Auf selbstproduzierten Videos zeigen sich die Beauty-Gurus in ihrem häuslichen Umfeld, auf Einkaufstouren oder an ihren Reisedestinationen. Besonders beliebt sind die sogenannten Tutorials. Dabei handelt es sich um Schritt-für-Schritt-Anleitungen zum Nachstylen der aktuellen Schmink- und Frisurentrends. Die dabei verwendeten und von den Beauty-Gurus empfohlenen Produkte werden überwiegend selbst gekauft, zum Teil auch von Sponsoren zur Verfügung gestellt, wenn eine entsprechend hohe Anzahl an Abonnentinnen erreicht ist. Damit steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass die BeautyGurus in das Partnerprogramm von YouTube aufgenommen werden und für das Anklicken der Werbeeinschaltungen durch Follower jeweils einen bestimmten Geldbetrag erhalten. Nach einem ungeschriebenen Gesetz der Szene ist es in den Videos offenzulegen, wenn die vorgezeigten Produkte gesponsert wurden; dadurch betonen die Beauty-Gurus ihre Glaubwürdigkeit. Für den Erfolg der/des Einzelnen sind Auftreten, Aussehen und das Vermitteln von Authentizität entscheidend. Besonders erfolgreiche Beauty-Gurus werden auch zu Ladeneröffnungen oder Events wie Modeschauen eingeladen. Bei Letzteren kleiden sich die sogenannten Influencer nach den neuesten Trends bekannter Designermarken, aber auch junger Labels. Zentraler Treffpunkt der Beauty-Szene ist die virtuelle Welt, unter anderem Facebook oder Instagram.^^ In der Beauty- und Modeszene offenbaren sich die Konsumorientierung und die Schnelllebigkeit in der heutigen Zeit. Abbildung 8: Beauty-Guru James Charles Vgl. Roth, Viktoria: Szeneprofil: Beauty-Gurus. http://wpl026128.serverhe.de/wpsz/?portfolio=youtube-beauty-gurus, 23.2.2019
3.2.3 Sportklettern Die Szene etablierte sich mit dem Entstehen der Klettergärten und Kletterhallen, die die Sportausübung auch in der näheren Umgebung möglich machten. In diesen Einrichtungen kann in der Regel gefahrlos geklettert werden, weil sie mit entsprechenden Sicherungen ausgestattet sind, wobei diese nur als solche, nicht aber zur Fortbewegung benützt werden sollen. Zum Kern der Szene werden jene Sportler gezählt, die das Klettern als Teil ihres Lebens sehen, dem sie die Wochenenden und Urlaube widmen. Wochentags wird zumindest einige Stunden trainiert. Teilweise richten sie auch ihr Engagement in Beruf, Schule oder an der Universität danach aus. Szeneangehörige, die im Klettern nur ein Hobby sehen, wenden wesentlich weniger Zeit auf. Kletterer messen ihre Leistung nicht an der Gefährlichkeit oder Länge der zurückgelegten Strecke, sondern am Schwierigkeitsgrad. Wichtig ist auch der Stil, also die Ästhetik der Bewegungen. Zum Reiz des Sports trägt neben diesem Aspekt die besonders intensive Erfahrung der eigenen Körperlichkeit bei, außerdem die persönliche Entwicklung dahingehend, dass Routen von stetig steigendem Schwierigkeitsgrad bezwungen werden können. Auf diese Weise streben die Sportkletterer nach Selbstverwirklichung. Neben der individuellen Weiterentwicklung ist für viele auch das Gemeinschafts- und Naturerlebnis von großer Bedeutung. Zur Gruppenbildung kommt es vor allem in Seilschaften, aber auch bei gemeinsamen Touren. In neueren Disziplinen wie dem Bouldern klettern die Sportler nicht mehr in Seilschaften, Wettkämpfe werden mittlerweile auch im Fernsehen gezeigt. Vgl. Bucher, Thomas: Szeneprofil: Sportklettern. http://wpl026128.serverhe.de/wpsz/?portfollo=sportklettern , 23.2.2019
4 Jugendkulturen des 20. Jahrhunderts und Jugendszenen 2018 im Vergleich 4.1 Soziokulturelle Hintergründe: Wertewandel und Wertesynthese Nach den Kriegs- und Mangelerfahrungen des Zweiten Weltkrieges herrschte ein großes Bedürfnis nach Sicherheit, die mit Leistung, Fleiß, Vernunft und Disziplin erreicht werden sollte. Mit der einsetzenden Wirtschaftswunderzeit stellten die Jugendlichen die Dominanz der traditionellen Pflicht- und Akzeptanzwerte zunehmend in Frage, Werte wie Selbstverwirklichung, Lebensqualität und Lebensgenuss gewannen an Bedeutung. Jugendliche stellten autoritäre Strukturen in Frage, was sich in Grenzüberschreitungen und letztlich in Revolten äußerte. In den 80er Jahren schließlich standen im Zuge eines Individualisierungsschubes bei vielen Jugendlichen die hedonistisch-materialistischen Werte im Vordergrund, Egoismus griff um sich. Ab Anfang der 90er Jahre setzte wieder eine Rückbesinnung auf traditionelle Werte wie Familie, Freundschaft und Partnerschaft ein, Abenteuer und Spaß standen bei den Jugendlichen aber weiter hoch im Kurs, die Sozialwissenschaft spricht von einer Wertesynthese.Die in den letzten Jahrzehnten immer rascher fortschreitende Modernisierung in Wirtschaft und Technik, Individualisierung^'^ und Pluralisierung^^ in Gesellschaft und Kultur führten allerdings zu einer allgemeinen Veränderung der Wertsysteme, die sich in den Jugendlichen widerspiegelt. Die jungen Menschen von heute müssen über persönliche Kompetenzen wie Veränderungsbereitschaft, Flexibilität und Anpassungsfähigkeit an unterschiedliche Anforderungen in parallel existierenden Lebenswelten verfügen. Dieser Balanceakt Vgl. Kandlblnder: Halbstark und Cool, S. 101-103 Unter Individualisierung wird der Prozess der Ablösung der typischen industrie-gesellschaftlichen Lebensformen durch postindustrielle Werte der Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung in Folge eines verbesserten Lebensstandards, weitgehender sozialer Sicherheit und neuartigen Lebenschancen verstanden. Anstelle von „Normalbiographien" im Sinne von klassenkulturellen Identitäten und ständisch-konventionellen Lebenswegen treten individuell ausdifferenzierte Lebensentwürfe, so genannte „Wahlbiographien". http://soziologie.soz.uni-linz.ac.at/sozthe/freitour/FreiTour-Wiki/individualisierung.htm, 20.2.2019 Pluralismus: Koexistenz von verschiedenen Interessen und Lebensstilen in einer Gesellschaft, https://de.wikipedia.org/wiki/Pluralismus, 20.2.2019
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