Kunst der Gegenwrt Gespräch führen. Ein andermal möchte er den Vorhang zuziehen, die Jalousien herun terlassen. Dann blickt er in sich hinein, ist mit sich — oder mit den Menschen im gleichen Zimmer — allein. Das kann die Geborgenheit des Zu-Hause-Seins oder die Angstkammer des Bewußtseins bedeuten, Stille und Streit mit sich und den anderen. Der Blick hinaus kann nicht nur Schönes und Häßliches her einholen, er kann auch Trauer und Freude hinausprojizieren. Er vermittelt ja ein Stück Weit, und die Einstellung zur Welt Im ganzen, die ich im jetzigen Augenblick habe, prägt ihn mit. Den Widerspruch zwischen der in präch tige oder armselige Einzeldinge zerlegten äußeren Welt und dem Innenraum der Seele löst Frledl nicht auf, sondern stellt den Be trachter mitten hinein. Diese .Fensterbiider' vermögen zu beunruhigen und munter zu machen. Der Künstler hat sie vor einigen Jah ren auch als Mappe mit mehrfarbigen Origi nalradierungen herausgebracht. Die überaus sensiblen, mit vielen feinen Grauwerten strukturierten Arbeiten weisen ihn als hervor ragenden Druckgraphiker aus, dem es um Zustands- und Konfliktbeschreibung geht In seiner Sinnsuche. Auch der Psychologe 0. G. Jung hat sich 1952 zur Thematik ,Außenwelt' und ,Innenwelt' geäußert In einem philoso phischen Bezug: Der westliche Mensch ist von den ,zehntausend Dingen' bezaubert; er sieht das einzelne, er ist ich- und dingverhaf tet und der tiefen Wurzel des Seins bewußt. Der östliche Mensch dagegen erlebt die Elnzeldingwelt, ja sogar sein Ich wie einen Traum und wurzelt wesenhaft im Urgrund, der ihn so mächtig anzieht, daß seine Weltbezogenhelt in einem für uns oft unbegreifli chen Maße relativiert ist." Es gibt ein Zitat von Samuel Beckett, das an gewandt Wesentliches über Herbert Friedl aussagt: „Das ist es vielleicht, was ich fühle, daß es ein Draußen und ein Drinnen gibt und ich in der Mitte . . ." Mit westlicher und öst licher Geisteshaitung hat sich der Künstler In tensiv beschäftigt. Er zieht sich manchmal in die Einsamkeit zurück, um Abstand zu haiten von den „zehntausend Dingen", und um sich zu sammeln. Seit iangem umkreist er ein Thema, in dessen Nähe er oft gekommen ist. Hier handeit es sich um den Stein, der selbst auch ein Bild für Sammlung sein kann, und dessen Symbolik in Philosophie und Reli gion als grundlegend erfahren wird. Herbert Friedl denkt an Adalbert Stifter, an die „Bun ten Steine", zu denen er einmal eine Mappe mit Radierungen herausbringen möchte. „Der Stein", sagt er, „besitzt viele Aspekte, bergende und bedrohende, freundliche und todbringende. Es fordert mich heraus und versetzt mich in Unruhe, daß bei Stifter alle diese Erzählungen mit schicksalhaften Kata strophen einhergehen. Hier stehe ich auch vor der Probiematik des Tragischen." An einen Probiemkreis hat sich Herbert Friedl In den letzten Jahren ebenfalls konti nuierlich herangetastet. Heimat, Kultur, Ge meinschaft, das heißt für ihn auch Geschich te, heißt Vergangenheit, nicht Verdrängung, sondern Bewußtmachung. Aus dieser Aus einandersetzung gingen eindrucksvoiie Er gebnisse künstlerischer Durchformung und Im Gedenken an die Opfer des KZ Mauthausen: „Das Geschehen vollzieht der Mensch am Menschen", Acryl, Kohle und Kreide auf Papier, Triptychon, Mittelteil 120 x 170 cm, Seltenteile 120 x 60 cm, 1986 79
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