Oberösterreich, 38. Jahrgang, Heft 1, 1988

Kunst der Gegenwart Trauer und Erschütterung haften an den Dingen: „Famillenblld", Acryl, Kohle und Kreide auf Papier, 120 x 170 cm, 1987 Bild 1, Landespresse, Linschinger aiie anderen Fotos Atelier Fleischmann, Linz zur Mauthausener Ausstellung hatte der Künstler geschrieben: „Unsere Geschichte ist auch die unserer Eltern und Großeltern. Auch wir tragen an dem, was sie erlitten, zu fügten oder duldeten. 1938 bis 1945, ein Ge schichtsabschnitt mit Ereignissen, die gerne verdrängt oder verharmlost werden. Daß so unvorstellbare Ereignisse wie jene im ehema ligen KZ Mauthausen nicht in Vergessenheit geraten, dazu sollen meine Bilder beitragen." Die große Spannung des Hell-Dunkel in ihnen entspricht dem Inhalt der Aussagen. Wo Farbigkeit auftritt, z. B. als rotes oder blaues Zeichen, wirkt sie wie ein Brandmal des Ausgestoßenseins. Nichts wird direkt ausgesprochen, sondern steht als Schwel gen hinter diesen Relikten. Das Geschehen weitet sich damit aus ins allgemeine, weist auf Menschen, die heute unterdrückt und ge foltert werden, in Afrika, in Südamerika. Wenn sich Schweigen darüber breitet, so geht es doch ein in das Schweigen des Steins, das mit unüberhörbarer Stimme spricht. Von dieser Eigenschaft weiß Herbert Friedl. Bewältigung hervor. Genannt sei das 1983 in Acryl und Öl auf Leinwand gemalte Triptychon „Verdunkle gewissenhaft", wieder drei Fensterbilder. Blutige Bedrohung und die Fin sternis einer Zeit werden darin ausgedrückt. In diesen suggestiven, mit wenigen Zitaten auskommenden Darstellungen trifft der gleichnishafte Charakter einen inneren Nerv. Bei der Präsentation des Triptychons in der Mühlviertler Künstlergilde anläßlich der Lan desausstellung 1983 stand auf einem Podest davor ein Kreuz, auf dessen Sockel die Ortsnamen von Konzentrationslagern ge schrieben standen. „Eines Tages", erinnert sich Friedl, „sind Vater und Mutter mit mir nach Mauthausen gefahren. Damals war ich so um sechs Jahre alt. Ich bin noch viele Male hingekommen, habe ehemalige Häft linge kennengeiernt. Ich habe angefangen, mich mit der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts zu befassen. Besonders an den Geschehnissen vor dem Zweiten Welt krieg, da ist mir die Ungeheuerlichkeit schon klar geworden, die sich damals bereits an kündigte. Eine schwierige Problematik be deutet für mich die Frage nach der Partei der Nationalsozialisten: Als überzeugter Demo krat verabscheue Ich jegliche faschistische Ideologie. Doch es ist mir klar, daß vieles da mals, In einer sozial schwachen Zeit, anders aussah. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten hätte, wenn mir eine Entscheidung abver langt worden wäre. Damit meine ich, daß wir die Generation unserer Eltern und Großeltern nicht leichtfertig verurteilen sollen. Wie der Künstler Herbert Friedl die entsetz lichen Geschehnisse vor sich hinstellt, die In den Konzentrationslagern von Menschen an Menschen verübt wurden, zeigte eine Aus stellung „Auch Dinge haben ihre Tränen", Ostern 1987 in der Kirche von Pregarten. Gleich einem Kreuzweg hingen die Bilder an den hellen Wänden des Kirchenschiffs. In ih nen fehlen die Menschen, nur die benützten Dinge reden. Es sind Bilder des Schwelgens, gemalt Im Gedenken an die Opfer des Kon zentrationslagers Mauthausen, das nicht weit entfernt von Pregarten liegt, und in dem Hun derttausende starben. „Ich sah nie, wie ein KZ-Häftling gepeinigt wurde, wie er hungerte, wie er fror, aber ich habe die Kleider gese hen, die blieben. Ich habe nie eine mit Hun derten gesunden, kranken und toten Men schen vollgepferchte Baracke erlebt, wohl aber die absolute Leere, die folgte. Ich war nie bei einer Hinrichtung dabei, kenne aber die Betroffenheit, die solche Orte und Stätten auslösen. Ich weiß, daß ein Granitblock das Ende bedeuten kann, wenn man nicht bei Kräften ist. Ich kenne die Größe des Massen grabes, das sich unter dem grünen Rasen teppich verbirgt, und die Höhe der Aschen halde. Ich kenne die dunklen Tümpel im Steinbruch und die scheinbar endlose Stie ge .. . und viele stumme Zeugen, die zum In halt meiner Bilder wurden." Den Worten Her bert Frledls merkt man die Erschütterung an, aus der heraus die 28 großformatigen Acrylbilder entstanden, in fünfzehn Monaten, in denen er physisch und psychisch litt, oft ver zweifelt und schlaflos war. Ermutigung zum Durchhalten kam von Freunden. Im Faltblatt „Der Stein verrät nichts", Acryl, Kohle und Kreide auf Papier, 120 X 85 cm Aus aktuellem Anlaß ist soeben im TyrollaVerlag, Innsbruck, das Buch „Auch Dinge ha ben ihre Tränen" erschienen. Texte von Gott fried Bachl und Günter Rombold. Bilder von Herbert Friedl (den Opfern im KZ Mauthau sen zum Gedächtnis). Mit einem Vorwort von Kardinal Franz König zum Gedenkjahr 1988. 80

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