Oberösterreich, 38. Jahrgang, Heft 1, 1988

Kunst der Gegenwart Ganzheit setzt oft einen Prozeß des Leidens voraus: „Fronieichnamsabend", Farbradierung, 35,5 X 32 cm, 1986 gänge." Sie stehen natürlich in Spannung zum Potential seiner Intuition. Damit gleicht er aus, was ihn an Naturgeschehen in Bann schlägt, ihn in Faszinationen treibt, die er in langen Prozessen immer wieder aufgreift. Man muß Herbert Friedl und sein entstehen des Werk einmal über einen längeren Zeit raum hinweg begleitet haben: Er arbeitet kon sequent und fleißig, ohne sich dabei zu überfordern. Dabei beschränkt er sich ganz bewußt auf bestimmte Themen und ihre Um felder, bevorzugt das gediegene Handwerk, die gebaute Komposition, doch läßt er sich davon nicht einengen. Vom realen Ding geht er aus, läßt sich treffen von der Eigentümlich keit seiner Formen. Er hat wunderbare Bilder in Tempera und Öl auf Spanplatten gemalt von Pflanzen, von der Sonnenblume, vom Weihnachtsstern, vom Frauenschuh. Karl Kleinschmidt machte in einem Essay 1979 darauf aufmerksam, daß die ruhige und ge stalterische Kraft in diesem Werk beides sieht und sichtbar macht. Leichtes und Schweres, Vereintes und Auseinanderstrebendes. „Da wird etwa eine aufspringende Knospe vergrö ßert, isoliert, auf dunklem Grund (homogene Fläche aus übereinander aufgetragenen Farbschichten), zu einem Elementarereignis. Die Energie des Schweiiens, die sprengende Gewalt des drängenden Wachstums tut sich kund, zugleich verfremdet durch die Farbe, durch die glasharte Kontur. Alles erscheint im Werden stillgehalten, vereist, wie hinter Glas. Asketische Kühle ist das Gefäß, in dem sich Fülle des Lebendigen verdichtet. Was Friedl vorfindet, was ihn zur Gestaltung reizt in der Begegnung, das versetzt er in eine andere Dimension, ohne die Merkmale zu ändern. Das genaue Abbild verändert den Charakter, es verwandelt sich von innen her, es wächst neu aus dem Hintergrund, aus dem Urgrund. Der Blick des Betrachters meint Vertrautes zu erkennen, aber es ist durch ein kühles Medi um gegangen, erstarrt, ohne getötet zu sein. So schafft es sich Anteil und Distanz zu gleich, und wir schauen ein solches Gebilde wie zum erstenmal, es wird zur Chiffre, die nicht immer aufzulösen ist." Unverkennbar haben mit den durchgestan denen geistigen Prozessen in diesem Werk auch die technischen Mittel an Differenzie rung gewonnen. Herbert Friedl hat nicht nachgelassen, zu lernen und sich handwerk lich zu vervollkommnen. Er hat an internatio nalen Sommerakademien in Salzburg teilge nommen und an anderen Seminaren und diese Wochen auch als Notwendigkeit er kannt; „Den Kontakt, die Begegnung, das Ge spräch mit schöpferischen Persönlichkeiten halte ich für jeden bildnerisch schaffenden Menschen für unabdingbar." Das Gespräch vollzieht sich für den Künstler auch im Werk .VH|H[ 'rß-. f.; in verschiedenen Bereichen, auf verschiede nen thematischen Ebenen. Tritt für ihn die Natur in ihrer ganzen Umfänglichkeit in Er scheinung, auch als Zerstörung, als Ster ben, das in ein größeres Leben eingebettet ist, so führt er auch einen Dialog mit der Ge genstandsweit, die vom Menschen geformt wurde, die Einflußnahme und Gebrauch durch ihn aufweist. Seine Heimat, seine Landschaft ist das Mühlviertel, dessen sonni ge Klarheit und dunkle Schwermut, dessen herbe Schönheit und lyrische Versponnenheit er kennt und in vielfältiger Weise in sei nem Werk reflektiert und in Erscheinung bringt. Seine kritische Betrachtungsweise, die stilistisch seinem kritischen Realismus entspricht, richtet sich aber ganz entschie den gegen einen übergroßen Machtanspruch der Volkskunst, besonders gegen ihre Verkit schung und Verfälschung. Er betrachtet die Einheit von Architektur und den Bedingun gen und Voraussetzungen, aus denen sie hervorging, bedenkt das Verhältnis des Men schen zum Landschafts- und Kulturraum, in dem er lebt. Das Einzelne ging ihm auf: Haus, Tür, Fenster, die Hauswand eines Mühlviertler Hofes mit den in das Mauerwerk einbezo genen Granitsteinen. Die Stofflichkeit, mit der das Innere der Welt umkleidet ist, erfährt er in ihrer Besonderheit, und sie wird zu einem Erlebnis, das ihn viele Jahre in seinem Schaffen begleitet. Jedes besondere Ding, das ist unschwer an den Bildern zu erkennen, verweist auf eine andere symbolische Bedeutungsebene, und die Themen, die sich hier herauskristallisie ren, verweisen wieder auf die geistige und seelische Durchklärung der existentiellen Si tuation, auf die Frage nach der Integration des Einzelnen in die Gemeinschaft, auf die Aufgaben des Individuums, das sich in seiner zunehmenden Bewußtwerdung begreift und verantwortlich weiß. Als Herbert Friedl im Herbst 1984 anläßlich einer Aussteilung einen kleinen Katalog her ausbrachte, trug dieser den Titel „Das Fen-

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